Tränen, Trotz und Tote

Gezielte Schüsse in Hals oder Kopf: Es war der bisher blutigste Tag in der Geschichte der Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion. Ein Reporter berichtet, wie er das Blutvergiessen in Kiew miterlebt hat.

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Etwas scheppert an diesem Morgen merkwürdig draussen vor meinem Hotelzimmer. Es hat einen Balkon, von dem man auf den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, den Maidan, blicken kann. Ich öffne vorsichtig die Balkontür – und sehe eine Kugel auf dem Boden. Sie stammt offensichtlich aus dem Gewehr eines Scharfschützen und ist vom Geländer des Balkons abgeprallt.

Ich gehe dann selbst auf den Maidan, trage einen Helm und eine Splitterschutzweste. Menschen liegen auf dem Pflaster, tot. Zehn an einer Stelle, nur ein paar Schritte weiter sind es sechs, dann in kurzer Entfernung noch einmal fünf. Die Demonstranten wurden mit präzisen Schüssen getötet, in den Kopf oder den Hals – das Markenzeichen von Scharfschützen.

Menschen voller Lebenskraft

Menschen versammeln sich um die Toten, viele weinen. Einige verhüllen die Leichen mit ukrainischen Flaggen, auch ein Priester ist da, für eine erste Gedenkzeremonie.

Mir wird etwas übel. Viele der Opfer waren gerade mal in ihren Dreissigern oder Vierzigern, noch vor ein paar Stunden voller Energie, voller Lebenskraft. Ich frage mich selbst: Warum werden diese Menschen getötet? Die Demonstranten hatten, so weit ich es sehen konnte, keine Schusswaffen bei sich, und wenn Scharfschützen sie ausschalten wollten, dann hätten sie auf ihre Füsse oder Arme zielen können – anstatt ihnen das Leben zu nehmen.

Benzin ins Feuer gegossen

Und sollte sich die Regierung Hoffnungen gemacht haben, dass die Tötungen die Demonstranten einschüchtern, sie zum Verlassen des Maidan zwingen würden – dann hat sie sich gründlich verrechnet. Das Blutbad goss nur noch mehr Benzin ins Feuer, verstärkte die Wut, den Trotz, die Entschlossenheit der Protestierenden. «Der Preis der Freiheit ist zu hoch, aber die Ukrainer zahlen ihn», sagt der 30-jährige Demonstrant Viktor Daniljuk. «Wir haben keine Wahl, die Regierung hört uns nicht.»

Die Kathedrale im Michailowski-Kloster, nicht weit vom Maidan entfernt, ist notdürftig zu einem Hospital umfunktioniert worden, mit einem Operationsraum für die Opfer der Gewalt. «Menschen, die in einer freien Ukraine in Europa leben wollten, haben stattdessen Kugeln erhalten», sagt der 33-jährige Petro Schumilin, der im Arm getroffen wurde – während er die Leiche eines Freundes davontragen wollte. Seine Augen sind voller Tränen, er weint um seinen Freund und wohl auch, weil die Wunde so schmerzt.

Verletzte schleppen sich in Klöster

Wie Petro haben viele Verletzte das Kloster aufgesucht, um Erste Hilfe zu bekommen. In reguläre Krankenhäuser haben sie sich nicht getraut, aus Angst, dass die Polizei dort auf sie wartet und sie in Gefängnisse abschleppt – so, wie es zahlreichen ihrer Mitstreiter bei dieser Eskalation der Gewalt ergangen ist.

Angefangen hatten die Demonstrationen im November, als Präsident Viktor Janukowitsch plötzlich einem geplanten Pakt mit der EU eine Absage erteilte und sich stattdessen für engere Bande mit Russland entschied. Die Proteste verliefen zunächst friedlich, dann kam es im Januar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Bei tagelangen Strassenschlachten starben mindestens vier Menschen, Hunderte wurden verletzt.

Janukowitsch machte ein paar Zugeständnisse, die Spannungen liessen vorübergehend nach. Aber dann eskalierten sie in dieser Woche wieder, als Gefolgsleute von Janukowitsch im Parlament sich weigerten, Forderungen der Demonstranten zu erfüllen. Wie im Januar griffen Protestler Polizeistellungen mit Steinen und Brandsätzen an – aber diesmal war die Antwort extrem brutal.

Zu Beginn der Proteste hatte das Leben in Kiew noch normal ausgesehen, Menschen waren auf den Strassen, gingen ihren Geschäften nach. Läden, Restaurants und Cafés nahe dem Maidan waren geöffnet. Das Demonstrantenlager auf dem Platz wurde für viele Einwohner sogar zu so etwas wie einer täglichen Attraktion. Das alles änderte sich in dieser Woche radikal, als die Zusammenstösse zwischen Demonstranten und Polizei zu einem Stadtkrieg ausarteten.

Schockgranaten und brennende Reifen

Der Lärm von Schockgranaten der Polizei hallte auf dem Unabhängigkeitsplatz wider, schwarzer Rauch von brennenden Reifen, die Demonstranten zur Abwehr der Polizei angezündet hatten, verdunkelte den Himmel. Die U-Bahnen fuhren nicht mehr, Schulen und die meisten Behörden im Zentrum von Kiew machten dicht, die Strassen wurden zusehends leer. Überall in der Stadt beeilten sich die Menschen, sich mit Bargeld und wichtigen Vorräten einzudecken. Die meisten Restaurants und Cafés in der Innenstadt schlossen.

Aber nach wie vor kamen viele Menschen auf den Maidan, sozusagen an die Frontlinien, und brachten den erschöpften Kämpfern gegen die Regierung Essen, Wasser und Kleidung. «Das Schicksal der Ukraine entscheidet sich hier – ob wir ein Teil Europas werden oder zurückgleiten», sagt Inga Leschenko, eine 67-jährige Schullehrerin. Sie hat den Demonstranten Selbstgekochtes gebracht. «Jeder Ukrainer sollte dem Maidan helfen», sagt sie. «Ich kann durch Butterbote und selbst gebackenen Kuchen beitragen.»

baz.ch/Newsnet

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