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Über Jörg Haider hört man nur Gutes

Beim Begräbnis in Klagenfurt manifestiert sich die österreichische Doppelmoral. Die Familie von Jörg Haider fordert jene Rücksichtnahme, die ihm zu Lebzeiten stets fremd war.

In Klagenfurt erweisen Tausende Jörg Haider die letzte Ehre. Sein Sarg ist in Kärntens Parlament aufgebahrt.
In Klagenfurt erweisen Tausende Jörg Haider die letzte Ehre. Sein Sarg ist in Kärntens Parlament aufgebahrt.
Keystone

Für Journalisten gibt es eigene Medienzonen mit Tribünen für bessere Sicht. Hunderte Reporter aus dem In- und Ausland haben sich angemeldet. Der staatliche Fernsehsender ORF überträgt das Ereignis live, vor Ort sind Grossleinwände aufgestellt. Die Besucher kommen in Bussen und Sonderzügen. Für Busparkplätze und Sanitätsposten ist gesorgt. Nein, das ist keine Neuauflage der Fussball-Europameisterschaft, auch kein Besuch des Papstes. Der ganze Aufwand dient dazu, das Begräbnis von Jörg Haider am Samstag in Klagenfurt als Grossanlass über die Bühne zu bringen. Der letzte Weg des tödlich verunglückten Haider ist als «Staatsbegräbnis auf Landesebene» definiert, womit auf typisch österreichische Art der Widerspruch kaschiert wird, dass Haider formal nichts weiter als ein Landespolitiker war, der aber mit mehr Pomp als jeder Bundespräsident beigesetzt wird.

Es wäre die perfekte Inszenierung eines Mythos, den Haiders Partei jetzt so dringend braucht: In spätestens einem halben Jahr wählt Kärnten ein neues Landesparlament und nur der tote Haider kann seinem Bündnis Zukunft Österreich den Wahlsieg bringen. Doch die Glorifizierung wird empfindlich gestört: Einerseits durch die Tatsache, dass der grösste Kärntner aller Zeiten den Unfall selbst verschuldete, weil er mit 1,8 Promille im Blut und viel zu schnell fuhr. Anderseits durch die Versuche von Familie und Freunden, Alkoholisierung als auch Haiders Aufenthaltsort vor dem Unfall geheim zu halten. Angeblich aus Gründen der Pietät. Die Anwältin der Familie Haider will sogar einen Staatsanwalt verzeigen, weil der in einer Pressekonferenz Details aus Haiders letzten Stunden preisgab: Etwa, dass er keine Drogen genommen habe, aber sichtlich alkoholisiert war und dass er das Angebot eines Freundes ausschlug, sich nach Hause fahren zu lassen.

Zuletzt in einer Schwulenbar

Haiders ständiger Begleiter Stefan Petzner spricht von Stunden, die nur die Privatperson Haider betreffen, und warnt eine Zeitung: «Was Sie schreiben, haben Sie zu verantworten.» Neue Enthüllungen kann er nicht verhindern. Die Boulevardzeitung «Österreich» druckte gestern ein unscharfes Foto ab, das Haider kurz vor seinem Tod in einer Klagenfurter Schwulenbar zeigt. Gemeinsam mit einem jungen Mann soll er dort eine Flasche Wodka geleert haben. Haiders Anwältin nennt so etwas eine «beispiellose Medienhetze».

Auch nach seinem Tod umgibt Haider jene Doppelmoral, die sein Leben und seine Politik charakterisierte: Stets stark und rücksichtslos im Austeilen, aber sehr wehleidig beim Einstecken. War Haider in der Defensive, jammerte er schnell über «Ausgrenzung» und «Jagdgesellschaften», liess gleich seine Anwälte aufmarschieren. Jenen Respekt, den seine Familie nun für den Toten einfordert, liess Haider seinen Gegnern nie zukommen. Er machte sich über ihre Herkunft, Hautfarbe, ihre slawischen oder jüdischen Namen öffentlich lustig. Er benutzte Informationen aus geheimen Polizeiakten, um Asylbewerber oder Intellektuelle zu diffamieren. Er unterstellte Ministern, Professoren, aber auch einfachen Bürgern Gewaltdelikte, bloss weil es ihm politisch nützlich erschien. Oft musste er sich später dafür entschuldigen, immer tat er das mit einem Augenzwinkern. Nur die sexuelle Orientierung war tabu. Schmähungen gegen Homosexuelle sind zwar aus seiner Partei (als die noch FPÖ hiess) bekannt, nicht aber von Haider selbst.

Selbst Linke waren stolz auf Haider

Haiders Gegner konnten stets nur empört reagieren – aber die Empörung verpuffte schnell und ohne Folgen. Vielleicht auch, weil selbst die schärfsten Kritiker von der Urgewalt seiner Auftritte und von der Unverschämtheit seiner Lügen fasziniert waren: «Der Bösewicht, den wir vermissen» fasst die Österreichausgabe der deutschen «Zeit» diese Faszination im Titel zusammen. Im Artikel beschreibt Schriftstellerin Eva Menasse, wie selbst die Linke «auf eine bizarre und perverse Art» stolz auf Haider war, als der im Jahr 2000 in einer deutschen Talkshow die «Schwergewichte der deutschen Intelligenzija nach Strich und Faden vorführte». Haider war ein österreichisches Phänomen, und wenn die Österreicher noch etwas wie Stolz fühlen, dann darauf, dass sie vom Ausland niemals verstanden werden.

Für den Publizisten Armin Thurner hat Haider mitgeholfen, Politik und Öffentlichkeit «zu entrationalisieren: Die Reflexe versagten, Gefühlsduselei, Geltungssucht und Aufmerksamkeitstheater dominierten.» Das gilt über seinen Tod hinaus. Haiders Tod stachelt Berichterstatter und Politiker zu emotionalen Höchstleistungen an: Über Tote gibt es nichts als Gutes zu berichten. Chefredaktoren erinnern sich an den «privaten Haider», der so anders, so viel menschlicher als der Politiker gewesen sei. ORF-Reporter kämpfen bei ihren Berichten aus Klagenfurt mit den Tränen. Illustrierte sorgen noch einmal, noch ein letztes Mal, mit Haider-Fotos für ausverkaufte Auflagen. Auch die Politiker der beiden Grossparteien SPÖ und ÖVP können auf einmal nur Gutes über jenen Mann sagen, der sie 20 Jahre lang vorführte. Und die katholische Kirche gibt dazu ihren Segen. Der Pfarrer im Wiener Stephansdom spricht im Zusammenhang mit Haiders Tod vom «Vorteil der Liebe».

Dass Bundeskanzler Alfred Gusenbauer heute in Klagenfurt eine Trauerrede halten wird, findet der Politologe Anton Pelinka besonders unverständlich und «zum Genieren»: Gusenbauer werde nicht mehr lange in der Regierung sein und habe nichts zu verlieren: Gerade er hätte klare Worte finden können, «wie Haider diesem Land geschadet hat».

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