Wie Politiker die EM ausschlachten

Dass Fussball mehr als ein Sport ist, zeigt sich erneut nach dem Spiel Frankreich gegen Deutschland – in beiden Ländern.

Stolz trotz miserablen Zugstimmungswerten: Präsident François Hollande beim gestrigen Halbfinal Frankreichs gegen den Weltmeister. (7. Juli 2016)

Stolz trotz miserablen Zugstimmungswerten: Präsident François Hollande beim gestrigen Halbfinal Frankreichs gegen den Weltmeister. (7. Juli 2016)

(Bild: AFP)

Martina Meister@tagesanzeiger

Es gehört zu den oft wiederholten Selbsttäuschungen des gesellschaftlichen Betriebs, dass Sport und Politik zu trennen seien, dass sie nichts miteinander zu tun hätten, dass Sport eben Sport und Politik Politik sei. Allein die Zuschauerzahlen heutiger Grossereignisse zeigen aber, dass daran etwas nicht stimmen kann. Wenn sich, wie am Donnerstagabend in Frankreich, eine Zweidrittelmehrheit der Fernsehzuschauer vor den Geräten versammelt, wenn fast 20 von60 Millionen Einwohnern ein Fussballspiel sehen, dann ist das politisch, von ganz alleine. Und natürlich verlässt dann der Präsident seinen Elysée-Palast und nimmt auf der Ehrentribüne Platz.

François Hollande, Frankreichs unbeliebtester Präsident aller Zeiten, und Manuel Valls, sein ebenso glückloser Premierminister, waren natürlich im Stadion, als es gegen die übermächtige deutsche Nationalelf ging. Im Moment des Sieges gebärdete sich Hollande wie ein kecker Junge und schubste übermütig den neben ihm aufgebauten Präsidenten des französischen Fussball-Verbands Noël le Graët, während Valls kurz nach Abpfiff «Vive les Bleus! Vive la France!» twitterte. Dafür hätte es keinen Premierminister gebraucht.

Der Ruf hallte längst durchs ganze Land, und überall spielten Autohupen die Musik eines sportlichen Erfolgs, an dem die Gesellschaft Anteil nimmt. Aber im Grölen und Singen und Hupen dieses Donnerstags steckten viele Botschaften. Der fröhliche Lärm erzählte von Erleichterung darüber, dass bislang – von ein paar anfänglichen Hooligan-Aktionen abgesehen – keine Gewaltakte das Sportfest trübten.

Er erzählte davon, dass in diesen Jahren des französischen Malaises, der ökonomischen Depression, der Identitätskrise, in diesen unruhigen Monaten des Ausnahmezustands seit den November-Anschlägen, das Gefühl der Gemeinschaft noch intakt, die Fähigkeit zum ausgelassenen Feiern nicht erstickt worden sind. Er erzählte davon, auch das, dass die Franzosen dem oft als nerviges Vorbild hingestellten Deutschland eben doch manchmal ein Schnippchen schlagen können.

In Festlaune: Französische Fans feiern den Halbfinalsieg gegen Deutschland auf den Champs Elysées. Foto: Regis Duvignau/ Reuters

«Der Fluch ist gebrochen», titelte eine Zeitung. Das Trauma von Sevilla, als Deutschland die Franzosen 1982 im Halbfinal der Weltmeisterschaft K. o. schlug, ist nach über dreissig Jahren noch immer allgegenwärtig und wurde im Vorfeld der Begegnung von Kommentatoren, Zeitzeugen, Protagonisten herbeizitiert. Es war höchste Zeit, diese Wunde zu schliessen.

Der Sieg von Marseille wird nun viel besprochen, ausgelotet werden, durchinterpretiert nach allen Richtungen. Die Exegese begann schon Freitag früh auf allen Radiokanälen, wo sich die Intellektuellen versammelten, um dem Ereignis höheren Sinn abzutrotzen. Der Fussball wurde auf die Höhe von Kunst und Poesie erhoben, ein kollektives Moment der Erleichterung wurde konstatiert, und gesellschaftlich-kulturelle Konsequenzen erwogen. Wie in Deutschland 2006, sagte einer, als die WM im eignen Land ein neues Selbstbild befördert habe, werde auch diese EM ihre Effekte auf die Gemütslage der Franzosen haben.

Spieler mit buntem Background

Sie wird die schöne nationale Erzählung von der bunten Herkunft ihrer Spieler fortschreiben, das «black-blanc-beur», die Versammlung von Spielern afrikanischer, arabischer, europäischer Herkunft, wie sie im Jahr der Weltmeisterschaft 1998 begonnen wurde. Heute kommt hinzu, dass eine ganze Handvoll Spieler im Team aus Frankreichs berüchtigten Vorstädten stammt, den Banlieues, deren häufig deklassierte Bewohner wenigstens im Fussball in Kontakt mit der Nation treten, die im Alltag sehr fern scheint.

Der Fussball könnte François Hollande zu Sympathie verhelfen: Hier posiert er nach dem Fussballmatch in Marseille mit Fans. Foto: Reuters

Vorbei sind jedenfalls die Zeiten, in denen der Front National in Person seines damals bereits alten Vorsitzenden Jean-Marie Le Pen meinte, die multiethnische Truppe als irgendwie unfranzösisch ablehnen zu können. Das wagen seine Nachfolger heute nicht mehr. Marine Le Pen hat aus ihrem Desinteresse am Fussball noch nie einen Hehl gemacht. Auch Parteivize Florian Philippot hat sich noch nie in einem Stadion sehen lassen.

Selbst die Soziologen wundern sich über das Paradox, dass eine Partei wie der Front National, der sich als volksnah inszeniert, dem Fussball demonstrativ den Rücken zukehrt.

Von kurzer Dauer: AfD-Politikerin Beatrix von Storch hat diesen kontroversen Tweet gelöscht.

Skandalöse Tweets wie jenen der AfD-Politikerin Beatrix von Storch, die nach dem Spiel höhnisch geschrieben hatte, beim nächsten Mal könne ja vielleicht wieder «eine deutsche Nationalmannschaft» antreten, sind in Frankreich heute undenkbar. Das ist nicht zuletzt dem Fussball und seiner integrativen Kraft zu verdanken.

Ein möglicher Sieg gegen Portugal am Sonntag könnte Hollande zu unverhoffter Sympathie verhelfen. Einer der Sportchefs von «Le Monde» twitterte: «Griezmann ist derart stark, dermassen zu allem fähig, dass er François Hollande zur Wiederwahl verhelfen wird.» Ein Fan drückte es einfacher aus, was das Wunder von Marseille mit ihm machte: «Verdammter Mist, ich habe Lust, Hollande zu wählen.»

Aber Frankreich wäre nicht Frankreich, wenn es nicht schon den kühlen Blick der Analysten und Miesmacher gäbe, die Entwarnung geben. «Die bessere Gemütslage und das kollektive Gefühl solcher Ereignisse vermag Hollande höchstens kurzzeitig etwas Luft zum Atmen zu geben», prophezeit Meinungsforscher Yves-Marie Cann. Ein Sieg am Sonntag, so seine Prognose, werde die desaströse Tendenz dieser Regierung nicht umkehren. Hollande, bekanntermassen wirklich Fussballfan, würde das sicher relativeren. «Der Fussball hat etwas Theatralisches», sagte der Präsident vor Beginn der EM in einem Interview, «bis zum Abpfiff weiss man nicht, was passiert.»

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