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«Sie sperrten mich zwölf Tage in einen Wasserturm»

Er verkaufte Liechtensteiner Kontodaten für Millionen. Der Datendieb Heinrich Kieber inszeniert sich im ersten grossen Interview als Gerechtigkeitsfanatiker. Doch an seiner Heldenrolle darf gezweifelt werden.

Er ist Liechtensteins Staatsfeind Nummer eins. Im Magazin «Stern» hat er sein erstes Interview geben. Auf neun langen Seiten beschreibt er, wie er als Angestellter der Vermögensverwaltung LGT Treuhand Tausende von Kundendaten gestohlen hatte und an Fahnder in verschiedenen Ländern verkaufte. Die Aktion brachte Deutschland 220 Millionen Euro ein. Der damalige Finanzminister Peer Steinbrück kommentierte: «Das Geschäft meines Lebens.» Heinrich Kieber kassierte dafür fünf Millionen Euro. Heute lebt er an einem streng geheimen Ort in einem Zeugenschutzprogramm – er wird von Geheimdiensten geschützt. Die Daten hat er an insgesamt 13 Länder weitergegeben. Auch an die USA. Das dürfte ihm noch mehr Geld eingebracht haben. Denn eine Regel besagt, dass dort Steuerinformanten bis zu 30 Prozent der eingenommenen Summe erhalten.

In dem konspirativ geführten Interview erklärt Kieber, wie Milliarden von Schwarzgeld aus der ganzen Welt nach Liechtenstein geschafft wurden. Bargeld hätten die Kunden durch eine geheime Stahltür im öffentlichen Parkhaus von Vaduz direkt in den Tresorraum der LGT Treuhand fahren können.

Unschuldslamm?

Der 45-jährige Datendieb stellt sich im Interview als unverstandener Held dar. «Um Geld ging es mir nie», sagt er. Sondern? «Um Gerechtigkeit.» Und seine Gerechtigkeit hört sich an wie aus einem schlechten Gangsterfilm. Er sei 1997 von ehemaligen Geschäftspartnern nach Argentinien gelockt, dort gefangen und gefoltert worden. Es ging angeblich um offene Rechnungen von rund 240'000 Franken. «Ich ging nach Argentinien um Schulden einzutreiben. Auf perfide Art wollten sie mich um das Darlehen bringen. Sie sperrten mich in einen Wasserturm, folterten mich. Ich hatte Verletzungen am Hals, tiefe Schnitt- und Brandwunden. Nach zwölf Tagen liessen sie mich frei. Ich ging sofort nach Vaduz und machte Anzeige bei der Polizei», sagt Kieber. Er habe nur knapp überlebt.

Der Fürst, das Staatsoberhaupt von Liechtenstein, Hans-Adam, habe ihm 2003 das Ehrenwort gegeben, die Täter zu verfolgen. Passiert sei nie etwas, so Kieber. Und das ist der Grund, warum er Hans-Adam so hasst. «Hans-Adam und sein ganzer Apparat, die Regierung, die Justiz, haben mich von 1997 bis 2005 verarscht. Ich wollte nur eines: Meine verdammten Folterer auf die Klagebank bringen.»

«Ich habe mich gerächt»

2006 ist Kieber dann mit den Daten zum deutschen Bundesnachrichtendienst marschiert. «Jawohl, ich habe mich gerächt, an Hans-Adam, seiner Marionetten-Regierung und der Justiz.»

Doch stimmt die dubiose Geschichte von Kieber und seinen Folterknechten auch wirklich? «Stern»-Reporter sind bei ihren Recherchen in Barcelona auf einen Beteiligten gestossen, der bestätigte, dass der Liechtensteiner auf einer Farm in Argentinien festgehalten worden war.

Sigvard Wohlwend sieht die Geschichte aber etwas anders. Er hat einen Dokumentarfilm über Heinrich Kieber mit dem Titel «Heinrich Kieber Datendieb» gedreht. Auch Wohlwend bestätigt im Gespräch mit «Spiegel online» zwar, dass die Argentinien-Geschichte stimme. Allerdings blende Kieber in dem «Stern»-Interview aus, dass er selbst Anteil an der Entführung hatte. Denn er habe zuvor in Spanien einen Deutschen um seine Wohnung und damit um viel Geld geprellt. «Kieber stilisiert sich jetzt zum Opfer, seine Äusserungen finde ich vorsichtig ausgedrückt recht gewagt», sagt Wohlwend gegenüber «Spiegel online». «Er ist ein Vielschwätzer, ein Aufschneider, das hat sich bei unseren Recherchen immer wieder gezeigt.»

Kieber sei eine schillernde Figur, die immer wieder in Betrügereien verwickelt war, schreibt auch der «Stern». So wurde der 45-Jährige 2003 wegen des spanischen Immobiliendeals vom Fürstlichen Obergericht in Vaduz zu zwölf Monaten auf Bewährung verurteilt.

Betrugsvorwürfe in Australien

Kieber ist gemäss dem Dokumentarfilm auch nach Australien gereist. Doch dort sei ihm zunächst die Aufenthaltsgenehmigung verweigert worden. Jahre zuvor hatte er dem Film zufolge dort mehrfach Versicherungsbetrug begangen. So soll er einen Mietwagen einige Male als gestohlen gemeldet haben, um von der Versicherung abzukassieren. Dokumentarfilmer Wohlwend sagte «Spiegel online», er halte Kiebers Aussagen, es gebe zahlreiche Angebote an den Liechtensteiner Fürst Hans-Adam II., ihn umzubringen, für übertrieben. «Ich glaube kaum, dass ihm wirklich noch Leute ans Leder wollen.» Kiebers Angst, nach Liechtenstein zurückzukehren, hält Wohlwend allerdings durchaus für berechtigt: «Dort müsste er sicherlich mit einer Tracht Prügel rechnen.»

So lief der Datenklau ab

Kieber spricht im «Stern»-Interview auch detailliert über den Tag im Herbst 2002, an dem er die Kundendaten der LGT Treuhand gestohlen hatte. Er habe das Magnetband mit der Sicherungskopie einfach mitgehen lassen. Das Band habe ausgesehen wie eine dicke, alte Kassette.

«Der Ablauf bei der LGT war jeden Tag gleich. Ich habe gesehen, dass bei der alltäglichen Routine das Datenband für ein Weilchen bei der verantwortlichen Person auf dem Tisch lag. Die einzige Möglichkeit, es zu entwenden, ohne dass es jemand merkt, war natürlich, es auszutauschen.» Und so hat er es dann auch gemacht. Kieber hat das Band nach dem Mittagessen eingesteckt. «Ich war ein bisschen nervös. Am Abend habe ich es mitgenommen und bei mir zu Hause gut versteckt.»

Der Alltag eines Kronzeugen

Der Liechtensteiner ist jetzt zwar Millionär, muss aber ein Leben in völliger Abgeschiedenheit leben. Der Alltag des Datendiebs ist unspektakulär. «Ich stehe früh auf und gehe spät ins Bett. Manchmal weiss ich auch nicht, wie der Tag vorbeigegangen ist.» Auch hier stellt er sich als ehrenhafter Wohltäter dar. «Ich mache Freiwilligendienste. Das ist in Deutschland und Europa nichts so populär. Hier gibt es Menschen, die fahren alte Leute ins Spital. Es gibt da viele Möglichkeiten. Logischerweise unentgeltlich. Überrascht Sie das?», so Kieber im «Stern»-Interview.

Ob er denn jemals wieder nach Liechtenstein zurückkehren wolle? «Sag niemals nie. Das Volk wird mich wahrscheinlich in 30 bis 40 Jahren vergessen haben. Das Blaublut in Liechtenstein allerdings denkt in Jahrhunderten. Die ganze Sippe wird mich auf immer und ewig hassen wie die Pest.»

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