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Spanien stellt sich Franco-Vergangenheit

Der bekannte spanische Richter Baltasar Garzón erklärt Diktator Franco zum Massenmörder. Angehörige von Opfern hoffen jetzt, dass ihre Liebsten endlich würdig bestattet werden.

Eine junge Spanierin exhumiert Opfer des Franco-Regimes aus einem anonymen Grab im Norden Spaniens.
Eine junge Spanierin exhumiert Opfer des Franco-Regimes aus einem anonymen Grab im Norden Spaniens.
AFP

Federico García Lorca wurde am 18. August 1936 erschossen. Der Tod des schon damals berühmten Dichters und Theaterautors war ein Fanal, das Spanien und die Welt erahnen liess, was an Schrecken auf sie zukommen würde. «Es übersteigt meine Vorstellungskraft, dass sie es gewagt haben sollen, diesen Befehl zu geben», schrieb die Schauspielerin Margarita Xirgu. «Er war ein wunderbares Geschöpf, das niemandem weh tat und unser Leben in etwas Zauberhaftes verwandelte. Wer kann es gewagt haben, seinen Tod zu bestimmen?»

Wer kann es gewagt haben? Baltasar Garzón vom Nationalen Gerichtshof ist der erste Richter, der die Hintermänner des Lorca-Mordes beim Namen nennt. Am Donnerstag veröffentlichte Garzón einen 68 Seiten langen Beschluss, in dem er den Diktator Francisco Franco und 34 Mitverschwörer für den Tod und das Verschwinden von 114 266 Menschen, darunter Federico García Lorca, zwischen 1936 und 1952 verantwortlich macht. Die Liste der Opfer ist unvollständig, sie ist das Ergebnis der Nachforschungen von Geschichtsvereinen: Gut möglich, dass darin Namen doppelt auftauchen, gut möglich, dass noch Tausende Namen fehlen.

Eine Strategie des Terrors

Doch die Täter haben einen Namen bekommen. Nicht, dass sie nicht längst bekannt wären. Aber nie hat sich ein Gericht mit ihren Verbrechen befasst. Der Beschluss des Richters Garzón ist ein historischer. Er selbst schreibt: «Bis zum heutigen Tag ist die Straffreiheit die Regel gewesen im Angesicht von Ereignissen, welche die juristische Bewertung von Verbrechen gegen die Menschlichkeiten annehmen könnten.» Die Verbrecher werden weiter straffrei bleiben: Sie sind längst gestorben. Aber Garzóns Beschluss wird dazu beitragen, dass sich der spanische Staat endlich dafür verantwortlich fühlt, die Überreste der Opfer zu bergen und ihnen eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Zehntausende liegen noch irgendwo verscharrt in anonymen Gräbern. Auch Federico García Lorca.

Lorca war eines der ersten Opfer des franquistischen Terrorregimes. Die Spanier von heute erinnern sich an den alten Franco, der 1975 friedlich im Bett verstarb, und neigen dazu, seine blutigen Anfänge zu vergessen. Doch der Mord an Lorca war kein tragischer Einzelfall, sondern Teil einer Strategie der Auslöschung des ideologischen Gegners. «Man muss Terror säen», sagte der Franco-Mitverschwörer General Emilio Mola, «man muss das Gefühl der Kontrolle vermitteln, indem man ohne Skrupel noch Zögern alle eliminiert, die nicht wie wir denken.» Franco selbst sagte kurz nach Ausbruch des Bürgerkriegs in einem Interview mit der «Chicago Daily Tribune», das Richter Garzón in seinem Beschluss zitiert: «Wir kämpfen für Spanien. Sie kämpfen gegen Spanien. Wir sind entschlossen, um jeden Preis weiterzumachen.» Der Interviewer hakte nach: «Sie werden halb Spanien töten müssen.» Franco antwortete: «Ich habe gesagt um jeden Preis.»

Nach Francos Tod einigten sich die politischen Parteien aufs Vergessen, um den friedlichen Übergang zur Demokratie nicht zu gefährden. Die Verbrechen der Franco-Zeit blieben nicht nur ungesühnt, sondern auch ungezählt. Und deren Opfer vergraben, wo sie gerade umgebracht worden waren. So wie Lorca. Er liegt an einem abgeschiedenen Ort in der Nähe von Granada. Aber niemand hat bislang nach seinen sterblichen Überresten gegraben.

Im Herbst 2000 organisierte der Journalist Emilio Silva in der nordwestspanischen Provinz León die Exhumierung eines anderen Franco-Opfers: die seines gleichnamigen Grossvaters. Er war keine Berühmtheit wie García Lorca, aber auch er wurde ermordet, weil er ein überzeugter Demokrat war. Am Nachmittag des 15. Oktober 1936 nahmen Franco-Leute den 44-jährigen Silva im Rathaus von Villafranca del Bierzo fest. Noch in derselben Nacht wurde er mit 13 anderen exekutiert. In den frühen Morgenstunden holten Verwandte heimlich einen der Leichname ab. Die übrigen blieben am Strassenrand liegen, bis ein paar Männer, von den Franquisten gezwungen, an Ort und Stelle eine Grube aushoben und die Ermordeten hineinwarfen. Nichts erinnerte mehr an sie. Bis Emilio Silva, der Enkel, ihre Exhumierung organisierte.

«Es ist wie ein Traum»

Emilio Silva ahnte damals nicht, dass sein privates Engagement weitreichende Folgen haben würde. Andere Angehörige von Franco-Opfern ahmten Silvas Beispiel nach. In ganz Spanien entstanden Vereine «für die Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses», die bis heute auf eigene Faust die Überreste von mehr als 4000 Exekutionsopfern aus der blutigen Phase des Franco-Regimes exhumierten. Doch der spanische Staat hielt sich heraus, im besten Falle gab es Zuschüsse von Rathäusern oder Provinzverwaltungen. Frustriert über das offizielle Desinteresse, wandten sich gut ein Dutzend Geschichtsvereine dieses Jahr an den Richter Baltasar Garzón: Der hatte schon Verfahren gegen Augusto Pinochet und die Köpfe der argentinischen Militärdiktatur in Gang gebracht, aber die Verbrechen der Diktatur im eigenen Lande bisher übergangen.

Vielleicht hat ihn nun das schlechte Gewissen gepackt. In seinem Beschluss vom Donnerstag hat er die allgemeine Amnestie von 1977 für Verbrechen während der Franco-Zeit für nichtig erklärt, da «der Staat seine eigenen Verbrechen weder löschen kann noch darf». Die spanische Rechte tobt. Der ehemalige Franco-Minister und heutige Ehrenpräsident der Volkspartei, Manuel Fraga, nannte Garzóns Beschluss gestern einen «schwerwiegenden Fehler» und «Blödsinn». Aber die Angehörigen der Opfer sind begeistert. «Es ist wie ein Traum», sagte Nieves García, die Enkelin des Lehrers Dióscoro Galindo, der gemeinsam mit Lorca hingerichtet worden war. Bald werden die Überreste ihres Grossvaters ans Licht geholt werden. Und jene des «wunderbaren Geschöpfes» Federico García Lorca. Und mit ihnen ein Teil der spanischen Geschichte.

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