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Stündlich tauchen neue Plagiate auf

In der Plagiats-Affäre gerät der deutsche Minister Karl-Theodor zu Guttenberg immer stärker in Erklärungsnot. Nicht zuletzt wegen der Blogger, die fleissig abgekupferte Textpassagen zusammentragen.

Zuerst «summa cum laude», jetzt harte Kritik: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Doktorarbeit.
Zuerst «summa cum laude», jetzt harte Kritik: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Doktorarbeit.
Keystone

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist heute zu einem Überraschungsbesuch nach Afghanistan gereist. Bei seiner Rückkehr wird sich der populäre CSU-Politiker neuen Fragen zu seiner Doktorarbeit stellen müssen. Laufend tauchen weitere Textpassagen auf, die Guttenberg unverändert oder mit kleinen Änderungen übernommen hat – und dies ohne die Quelle anzugeben. Die «Süddeutsche Zeitung» machte die Plagiats-Affäre gestern publik. Heute präsentierten mehrere deutsche Medien weitere Beispiele, die belegen sollen, dass Guttenberg bei seiner Dissertation systematisch nicht wissenschaftlich sauber gearbeitet hat.

Und Blogger machen sich einen Spass daraus, weitere Plagiate aufzustöbern. So wird auf einer Plattform bei Google dazu eingeladen, an «einer kollaborativen Dokumentation der Plagiate» mitzuarbeiten.

Sogar Textpassagen aus Reiseführer

Der Doktor der Jurisprudenz hat nicht nur bei Zeitungsartikeln abgekupfert, sondern auch bei Vorträgen von Wissenschaftlern und Texten von Parteifreunden. Selbst auf der Webseite der US-Botschaft und in einem Reiseführer fand der heutige Verteidigungsminister Textpassagen, die er ohne Zitierung für seine Arbeit verwendete, die an der Universität Bayreuth die Bestnote «summa cum laude» erhielt.

Die 475 Seiten und 1200 Fussnoten starke Dissertation trägt den Titel «Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU».

Eine Liste, die immer länger wird

Laut deutschen Medien und Bloggern hat sich Guttenberg bei folgenden Quellen bedient, ohne die wissenschaftlichen Regeln zu beachten:

  • «Gott hat keinen Platz in der europäischen Verfassung»: Artikel der Publizistin Klara Obermüller in der «NZZ am Sonntag»
  • «Die USA – Innenansichten einer Weltmacht»: Vortrag der früheren Schweizer Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Gret Haller (SP)
  • «Amerikanische Präsidialdemokratie»: Aufsatz des deutschen Politologen Hartmut Wasser
  • «Wir sind das Volk»: Vortrag des Liechtensteiner Politikwissenschaftlers Wilfried Marxer
  • «Das Experiment einer grossräumigen Republik»: Artikel der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»
  • Diskussionspapier zum Verfassungsentwurf des EU-Konvents: Beitrag von Ludger Kühnhardt, Direktor des Zentrums für Europäische Integrationsforschung in Bonn.
  • Beitrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab über den europäischen Föderalismus
  • «EU-Recht und nationales Verfassungsrecht»: Buch des Tübinger Juristen Martin Nettesheim
  • «Die konsoziative Föderation von EU und Mitgliedstaaten»: Aufsatz von Martin Nettesheim
  • «Die Identität Europas und die Wiederkehr der Antike»: Aufsatz des Historikers Hagen Schulze
  • Studien von Experten des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages
  • «Die Debatte um eine europäische Verfassung»: Vortrag der Journalistin Sonja Volkmann-Schluck
  • Aufsatz des Innsbrucker Rechtsprofessors Waldemar Hummer
  • Habilitationsschrift des Göttinger Jura-Professors Thomas Schmitz
  • Vortrag von Gerhard Casper, früherer Präsident der Universität Stanford
  • «Wildniswandern in Kanada und Alaska: Zu Fuss und im Kanu»: Reiseführer von Reinhard & Eberhard Rosenke
  • «Die Europäische Verfassungsentwicklung aus dem Blickwinkel der USA»: Vortrag von Günter Burghardt, Botschafter der EU in den USA
  • Webseite der US-Botschaft in Deutschland

Die Liste von möglichen Plagiaten in der Doktorarbeit von Guttenberg dürfte bald um weitere Beispiele erweitert werden – nicht zuletzt dank den Recherchen von Bloggern. Einer der führenden Blogs läuft unter dem Titel «Eine kritische Auseinandersetzung mit Karl-Theodor Freiherr zu Guttenbergs Dissertation».

Universität Bayreuth prüft Plagiats-Vorwürfe

Guttenberg hatte sich vor seiner heutigen Abreise nach Afghanistan gegen den Vorwurf gewehrt, bei seiner Doktorarbeit geschummelt und fremde Texte ohne Hinweis auf die Quelle verwendet zu haben. Er wies den von zwei Juristen erhobenen Plagiatsvorwurf als «abstrus» zurück. Die Universität Bayreuth begann inzwischen mit der Prüfung der Vorwürfe, die schlimmstenfalls zur Aberkennung des Doktortitels führen könnte, wie die deutsche Nachrichtenagentur DAPD berichtete.

Bei der Abgabe seiner Doktorarbeit muss Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in einer Erklärung sein Ehrenwort gegeben haben, nicht abgeschrieben zu haben. Zumindest fordert dies die Promotionsordnung für die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Bayreuth.

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