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In Spanien kocht die Wut auf Touristen über

Pöbelnde Ausländer und explodierende Immobilienpreise sorgen in Barcelona und auf Mallorca für Unmut.

«Tourist geh nach Hause. Flüchtlinge sind willkommen»: Eine Frau geht an einem an eine Hauswand in Barcelona gesprayten Slogan gegen Tourismus vorbei.
«Tourist geh nach Hause. Flüchtlinge sind willkommen»: Eine Frau geht an einem an eine Hauswand in Barcelona gesprayten Slogan gegen Tourismus vorbei.
Cati Cladera, Keystone
Neben dem schlechten Benehmen einiger Touristen, sorgen die steigenden Immobilienpreise für Ärger: Frau mit Slogan «Touristen-Wohnungen vertreiben Familien» an einer Demonstration 2017 in Barcelona.
Neben dem schlechten Benehmen einiger Touristen, sorgen die steigenden Immobilienpreise für Ärger: Frau mit Slogan «Touristen-Wohnungen vertreiben Familien» an einer Demonstration 2017 in Barcelona.
Lluis Gene, AFP
Tourismusvertreter befürchten, potentielle Spanien-Reisende könnten von einer Reise absehen. Sie sorgen sich um den grössten Wirtschaftszweig des Landes: Demonstration in Barcelona.(10. Juni 2017)
Tourismusvertreter befürchten, potentielle Spanien-Reisende könnten von einer Reise absehen. Sie sorgen sich um den grössten Wirtschaftszweig des Landes: Demonstration in Barcelona.(10. Juni 2017)
Lluis Gene, AFP
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Die Touristenzahlen brechen in Spanien derzeit alle Rekorde. Die Kassen klingeln. Doch der Unmut ist gross – vor allem in Barcelona und auf Mallorca.

In Barcelona tauchten letzten Donnerstag plötzlich vier Vermummte aus dem Nichts auf und stellten sich einem Bus voller Touristen in den Weg. Blitzschnell zerstachen sie die Reifen des Fahrzeugs und sprühten mit Farbdosen Parolen an die Windschutzscheibe.

Viele wollen in den Ferien Emotionen und Spannendes erleben, aber für Andrew Carey war das, was er in Barcelona vom zweiten Stock des Busses aus sah, dann doch zu viel. «Ich habe wirklich gedacht, es sei ein Terroranschlag und meine Stunde sei gekommen», sagte der 39-jährige Brite der Zeitung «Daily Mail».

Jugendgruppe zerstört auch Leihvelos

Zur Aktion, die am helllichten Tag im Zentrum der spanischen Metropole unweit des Camp-Nou-Stadions geschah, bekannte sich ein paar Tage später die linke Jugendorganisation Arran. Das Motiv? Das war auf der Windschutzscheibe in orangener Farbe zu lesen: «Der Tourismus tötet die Stadtviertel».

Die Gruppe schlug am Montag in Barcelona wieder zu: Mehrere städtische Leihvelos, die vor allem von Touristen benutzt werden, wurden zerstört. «Die Proteste gegen Tourismus werden immer heisser», stellte der spanische Radiosender Cadena Ser fest. Und auch immer häufiger. Immer einfallsreicher. Immer spektakulärer.

Wie am Samstag auf Mallorca. Mitglieder der nicht von jungen Linken, sondern von besorgten Bürgern gebildeten Initiative «Ciutat per qui l'habita» (Die Stadt für die Bewohner) sperrten in Palma de Mallorca symbolisch das Tourismusministerium. Sie klebten Zettel mit der Aufschrift «geschlossen» an die Eingangstür des Gebäudes.

Hohe Immobilienpreise wegen Airbnb

Eine Sprecherin der Vereinigung sagte dabei, was der grösste Dorn im Auge der Gegner des Massentourismus ist: Die Ferienvermietung in Mehrfamilienhäusern, die auf Plattformen wie Airbnb angeboten wird. Diese verursacht nicht nur auf Mallorca oder in Barcelona eine Explosion der Immobilienpreise, die Senkung des Angebots an Mietwohnungen und eine Gentrifizierung der Innenstädte.

Daneben sorgen randalierende und prügelnde Deutsche und Briten sowie Touristen, die auch tagsüber splitternackt und stockbetrunken herumlaufen, die in der Öffentlichkeit Sex haben oder sich erleichtern, für zunehmenden Unmut.

Hinzu kamen zuletzt Neonazi-Gruppen, die am Ballermann ihr Unwesen trieben. «Der Abschaum, der uns geschickt wird, ist nicht angenehm», schimpfte Palma-Bürgermeister Antoni Noguera, bevor er sich mit der deutschen Konsulin jüngst zur Besprechung des Problems traf.

Am Ballermann protestieren Anwohner gegen «Sauftourismus», indem sie an Fenster oder auf Balkone schwarze Fahnen hängen. In Palma tauchten dieser Tage wie vor einem Jahr erneut Protest-Graffiti und -Plakate auf: «Tourism kills the city» (Tourismus tötet die Stadt), «Stop Airbnb» oder «Palma no se vende» (Palma wird nicht verkauft) ist unter anderem zu lesen. Und auch «Tourist go home!» und «Tourists=Terrorists».

Klingelnde Kassen dank Tourismus

Die Touristenzahlen brechen in Spanien derzeit alle Rekorde. Im ersten Halbjahr reisten 36,3 Millionen Ausländer ein. So viele wie nie zuvor. 11,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Die Kassen klingeln. Die Hotels sind nahezu ausgebucht. Die Arbeitslosenquote – nach der Krise von 2008 immer noch eine der höchsten der Eurozone – fiel im zweiten Quartal vor allem dank neuer Stellen im Tourismussektor auf den niedrigsten Stand seit neun Jahren.

Touristenhorden allüberall: Ob an den Stränden von Barceloneta, ...
Touristenhorden allüberall: Ob an den Stränden von Barceloneta, ...
Reuters
... auf der Promenade La Rambla, ...
... auf der Promenade La Rambla, ...
Paula Szerman
... oder auf der Hafenbrücke: Die Touristen gehören in Barcelona zum Stadtbild, das ganze Jahr hindurch.
... oder auf der Hafenbrücke: Die Touristen gehören in Barcelona zum Stadtbild, das ganze Jahr hindurch.
Reuters
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Angst um Wirtschaftsmotor

Das dürfe man alles nicht aufs Spiel setzen, warnen Experten. Bruno Hallé, Partner der auf Tourismus spezialisierten Beratungs-Firma Magma HC, bezeichnet die Lage als «schlimm». Viele Menschen könnten in Zukunft von einem Besuch Spaniens abgehalten werden.

Das Problem erreichte nach den jüngsten Zwischenfällen inzwischen eine derart grosse Dimension, dass viele der grösseren Blätter Spaniens sich am Mittwoch damit auf Seite eins beschäftigten. «El Mundo» macht eine «Touristenphobie» aus, für die sie auch linke Politiker verantwortlich macht. Das renommierte Blatt «El País» fragt unterdessen: «Was soll man mit Spaniens grösster Industrie machen?»

Gegenmassnahmen

Es ist nicht so, dass die Verantwortlichen tatenlos zusehen. Am Dienstag trat auf den Balearen ein neues Gesetz in Kraft, das die Vergabe neuer Lizenzen zur Ferienvermietung beschränkt. Auf den Balearen will die linke Regionalregierung zudem vom kommenden Jahr an für die Hochsaison von April bis Oktober eine Höchstgrenze für die Zahl der Mietwagen festlegen.

Die linke Bürgermeisterin Ada Colau verfügte in Barcelona einen Baustopp für Hotels und verdonnerte Airbnb und Homeaway wegen illegaler Wohnungsvermittlungen mehrfach zu Strafen von bis zu 600'000 Euro.

Colau verurteilte zwar die radikalen Aktionen der linken Jugendorganisation von Arran. Die Opposition wirft der früheren Aktivistin und Hausbesetzerin aber vor, die «Anschläge» zu dulden.

Bisher wurde niemand festgenommen. In dem am Donnerstag attackierten Bus sassen neben Andrew Carey und dessen Frau auch viele erschrockene Kinder. «Beängstigend» sei es gewesen, erinnerte sich der Brite. «Ich dachte, gleich steigt jemand mit einem Messer oder einer Schusswaffe in den Bus.»

(SDA)

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