50 Verletzte bei Protesten gegen Müllkrise

In der Müllkrise im Libanon zeichnet sich keine Lösung ab – die Nerven liegen zunehmend blank. Nun ist es bei Demonstrationen zu schweren Ausschreitungen gekommen.

Strassenschlachten in Beirut: Demonstranten werden mit Wasserwerfern in Schach gehalten. (22. August 2015)

Strassenschlachten in Beirut: Demonstranten werden mit Wasserwerfern in Schach gehalten. (22. August 2015)

(Bild: Keystone Wael Hamzeh)

Bei Protesten gegen die Müllkrise im Libanon ist es zu schweren Strassenschlachten zwischen Polizisten und Demonstranten gekommen. Mindestens 15 Kundgebungsteilnehmer seien bei den Unruhen in Beirut verletzt worden, teilte ein Sprecher des örtlichen Roten Kreuzes mit.

Laut der Polizei wurden 35 Beamte verletzt, als sie Demonstranten zurückzudrängen versuchten, die Sicherheitsbarrieren nahe der Parlaments- und Regierungsgebäude durchbrechen wollten. Die Beamten gingen teils mit Tränengas, Gummigeschossen und Wasserwerfern gegen Tausende Protestler vor. In der Hauptstadt waren am Abend auch Schüsse zu hören.

Die Proteste vom Samstag waren die massivsten Unmutsbekundungen im Libanon, seit sich in den Strassen die Müllberge türmen, nachdem die grösste Deponie des Landes vor einem Monat geschlossen wurde. Die notorisch zerstrittene Regierung konnte sich bisher nicht auf eine Alternativlösung einigen.

Müll auf den Strassen verbrannt

Einige Bewohner Beiruts haben in ihrer Not bereits damit begonnen, Müll selbst zu verbrennen. Dabei gelangten vielerorts giftige Dämpfe in Wohnungen. Gesundheitsminister Wael Abu Faur warnte daher zuletzt vor einer Gesundheitskatastrophe, sollte das Land das Abfallproblem nicht in den Griff bekommen.

Auf die Strassen trieb die Menschen jedoch nicht nur der beissende Gestank, sondern auch Wut über staatliche Korruption und politisches Chaos in Umgang mit der Müllkrise. Zu den Protesten aufgerufen hatten das Online-Netzwerk «Ihr Stinkt!» sowie andere Bürgerrechtsgruppen.

«Wir wollen in unserem Land leben!», war auf einem Transparent der Teilnehmer zu lesen. Auf einem anderen stand über Fotos libanesischer Politiker in roten Lettern: «Einiger Müll sollte NICHT recycelt werden.» Andere skandierten den Slogan «Das Volk will das Regime stürzen!»

Rotes Kreuz rechnet mit mehr Verletzten

Die Demonstranten hatten sich zunächst am Rijad-Solh-Platz nahe des Regierungssitzes versammelt. Einige lösten sich aus der Menge, um eine Barriere zu überwinden, woraufhin Bereitschaftspolizisten hart einschritten. Einige von Tränengas benommene Protestler wurden weggetragen. Der private TV-Sender LBC meldete, Beamte hätten sogar einen ihrer Kollegen angegriffen.

Der Sprecher des Roten Kreuzes, George Kattaneh, rechnete mit weitaus mehr Verletzten unter den Demonstranten, da die Strassenschlachten bis tief in die Nacht andauerten. Einige der Demonstranten zogen später zum nahe gelegenen Martyrer-Platz und erklärten, die ganze Nacht dort ausharren zu wollen.

Innenminister Mohammed Machnuk, der sich derzeit im Ausland aufhält, zeigte sich entrüstet über Berichte von Schüssen, die während der Ausschreitungen zu hören waren. Die Schützen würden zur Rechenschaft gezogen, sagte er dem privaten TV-Sender Al-Jadeed. Zudem kündigte er an, die Abfallkrise bei einer Kabinettssitzung in der kommenden Woche lösen zu wollen.

Ob sich die Proteste zu einer grösseren Volksbewegung auswachsen, ist noch unklar. Doch haben die Organisatoren die Bürger aufzurufen, sich ihnen anzuschliessen.

chk/sda

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