Russisches U-Boot auf geheimer Mission

14 Seeleute starben beim Brand in einem U-Boot. Dieses soll dank einer speziellen Konstruktion tief tauchen können und Datenkabel im Visier haben.

Im Jahr 2015 soll die Zeitschrift «Top Gear» in Russland aus Versehen ein Bild des streng geheimen U-Boots AS-12 veröffentlicht haben – im Hintergrund eines fotografierten Mercedes. Bestätigt wurde das jedoch nicht. Bild: Screenshot «Top Gear», Russland

Im Jahr 2015 soll die Zeitschrift «Top Gear» in Russland aus Versehen ein Bild des streng geheimen U-Boots AS-12 veröffentlicht haben – im Hintergrund eines fotografierten Mercedes. Bestätigt wurde das jedoch nicht. Bild: Screenshot «Top Gear», Russland

Das russische U-Boot, in dem bei einem verheerenden Feuer an Bord 14 Seeleute ums Leben kamen, soll sich auf einer Forschungsmission am Meeresboden befunden haben, wie das russische Verteidigungsministerium mitteilt. Ein Militärexperte, der anonym bleiben wollte, zweifelt diese Version jedoch an. Forschungsmissionen würden in der Regel als Vorwand für verschiedene Arbeiten am Meeresboden genutzt, etwa das Verlegen von Kabeln, sagte der Experte.

Die Armee veröffentlichte nur wenige Details über den Vorfall. Name und Typ des U-Boots wurden nicht bekannt gegeben. Mehrere Medien berichteten unter Berufung auf Ermittlungskreise allerdings, das Unglück habe sich auf einem Atom-U-Boot vom Typ AS-12 ereignet.

Über diesen U-Boot-Typ, auch als «Losharik» bezeichnet, ist nur wenig bekannt. Es soll über einen Atomantrieb verfügen und tiefer als 1000 Meter tauchen können. Der Zeitung «Nowaja Gaseta» zufolge kann es sogar bis zu 6000 Meter tief tauchen, was jedoch von Experten bezweifelt wird. Es ist für 25 Besatzungsmitglieder konstruiert und soll ungefähr 60 bis 70 Meter lang sein.

Sieben Druckkugeln ermöglichen tiefes Tauchen

Putin bestätigte die Berichte nicht, sagte jedoch, dass es sich um ein ungewöhnliches U-Boot handle. «Es ist kein gewöhnliches Schiff, es ist ein Forschungsschiff, seine Besatzung ist hochprofessionell», sagte er. Alle weiteren Details seien hochgeheim. Unter den 14 Opfern seien 7 Kapitäne ersten Ranges gewesen.

Das U-Boot-Modell AS-12 ist gemäss Experten eine einzigartige Konstruktion der Abteilung für Tiefseeerkundungen. Sieben Druckkugeln aus Titan würden dem U-Boot erlauben, in grosse Tiefen zu tauchen, wie Welt.de berichtet. Der Name des Boots kommt von einer russischen Pferdefigur, die aus zusammengesteckten Kugeln besteht.

Zum Druckausgleich sollen die Räume zwischen den Druckkugeln und der Aussenhülle geflutet werden – quasi ein Konstruktionstrick, um tiefer tauchen zu können. Der U-Boot-Analyst H. I. Sutton hat sich intensiv mit dem Aufbau des U-Boots auseinandergesetzt. Die Kugeln hätten wohl einen Durchmesser von etwas mehr als sechs Metern. Er vermutet, dass durch die Kugelkonstruktion der gesamte Platz für die Crew auf rund 100 Quadratmeter beschränkt sei.

Darstellung des U-Boots AS-12 von H. I. Sutton. Quelle: Covert Shores/hisutton.com

Wichtige Datenkabel im Visier

Mit dem U-Boot seien besondere Missionen am Meeresgrund möglich, erklärt Michael Kofman vom Naval Research Center in Arlington (USA) im Gespräch mit dem «Spiegel». Die AS-12 könne andere havarierte U-Boote bergen, Teile von abgestürzten Flugzeugen oder Satelliten am Meeresgrund einsammeln. Aber auch speziellere Missionen seien möglich, etwa das Sammeln von Informationen am Meeresboden oder der Aufbau von Abhörsensoren oder Ähnlichem.

Befürchtet wird dabei auch, dass Russland sich mit einem solchen U-Boot an den Glasfaserkabeln zu schaffen macht, welche am Ozeanboden zwischen Europa und Nordamerika verlegt sind. Nicht nur Spionage ist dabei eine Gefahr, sondern auch, dass die Kabel gekappt werden und so ein milliardenschwerer Schaden entsteht, da der grösste Teil des Datenverkehrs zwischen den Kontinenten über diese Kabel läuft.

Nato: Russland hat in U-Boote investiert

Die Nato beobachtet seit längerem, dass sich russische U-Boote in Gebieten aufhalten, in denen die Glasfaserkabel verlaufen. Russland interessiere sich ganz offensichtlich für diese Infrastruktur, sagte U-Boot-Kommandeur Andrew Lennon der «Washington Post». Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg ist über die russischen Aktivitäten besorgt. Diese seien auf dem höchsten Niveau seit dem Kalten Krieg, sagte er im Dezember 2017 in einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Russland habe in seine Marine und insbesondere die U-Boot-Flotte investiert. Die Nato habe in diesem Bereich mittlerweile Defizite. «Wir haben weniger geübt und Fertigkeiten eingebüsst», sagte Stoltenberg.

Russland hat hingegen seine Präsenz in der Arktis in der Hoffnung ausgebaut, dort führende Wirtschafts- und Militärmacht zu werden. Mehrere Militärstützpunke, die nach dem Ende der Sowjetunion aufgegeben worden waren, wurden wiedereröffnet. Der Klimawandel lässt das Packeis schmelzen und öffnet so neue Handelsrouten zwischen Asien und Europa.

Überlebende an Bord?

Das verunfallte russische U-Boot befand sich in der Barentssee, im äussersten Nordwesten des Landes. Inzwischen wurde die beschädigte AS-12 in eine Militärbasis in der nördlich des Polarkreises gelegenen Stadt Seweromorsk gebracht. Dies legt den Schluss nahe, dass es Überlebende gibt. Wie viele Menschen sich während des Unglücks an Bord befanden, blieb bisher unklar.

Wie «Spiegel online» berichtet, ist das U-Boot normalerweise nicht allein unterwegs, sondern mit einem anderen Atom-U-Boot. Dieses sei deutlich grösser, und die AS-12 könne quasi an dessen Unterseite andocken. So könne das «Mutterschiff» das mutmassliche Spionage-U-Boot an jede beliebige Stelle im Meer bringen.

Kursk: 118 Tote im August 2000

In Russland haben sich in den vergangenen Jahrzehnten eine ganze Reihe von U-Boot-Unglücken ereignet. Die schwerste Katastrophe liegt 19 Jahre zurück: Im August 2000 sank das Atom-U-Boot Kursk bei einer Übung in der Barentssee wegen eines defekten Torpedos, alle 118 Besatzungsmitglieder starben. Aufgrund der zögerlichen Informationspolitik und der unzureichenden Rettungsbemühungen geriet Präsident Wladimir Putin in scharfe Kritik.

Im Jahr 2008 starben bei einer Testfahrt des russischen Atom-U-Boots Nerpa 20 Menschen, darunter 17 Zivilisten. Sie erstickten an giftigen Gasen, nachdem das Löschsystem an Bord versehentlich ausgelöst worden war. Das U-Boot war für 80 Personen ausgelegt, an Bord waren mehr als 200.

In den vergangenen zehn Jahren brachen zudem während Reparaturarbeiten auf drei russischen U-Booten Brände aus. Experten zufolge werden in den Werften die Sicherheitsvorschriften teilweise lax gehandhabt.

anf/afp

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