Zum Hauptinhalt springen

Sarkozys grosser Irrtum bei der Roma-Debatte

Deutschland wolle ebenfalls illegale Roma-Lager räumen, hatte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy behauptet. Was er nicht wusste: Deutschland könnte dies gar nicht tun – selbst wenn die Regierung wollte.

Als «Missverständnis» hat der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle die Äusserungen von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy bezeichnet, auch in Deutschland seien Räumungen von Roma-Lagern geplant. Das deutsche Dementi verwundert wenig - denn Roma-Lager wie in Frankreich gibt es laut dem Zentralrat deutscher Sinti und Roma hierzulande gar nicht. «Wir kennen kein solches Lager in Deutschland», sagt Herbert Heuss, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralrat.

Hintergrund ist, dass in den rund 600 illegalen Lagern in Frankreich überwiegend Roma aus Rumänien und Bulgarien leben, die nach dem EU-Beitritt der beiden Länder Anfang 2007 nach Frankreich gekommen sind. Nach Deutschland indes kamen aus diesen beiden Ländern nach Experteneinschätzung deutlich weniger Roma - genaue Zahlen für die vergangenen Jahre allerdings gibt es dazu nicht.

Mehr Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien als Romas

Umgekehrt ist eine zweite Gruppe Roma in Deutschland wesentlich stärker vertreten als in Frankreich: nämlich Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem früheren Jugoslawien. «In den Kriegen auf dem Balkan sind sehr viele Menschen nach Deutschland geflohen, weil sie hier Verwandte hatten oder früher in Deutschland gearbeitet hatten», unterstreicht Bernd Maesovic, Referent der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl.

Nach vorsichtigen Schätzungen der Gesellschaft für bedrohte Völker leben in Deutschland insgesamt rund 35'000 Roma aus Ex-Jugoslawien, davon etwa 10'500 Roma-Flüchtlinge aus dem Kosovo. Dorthin wurden in den vergangenen Jahren auch Roma zurückgeschickt - Massenabschiebungen aber gab es dabei nicht.

100'000 Sinti und Roma haben deutschen Pass

Scharf kritisiert wird von Flüchtlingshelfern gleichwohl ein im April unterzeichnetes Abkommen mit dem Kosovo. Darin werden Abschiebungen geregelt, so dass grundsätzlich der Weg frei ist für die sogenannte «Rückführung» von insgesamt rund 12'000 Angehörigen der Minderheiten der Roma, Ashkali und Kosovo-Ägypter, die keinen gültigen Aufenthaltstitel in Deutschland haben.

Allen Vorurteilen gegen die früher als «fahrendes Volk» bezeichneten Roma zum Trotz leben auch diese Bürgerkriegsflüchtlinge keineswegs in Wohnwagen oder Zelten, sondern in Sammelunterkünften oder Wohnungen für Asylbewerber. Dies gilt umso mehr für die Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit, die die weitaus grösste Gruppe der Minderheit in der Bundesrepublik bilden: Rund 100'000 Sinti und Roma haben nach Angaben ihres Zentralrates einen deutschen Pass.

Seit 600 Jahren im Land präsent

In Deutschland sind die Sinti und Roma seit 600 Jahren beheimatet - wobei die Sinti bereits seit dem Spätmittelalter in Mitteleuropa leben, während die Bezeichnung Roma für Angehörige der Minderheit mit südosteuropäischer Herkunft steht. In Frankreich fallen übrigens die meisten in Deutschland als Sinti und Roma bezeichneten Menschen unter den Anfang der 70er Jahre geprägten Verwaltungsbegriff «Landfahrer». Auf 400.000 wird ihre Anzahl geschätzt, 95 Prozent von ihnen haben die französische Staatsbürgerschaft.

AFP

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch