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So wollen die Sozialisten auch ohne Strauss-Kahn Sarkozy stürzen

Dominique Strauss-Kahn ist vom Hoffnungsträger zum Problemfall der französischen Sozialisten geworden. Nach der Verhaftung des IWF-Chefs beginnt sich das Kandidaten-Karussell von neuem zu drehen.

Von all den Köpfen des Parti Socialiste ragt Parteisekretärin Martine Aubry als mögliche Präsidentschaftskandidatin hervor. Sie repräsentiert den linken Flügel der Partei.
Von all den Köpfen des Parti Socialiste ragt Parteisekretärin Martine Aubry als mögliche Präsidentschaftskandidatin hervor. Sie repräsentiert den linken Flügel der Partei.
Francois Mori, Keystone
Der frühere Parteichef Françis Hollande hat schon früh sein Interesse am höchsten politischen Amt Frankreichs bekundet: In Clichy, östlich von Paris, lancierte der Vertreter des rechten Flügels am 27. April 2011 seine Kampagne für die interne Ausmarchung.
Der frühere Parteichef Françis Hollande hat schon früh sein Interesse am höchsten politischen Amt Frankreichs bekundet: In Clichy, östlich von Paris, lancierte der Vertreter des rechten Flügels am 27. April 2011 seine Kampagne für die interne Ausmarchung.
Thibault Camus, Keystone
Und der seit 10 Jahren amtierende Bürgermeister von Lyon, Gérard Collomb (links), hier zu Besuch bei seinem New Yorker Amtskollegen Michael Bloomberg. (24. Januar 2003)
Und der seit 10 Jahren amtierende Bürgermeister von Lyon, Gérard Collomb (links), hier zu Besuch bei seinem New Yorker Amtskollegen Michael Bloomberg. (24. Januar 2003)
Keystone
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Für viele französische Sozialisten ist es die schockierendste Nachricht des Jahres. Der Skandal um ihren Spitzenpolitiker Dominique Strauss-Kahn hat die Oppositionspartei ins Mark getroffen. «Ich bin sehr schockiert von den Bildern seiner Festnahme», sagte die Parteichefin Martine Aubry. Auch Aubry wurde in der Nacht zum Sonntag mit einer «Notfall-SMS» über die Festnahme von Dominique Strauss-Kahn in New York informiert. Ein Donnerschlag.

Die nun auch von einer französischen Journalistin erhobenen Vergewaltigungs-Vorwürfe gegen DSK, wie der IWF-Chef in Frankreich genannt wird, zerstören ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen die politischen Pläne der PS. Heute will die Parteispitze in Paris über ihre Kampagnen-Strategie für 2012 ohne DSK beraten.

Denn mit der öffentlichen Anschuldigung sexueller Übergriffe ist auch ein erfolgsverwöhnter Mann wie DSK nicht mehr präsidiabel. Die grosse Lücke, die er hinterlässt, macht die Vorwahlen der Sozialisten umso spannender. Auch nach den Ereignissen in New York will die Partei unverändert an ihren «Primaries» festhalten. Zwischen dem 28. Juni und dem 13. Juli können sich Kandidaten aufstellen lassen, am 9. Oktober findet dann der erste Wahlgang unter Mitgliedern und Anhängern der französischen Sozialisten statt.

Zuletzt lag DSK nach Umfragen vorne. Mehr als 30 Jahre nach dem historischen Sieg von Francois Mitterrand und nach drei konservativen Legislaturperioden sollte Strauss-Kahn gewinnen. Nur er war dem konservativen amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy bislang in Umfragen weit überlegen.

Vorsitzende und Vorgänger im Duell

Nun werden die Karten der Sozialisten neu gemischt. Bislang gibt es kein bestimmendes politisches Thema. Auch deshalb ging es in den vergangenen Monaten mehr um die persönlichen Eigenschaften der potenziellen Herausforderer Sarkozys als um ein neues Programm. Nun wird es wahrscheinlich auf ein Duell zwischen Parteichefin Aubry und dem langjährigen PS-Vorsitzenden Francois Hollande hinauslaufen. Ein Wettstreit von zwei sehr unterschiedlichen Kandidaten, für die beide bislang Strauss-Kahn der grösste Konkurrent war.

Politisch gehört Hollande sicherlich zum selben Lager wie DSK: Beide Männer verkörpern den Reformflügel der Partei, der etwa mit dem Seeheimer Kreis der deutschen Sozialdemokraten zu vergleichen ist. Der Ex-Lebensgefährte der letzten Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal tourt seit Monaten durch Frankreich, um für sich zu werben. Obwohl Hollande DSK politisch nahe steht, präsentierte er sich gerne als volksnahes Gegenmodell: Je mehr Strauss-Kahn für seinen ausschweifenden Lebensstil, seine Porsche-Fahrten und Luxusimmobilien kritisiert wurde, desto mehr stellte sich Hollande als «normaler Bürger» dar, der seinem Heimatland verbunden ist. Diese zelebrierte Einfachheit wird Hollande nach den Eskapaden von DSK umso nützlicher sein.

Aubry hingegen hatte sich bislang nicht zu ihren Ambitionen geäussert. Stattdessen hatte sie sogar öffentlich einen «Pakt» mit DSK geschlossen, der beide zum Schweigen über ihre potenziellen Kandidaturen verpflichtet. Sie wollten zunächst unter sich ausmachen, wer von beiden antritt. Zuletzt galt es als immer wahrscheinlicher, dass Aubry für DSK zurückstehen würde. Sie entstammt dem traditionsbewussten linken Flügel der Partei, führte beispielsweise als Sozialministerin die 35-Stunden-Woche ein. Nun könnte sie sich aus pragmatischen Gründen aufstellen lassen. Bislang hat sie die Mitglieder der PS nur dazu aufgerufen, in der Affäre DSK nicht vorschnell zu urteilen und die Einigkeit zu bewahren.

Überraschungen nicht ausgeschlossen

Der unfreiwillige Abgang Strauss-Kahns hat allerdings die strategischen Komplizenschaften in der Partei so sehr ins Wanken gebracht, dass noch viele personelle Überraschungen folgen könnten. Die bei den Präsidentschaftswahlen 2007 unterlegene Royal könnte wieder politisch auferstehen. Sie vermag erfolgreich Kampagnen zu führen und könnte zur Sensationssiegerin des DSK-Absturzes werden.

Auch die zweite Reihe der Sozialisten kann neue Ambitionen entwickeln. Die in Frankreichs Öffentlichkeit sehr präsenten Abgeordneten Manuel Valls, Pierre Moscovici und Gérard Collomb haben bislang immer versichert, DSK unterstützen zu wollen. Nun könnten die drei Alphatiere vom Reformflügel der Partei ebenfalls ihren Hut in den Ring werfen. Nur eines ist sicher: Sarkozy wird von der neuen sozialistischen Kandidatenkür profitieren. Der konservative Politiker hat nun über Nacht grössere Chancen, wiedergewählt zu werden.

Annika Joeres/ dapd

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