«Salah Abdeslam will mit einem milden Urteil davonkommen»

Der einzig überlebende Paris-Attentäter soll dem Westen IS-Geheimnisse verraten. Ob das realistisch ist, weiss Terrorexperte Jannis Jost.

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Fiona Endres@fionaendres

Der mutmassliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam soll nach Frankreich ausgeliefert werden. Ist das mehr als nur Symbolik?
Natürlich sind in diesem Fall besondere Emotionen und eine ganz besondere öffentliche Aufmerksamkeit im Spiel. Aber im Prinzip handelt es sich um einen ganz normalen juristischen Prozess. Obwohl er in Belgien geboren und aufgewachsen ist, ist Salah Abdeslam französischer Staatsbürger, weil seine Eltern eine Zeit lang in Algerien gelebt haben. Ausserdem wurde das Verbrechen, an dem er mutmasslich beteiligt war – also die Anschläge vom 13. November 2015 –, ja in Frankreich begangen. Schlussendlich hat Abdeslam auch nicht gegen die Auslieferung protestiert. Man kann spekulieren, dass das zu seiner Verteidigungsstrategie gehört: Sein Anwalt hat verlauten lassen, dass Abdeslam daran mitwirken will, zur Aufklärung des Geschehens beizutragen.

Was erhofft sich Frankreich mit der Befragung von Salah Abdeslam?
Nicht nur Frankreich, sondern alle europäischen Länder erhoffen sich von Abdeslam vor allem Auskunft über zwei Fragen, die für die Terrorabwehr von grosser Bedeutung sind. Zum einen, wie funktioniert das Netzwerk des sogenannten Islamischen Staates, mittels dem es gelang, die Anschläge vorzubereiten und erfahrene, gut ausgebildete Kämpfer aus Syrien und dem Irak nach Europa zu schmuggeln – obwohl sie teilweise den Behörden bekannt waren? Zum anderen, wie konnte Abdeslam der massiven Fahndung nach den Anschlägen 124 Tage lang entgehen? Es besteht die Möglichkeit, dass ihm dabei ein Netzwerk von Sympathisanten geholfen hat. Die Existenz eines solchen Netzwerks wäre beunruhigend, da es auch für die Logistik potenzieller zukünftiger Anschläge genutzt werden könnte.

Ist Salah Abdeslam wirklich ein so «grosser Fisch»? Weiss er viel über den IS?
Salah Abdeslam versucht seine Rolle in den Anschlägen herunterzuspielen und stellt sich als Befehlsempfänger seines Bruders Brahim dar. Es sieht allerdings so aus, als wäre Salah sehr wichtig für die Logistik der Anschläge gewesen. Er hat nicht nur Autos und Wohnungen für die Terrorzelle angemietet, er hat anscheinend auch etliche Transportfahrten in diverse europäische Länder unternommen. Es ist also nicht so weit hergeholt, zu vermuten, dass er einiges über IS-Kontaktleute in Europa und vielleicht auch über die Wege und Verfahren wissen könnte, mittels derer IS-Kämpfer hierhergelangen.

Abdeslam gilt als sehr radikal. Er sagt aber, er würde mit den Behörden kooperieren. Ist das realistisch, und falls ja, wie würde diese Kooperation aussehen?
Es scheint zu Abdeslams Verteidigungsstrategie zu gehören, sich als ein «kleines Licht» zu präsentieren. In diesem Sinne hat er auch Angaben gemacht, die schon auf den ersten Blick ausgesprochen fragwürdig sind – beispielsweise, dass er den mutmasslichen Hauptorganisator Abdelhamid Abaaoud nur einmal in seinem Leben gesehen habe. Tatsächlich gelten die beiden als Freunde seit Kindestagen und wurden schon für gemeinschaftlich begangene Vergehen verurteilt. Seine Aussagen sind also mit Vorsicht zu geniessen. Wenn ihm aber – wie es momentan aussieht – daran gelegen ist, mit einem möglichst milden Urteil davonzukommen, hat die Justiz damit einen Hebel, den sie nutzen könnte. Insbesondere wird es darum gehen, den Weg von Abdeslam vor und nach den Anschlägen von Paris so lückenlos wie irgendwie möglich aufzuklären, einschliesslich aller Kontaktpersonen, Unterkünfte und Beschaffungswege.

Jemand der für den IS sterben würde, hat ja nichts zu verlieren. Warum sollte er seine Freunde verpfeifen?
Abdeslams Streben nach einem milden Urteil scheint in der Tat seiner Radikalität zu widersprechen. Das wirft die Frage auf: Wie radikal ist er? Man kann davon ausgehen, dass er das radikale Gedankengut der anderen Attentäter teilt. Es ist aber auffällig, dass seine Radikalisierung über einen sehr kurzen Zeitraum erfolgte. Sein Umfeld nahm erst wenige Monate vor den Anschlägen eine Veränderung hin zum radikalen Islam an ihm wahr. Bis dahin war er an einer Bar beteiligt, die als Drogenumschlagplatz galt – nicht grade vorbildliches islamisches Verhalten. Soll heissen: Es ist denkbar, dass seine Radikalisierung zwar stark, aber eher oberflächlich war. Nachdem die selbstbestätigende Gruppendynamik der Terrorzelle nun weggefallen ist, sieht Abdeslam die Dinge vielleicht doch allmählich etwas anders – nicht zuletzt angesichts der ihm drohenden sehr, sehr langen Haftstrafe.

Welche Mittel haben die französischen Behörden, um Informationen von Abdeslam zu bekommen?
Alle Mittel müssen sich an Recht und Gesetz orientieren. Ganz abgesehen davon, dass sich die französischen Behörden natürlich den Gesetzen und Werten, die sie vertreten, verpflichtet fühlen, würden sie sonst riskieren, dass einer der nur zwei überlebenden Beteiligten der Anschläge von Paris straffrei davonkommt, weil bei seiner Befragung Gesetze gebrochen wurden. Der beste Hebel, den die Behörden haben, ist also die Möglichkeit einer Strafmilderung. Ob sie davon angesichts der öffentlichen Emotionen davon Gebrauch machen wollen, bleibt natürlich abzuwarten.

baz.ch/Newsnet

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