Steg soll Brücke von Remagen ersetzen

Am Ende des Zweiten Weltkriegs eroberten die Alliierten den letzten Rheinübergang. Kurz danach stürzte das Bauwerk ein. Nun sollen die alten Brückenköpfe wieder verbunden werden.

Die Brückentürme, hier jene auf der Remagener Seite, sollen ein «begehbares Stück Geschichte» werden. Foto: Prisma, Dukas

Die Brückentürme, hier jene auf der Remagener Seite, sollen ein «begehbares Stück Geschichte» werden. Foto: Prisma, Dukas

Karsten Fehr ist Jurist, ein sachlicher Mensch, kein Spinnertyp. Und doch hat der Bürgermeister der rheinland-pfälzischen Verbandsgemeinde Unkel einen grossen Traum. Er möchte eine historische Lücke am Rhein schliessen und eine neue Überquerung vom Ortsteil Erpel ans andere Ufer bauen, einen Ersatz für die legendäre Brücke von Remagen. Diese spielte in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges eine wichtige Rolle, stürzte ein und wurde später durch einen Hollywoodfilm weltberühmt.

An einem heissen Sommertag erzählt Fehr, wie sein grosser Traum begann: mit den alten Brückentürmen beiderseits des Flusses. Die hatten den Einsturz 1945 überlebt, stehen unter Denkmalschutz und sind in einem erbarmungswürdigen Zustand. Aus den Dächern wächst Gras, auf dem dürren Boden wuchert Unkraut. Diese Türme sollen ein Denkmal sein? Seltsame Welt am Rhein.

Im Besitz der Bahn

Bürgermeister Fehr zuckt mit den Schultern. Auch ihn schmerzt der Anblick der Türme. An deren leidigem Zustand konnte er bislang nichts ändern. Sie sind im Besitz der Deutschen Bahn. Oberhalb des Ufers, unmittelbar an den Türmen entlang, verläuft eine viel befahrene Eisenbahnstrecke. Die Bahn möchte die Immobilie dringend verkaufen. Vor Jahresfrist bot sie die Türme öffentlich an, die Resonanz war mager. Es gab einige neugierige Anfragen, dem Vernehmen nach aber nur zwei ernsthaftere Interessenten, die dann aber abwinkten. Kein Wunder. Was, bitte schön, ist mit zwei baufälligen Türmen anzufangen, die man des Denkmalschutzes wegen nicht fundamental umbauen kann? Manche, auch Fehr, hegten die Sorge, Neonazis könnten sich das Gebäude sichern, zu verwerflichen Zwecken. «Ewiggestrige, die hier Hitlers Geburtstag feiern, wollen wir nicht», sagt der Bürgermeister.

Fehr hat Mitstreiter, auch viel Sympathien. Aber ihm fehlt das Geld. Unkel ist eine hübsche, aber keine wohlhabende Gemeinde. Weder Unkel noch Remagen auf der anderen Rheinseite können sich eine anständige Sanierung der Türme leisten, die ihren ursprünglichen Sinn längst verloren haben. Am 17. März 1945 brach die heftig umkämpfte und beschädigte Brücke zusammen, die im Ersten Weltkrieg von 1916 bis 1918 zu militärischen Zwecken erbaut und nach dem damaligen Obersten Heeresleiter und faktischen Militärdiktator Erich Ludendorff benannt worden war. Mehr als zwei Jahrzehnte passierten Züge, Autos und Fussgänger die fast 400 Meter lange stählerne Passage.

«Ewiggestrige, die hier Hitlers Geburtstag feiern, wollen wir nicht.»Karsten Fehr, Bürgermeister von Unkel

Fehr hat zwar ambitionierte Pläne, grössenwahnsinnig aber ist er nicht. Er und sein Bürgermeisterkollege aus Remagen wollen die Brücke nicht originalgetreu rekonstruieren. Den beiden schwebt ein leichterer Steg vor, reserviert für Fussgänger und Velofahrer, die den Fluss derzeit mit einer der zahlreichen kleinen Fähren oder per längerem Umweg über grosse Brücken passieren müssen. Die Leute aus Erpel und Remagen könnten sich wieder zu Fuss besuchen, die Velofahrer wären begeistert, Tourismus und regionale Wirtschaft würden profitieren, schwärmt der Bürgermeister. Und die Brückentürme sollten mit Leben gefüllt werden, ein «begehbares Stück Geschichte» werden, sagt Fehr.

Krieg verkürzt

Um die Historie kümmern sich derzeit Ehrenamtliche beiderseits des Ufers. Auf der Remagener Seite hatte bis zum Frühjahr das Friedensmuseum seinen Sitz, das in einer Dauerausstellung die wechselvolle Geschichte der Brücke zeigte. Inzwischen sind die Räume dort wegen Brandschutzmängeln geschlossen. Im alten Eisenbahntunnel auf der Erpeler Seite organisiert der Kulturverein Ad Erpelle unter Führung des rührigen früheren Ortsbürgermeisters Edgar Neustein Konzerte und Theateraufführungen. Am Eingang der Passage, in der sommers wie winters kühle zwölf Grad herrschen, finden sich Fotos aus alten Brückenzeiten. Neustein rühmt die Anlage als ein Mahnmal deutscher und europäischer Geschichte.

Wäre es den Truppen der deutschen Wehrmacht gelungen, die Brücke, wie befohlen, beim Anmarsch der Alliierten im März 1945 zu sprengen, hätten die Kämpfe um Deutschland womöglich länger gedauert und noch mehr Tote gefordert.

Nach ihrer Eroberung am 7. März 1945 stand die Ludendorff-Brücke unter Beschuss. Zehn Tage später stürzte sie ein. Foto: akg-images

Im 1968 gedrehten Film «Die Brücke von Remagen» lässt Regisseur John Guillermin einen US-General sagen: «Nehmt die Brücke ein, dann verkürzen wir den Krieg.» Der Film ist aber ansonsten kein realitätstreues Werk, sondern ein Leinwand-Spektakel. Nicht einmal der Rhein ist darin zu sehen. Gedreht wurde er 1968 an der Moldau, in der damals vereinten und sozialistischen Tschechoslowakei.

Die Kinder und Enkel amerikanischer Veteranen kommen, so erzählt Neustein, noch immer nach Remagen und Erpel, um dem Mut ihrer Väter und Grossväter in der Schlacht gegen die deutschen Truppen Respekt zu erweisen. Finanzielle Hilfe beim Aufbau eines Denkmals ist von ihnen aber nicht zu erwarten.

Niemand kennt den Preis

Wer also soll und kann den Brückentraum von Erpel dann bezahlen? Bürgermeister Fehr meint, die beste Lösung wäre eine Stiftung des Landes Rheinland-Pfalz und des Bundes, womöglich unterstützt aus Mitteln der Europäischen Union. Dass eine Denkmalanlage je schwarze Zahlen schreiben wird, glaubt in Unkel niemand. Es wäre ein subventionierter Betrieb. Und kein Mensch weiss, was Restaurierung, Brückenbau und Betrieb ungefähr kosten würden. Ein paar Millionen dürften es wohl werden. Klarheit soll eine Studie bringen, die Remagen und Unkel finanzieren müssen. Sie kostet auch einige Zehntausend Euro, für zwei kleine Gemeinden ein teures Unterfangen.

In Sachen Stiftung macht das Land Fehr wenig Hoffnung. Das Landesministerium für Wissenschaft und Kunst stuft die Brückentürme zwar als «bedeutendes Kulturdenkmal» ein und findet, sie müssten erhalten werden. Aber in Finanzfragen ist man reserviert. Wenn die Türme tatsächlich zu kulturellen Zwecken für die Öffentlichkeit geöffnet werden sollten, könne man aus Denkmalpflege-Töpfen helfen, heisst es aus Mainz.

Das würde hinten und vorn nicht reichen, um den Traum des Bürgermeisters zu erfüllen. Fehr will aber nicht aufgeben, sondern weiter nach Geldgebern suchen. Aber er weiss selbst genau: «Es wird ein langer Weg.»

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