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Vier Jahrzehnte tat er Busse

Vor 50 Jahren brachte eine Sexaffäre den britischen Kriegsminister John Profumo zu Fall. Für Grossbritannien stellte die Profumo-Affäre eine Zeitenwende dar.

Der Kriegsminister und seine Frau: John Profumo und Valerie Hobson in der Royal Academy 1961.
Der Kriegsminister und seine Frau: John Profumo und Valerie Hobson in der Royal Academy 1961.
Keystone
Die junge Schönheit: Christine Keeler (r.) verdrehte Profumo den Kopf. Hier sitzt Keeler nach dem ersten Prozesstag gegen den Osteopathen Stephen Ward in einem Auto. (22. Juli 1963)
Die junge Schönheit: Christine Keeler (r.) verdrehte Profumo den Kopf. Hier sitzt Keeler nach dem ersten Prozesstag gegen den Osteopathen Stephen Ward in einem Auto. (22. Juli 1963)
Keystone
... der sie um acht Jahre überlebte. John Dennis Profumo starb in der Nacht zum 10. März 2006 an den Folgen eines Schlaganfalls. (8. November 2005)
... der sie um acht Jahre überlebte. John Dennis Profumo starb in der Nacht zum 10. März 2006 an den Folgen eines Schlaganfalls. (8. November 2005)
Chris Young, Keystone
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Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, ein Drehbuchautor habe sich das Ganze ausgedacht: ein Minister, jugendlich, strahlend, noch keine 50 Jahre alt, mit Aspirationen auf das Amt des Premierministers. Schöne Frauen, Spionage, ein dubioser Heilpraktiker, der bei den Mächtigen ein- und ausgeht und nebenbei als Zuhälter fungiert – und all das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass John Profumo fiel. 1963 legte der Brite, damals 48 Jahre alt und seit knapp drei Jahren Kriegsminister Ihrer Majestät, sein Amt nieder. Vorausgegangen war eine monatelange öffent­liche Inquisition.

Seinen Anfang hatte das Verhängnis zwei Jahre zuvor genommen. Es war der Sommer des Jahres 1961. In Berlin zog die kommunistische DDR eine Mauer hoch und im Park von Cliveden entstieg eine rothaarige Schönheit einem Pool: die 21-jährige Christine Keeler.

Die Jagd um den Pool

Cliveden, der schlossähnliche Landsitz der amerikanisch-britischen Astor-Dynastie in der Grafschaft Buckinghamshire, war zu jener Zeit einer der bevorzugten Treffpunkte der Londoner Society. Am Poolrand standen Profumo und sein Gastgeber Bill Astor. Die beschwipsten Männer beobachteten, wie Christine dem Wasser entstieg und sich mit einem Handtuch notdürftig bedeckte. Wie ausgelassene Schulbuben jagten sie die junge Frau um den Pool herum und versuchten, ihr das Handtuch zu entwenden. Auf einmal schaltete Astor die Beleuchtung ein, wodurch weitere Gäste aus dem Haus angelockt wurden, darunter Lady Astor, die Ehefrau des Gastgebers – und Valerie Hobson, die Gattin des Kriegsministers.

Hobson war seit sieben Jahren mit Profumo verheiratet. Eine gefeierte Filmschauspielerin der 30er-, 40er- und 50er-Jahre, hatte sie 1935 an der Seite von Boris Karloff die Baroness Frankenstein gespielt. Seit ihrer Heirat mit Profumo hatte sie sich ganz auf die Rolle der Ministergattin zurückgezogen, vornehm, kühl, unnahbar, schön. Ob sie das burleske Treiben am Pool der Astors kommentierte, ist nicht überliefert. Ihren indignierten Blick kann man sich jedoch lebhaft vorstellen.

Vom Wohnwagen ins Schloss

Für die blutjunge Christine Keeler war Cliveden alles andere als ihr natürliches Habitat. Geboren im Londoner Vorort Uxbridge, verlebte sie ihre Kindheit in einem Wohnwagen. Mit 15 zog sie ins Herz der Metropole, wo sie sich als Tänzerin, Model, Dirne und Showgirl verdingte.

Stephen Ward, ein junger Mann, der sich selbst Osteopath nannte, Knochentherapeut also, war es, der Christine nach Cliveden gebracht hatte. Ward, der Sohn eines anglikanischen Domherrn aus dem betulichen Kathedralenstädtchen Rochester, war ein Mann mit vielen Talenten: Als Maler porträtierte er Prinz Philip, und in Jerusalem hatte er 1960 den Prozess gegen den Nazi-Schergen Adolf Eichmann mitverfolgt, um Gerichtsszenen für den «Daily Telegraph» zu zeichnen.

Stupend müssen auch seine Fähigkeiten als Knochenmasseur gewesen sein, gehörten doch die Schönen und Mächtigen zu seinen Kunden: Kriegspremier Winston Churchill und Hollywood-Diva Elizabeth Taylor liessen sich von Ward behandeln.

Mit dem Hundehalsband ins Pub

In London scharte der Osteopath junge, schöne Frauen um sich, die darauf hofften, er werde ihnen den Weg in die höchsten Gesellschaftsschichten bahnen. Christine, so heisst es, soll er im Scherz gelegentlich ein Hundehalsband umgelegt haben, bevor er mit ihr ins Pub ging.

Tatsächlich eröffnete Ward Christine eine neue Welt. Hatte sie bisher stürmische Liebschaften mit jungen Farbigen aus der Karibik unterhalten, armen Teufeln, die oft in krumme Geschäfte verwickelt waren, stand nun auf einmal ein Mann mit einem auserlesenen Pedigree vor ihr: Profumos Grossvater, ein italienischer Baron, war aus Parma nach London gezogen, wo er eine gut gehende Lebensversicherungsgesellschaft aufbaute.

Sein Enkel John studierte standesgemäss in Oxford, wo er Mitglied im Bullingdon-Club wurde, einem exklusiven Bund junger Burschen aus der Upper Class, der die braven Einwohner der Universitätsstadt durch nächtliche Alkoholexzesse in Angst und Schrecken versetzte. Im Zweiten Weltkrieg zeichnete sich Profumo durch seine Tapferkeit aus, sowohl in Nordafrika als auch in der Normandie. 1940, da war er gerade einmal 25 Jahre alt, wurde er ins Parlament gewählt, als jüngster Abgeordneter aller Zeiten. John Profumo, da waren sich die Insider in Westminster einig, war aus dem Material gemacht, aus dem Premierminister bestehen.

Das Verhängnis des konservativen Hoffnungsträgers: Es war eine puritanische Zeit Anfang der 60er-Jahre. 1961 hatten konservative Abgeordnete, aufgeschreckt vom reissenden Absatz von D. H. Lawrences erotischem Roman «Lady Chatterley’s Lover», eine «Aktionsgruppe zur Verteidigung moralischer Prinzipien» gegründet. Zwei Millionen Exemplare des Romans von 1928 waren seit der unzensierten Neuauflage von 1960 verkauft worden.

«Der schöne Iwanow»

Mehr noch als der prüde Zeitgeist war es allerdings das geopolitische Umfeld, das die Affäre für den Minister fatal machte. Denn Christine war nicht nur mit Profumo liiert. Regelmässig traf sie auch Jewgeni Iwanow, einen lebenslustigen sowjetischen Militärattaché mit einer Vorliebe für hochprozentige Getränke und riskante Glücksspiele.

Ein Freund Christines berichtete später über die Zustände in deren Wohnung: «Nachdem John gegangen war, tauchte regelmässig der schöne Iwanow auf. Wir machten Witze darüber.» Damit wurde es eng für Profumo, denn ein sowjetischer Militärattaché war immer auch ein sowjetischer Spion, das wusste auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges jedes Kind.

Im Parlament begannen Gerüchte umzugehen: Ein Callgirl habe den Kriegsminister in sowjetischem Auftrag ausspioniert. Eines Märzabends verlangte der Labour-Abgeordnete George Wigg im Unterhaus Klarheit. Die konservative Regierung solle zu den Gerüchten, die über den Minister in Umlauf seien, Red und Antwort stehen. Noch in der Nacht wurde Profumo aus dem Bett geholt und zu Premierminister Macmillan gebracht. Der Regierungschef nahm seinen Minister in die Mangel, doch der stritt alles ab. Am nächsten Morgen stellte sich Profumo dem Parlament: «Es gab nichts Unschickliches in meiner Bekanntschaft mit Miss Keeler», liess der Minister die Abgeordneten wissen.

Erst drei Monate später, am 5. Juni, gab Profumo auf und trat zurück. Für die Regierung Macmillan war der Fall des Ministers der Anfang vom Ende: Wenige Monate später, am 18. Oktober 1963, überliess Harold Macmillan das Amt des Premierministers seinem Parteikollegen Alec Douglas-Home.

Eine Zeitenwende

Für Grossbritannien stellte die Profumo-Affäre eine Zeitenwende dar: Bis dahin war es einer schmalen Oberschicht möglich gewesen, Skandale vor einer sensationsgierigen und empörungsbereiten Öffentlichkeit unter Verschluss zu halten. Die Presse hatte sich um die Affäre denn auch lange Zeit kaum gekümmert. Erst nachdem der Abgeordnete Wigg die Angelegenheit im Parlament zur Sprache gebracht hatte, nahmen die Reporter Witterung auf. «Zusammen mit der Suez-Krise von 1956 und dem Tod Winstons Churchills 1965 markierte die Profumo-Affäre die Geburt einer neuen Zeit», schreibt der Historiker und Labour-Abgeordnete Tristram Hunt im «Daily Mirror», «denn von nun an vertrauten die Leute den Politikern weniger als früher.»

Und was machte die Affäre mit ihren Protagonisten? Stephen Ward nahm sich das Leben, nachdem ein Gericht entschieden hatte, er habe seinen Lebensunterhalt mit «unmoralischen Einkünften» bestritten. Christine Keeler wurde wegen Meineids zu neun Monaten Haft verurteilt. Heute lebt sie von ihren Einkünften aus diversen autobiografischen Veröffentlichungen.

Was John Profumo selbst betrifft, so kann man ohne Übertreibung sagen, dass die Ereignisse des Sommers 1963 ihn zu einem neuen Menschen machten. Er zog sich zurück aus der Öffentlichkeit, um Gutes zu tun: Für die nächsten 40 Jahre diente er als Sozialarbeiter im Londoner East End. Er besuchte nun Häftlinge, kümmerte sich um Kranke, sammelte Spenden und wusch in Obdachlosenasylen das Geschirr. Selbst für die Reinigung der Toiletten soll sich der Ex-Minister nicht zu schade gewesen sein.

Selbst gewählte Schattenexistenz

Interviews, öffentliche Lebensbeichten, sorgfältig inszenierte Reuebekundungen, Auftritte, wie sie uns von heutigen Prominenten nur allzu bekannt sind – all das unterliess Profumo. Ihm ging es darum, Busse zu tun. Und dies im Stillen, ohne das Licht der Öffentlichkeit zu suchen.

Dennoch – oder gerade deswegen – blieb seine öffentliche Rehabilitierung nicht aus: «Ich empfand mehr Bewunderung für Profumo als für jeden anderen, den ich jemals getroffen habe», sagt der Labour-Politiker Frank Pakenham. 1975 ernannte die Königin den Ex-Minister zum Commander of the Order of the British Empire.

Am 9. März 2006 starb John Profumo im Alter von 91 Jahren an einem Schlaganfall. Seine Ehefrau Valerie Hobson hatte ihm bis zu ihrem Tod im November 1998 die Treue gehalten.

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