Krieg der Worte

Wer anderen Hetze vorwirft, aber selber mit Beleidigung und Anheizen nicht zurückhält, macht sich zum Mittäter dieser Volksaufwiegelung.

Der Videopodcast von Tamara Wernli.

Sollte das Ziel gewesen sein, einen Beitrag zu leisten zur Spaltung einer ohnehin gereizten Gesellschaft, kann man die Schlagzeilen einiger Leitmedien von vergangener Woche als äusserst gelungen bezeichnen. Der Spiegel, The Huffington Post, Vice und CNN unterscheiden sich, was Headlines angeht, kaum mehr von den «Breitbarts» dieser Welt – jenem Webportal, das die versammelte Presse stets so selbstgefällig verteufelt. Der einzige Unterschied: Die «seriösen» Medien schreiben für ein anderes Publikum.

Bestenfalls dringen Schlagzeilen in den Denkprozess des Lesers ein, triggern ihn. Ich habe nichts gegen aufdringliche Headlines. Ich benütze sie in meinen Kolumnen selbst, spitze sie zugunsten der Neugier zu, wie neulich, als ich Googles «sexistische Kackscheisse» titelte. Ein Begriff, der nicht aus meinem Geistesfundus stammt, ich zitierte damit eine Headline, dessen Autor seiner ungezügelten Verachtung über einen Google-Mitarbeiter freien Lauf liess – und die ich für restlos unangebracht hielt. Dass in der Folge in Leserbriefen meine Kinderstube infrage gestellt wurde, veranschaulicht, dass Leser eben das lesen, was sie lesen wollen.

Schlagzeilen dürfen polarisieren, Debatten auslösen – Meinungsfreiheit gilt für alle.

Nun ist «Tamaras Welt» eine Meinungskolumne, ein subjektives Gedankengelage und gibt nicht zwingend die Meinung der BaZ-Redaktion wider. Titelbilder wie beim Spiegel aber reflektieren üblicherweise die politische Ausrichtung des gesamten Mediums. Es überrascht also höchstens am Rande, wenn eine Redaktion in ihrem Bestreben, der Leserschaft (und sich selbst) das zu geben, was sie eben lesen will, mit ihren Schlagzeilen politischen Aktivismus betreibt:

Der Spiegel bildete auf seinem Cover eine Ku-Klux-Klan-Mütze ab, Titel: «Das wahre Gesicht des Donald Trump».

The Huffington Post schrieb zum Abgang von Trump-Chefstratege Steve Bannon: «Goy, Bye!» «Goy» bezeichnet aus jüdischer Sicht einen Nichtjuden. Sein Gebrauch ist kontrovers, laut «dictionary.com» impliziert es normalerweise «Verachtung für Nicht-Juden».

In Bezug auf die Debatte um die Konföderierten-Statuen titelte eine Vice-Kolumne: «Lets blow up Mount Rushmore» – man sollte die monumentalen Porträtköpfe der US-Präsidenten in South Dakota in die Luft sprengen.

Auf seiner Website beschrieb CNN die Antifa-Bewegung in Bezug auf Charlottesville als Aktivisten, die «Frieden durch Gewalt» suchen. Dass ausgerechnet die Antifa mit ihren vermummten Kampfgestalten, dem Vandalismus und den Angriffen auf Polizisten auf Friedensmission sein soll, war dem Sender wohl doch ein bisschen suspekt, die romantisierende Headline wurde später geändert. Auch Huffpost und Vice aktualisierten nach Leserprotesten ihre Wortwahl, also das, was gemäss eigener Terminologie unzweifelhaft unter die Kategorie «Hatespeech» fällt. Nur änderte es nichts mehr, denn Tausende hatten es schon angeklickt.

Massloser Hochmut

Schlagzeilen dürfen polarisieren, Debatten auslösen – Meinungsfreiheit gilt für alle. Sie müssen den Betroffenen nicht schützen, ihm nicht gefallen. Der Leserschaft auch nicht. Das Problem ist, wer anderen fortwährend Hetze vorwirft, sich in moralischer Empörung ereifert und nach Sperrung und Zensur ruft – wie es Leitmedien in ihrem hochmotivierten Kampf gegen alles, was nicht ihrem Weltbild entspricht, tun –, aber selber mit Beleidigung und Anheizen nicht zurückhält, ist nicht nur unglaubwürdig, sondern macht sich zum Mittäter ebendieser Volksaufwiegelung. Und offenbart eines: masslosen Hochmut.

Basler Zeitung

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