Revolutionärin wider Willen

Die alleinerziehende Mutter und Krankenpflegerin Ingrid Levavasseur tritt für die Gelbwesten in Frankreich bei der Europawahl an.

Sie gehört zu den am meisten interviewten Menschen der «gilets jaunes»: Ingrid Levavasseur. Bild: AP/Keystone

Sie gehört zu den am meisten interviewten Menschen der «gilets jaunes»: Ingrid Levavasseur. Bild: AP/Keystone

Ingrid Levavasseur will Frankreich nicht verändern, sie will das Land revolutionieren. Daran lässt das Foto keinen Zweifel, das sich die Krankenpflegerin aus der Normandie auf Facebook als Profilbild ausgesucht hat. Mit dem rechten Arm reckt sie eine Trikolore in die Höhe, wie die berühmte Barrikadenkämpferin auf Eugène Delacroix’ Gemälde «Die Freiheit führt das Volk».

Levavasseur wurde in den vergangenen Monaten zu einem der Gesichter des zornigen Frankreich. Denn sie trägt nicht nur eine Frankreichfahne, sondern auch bei jedem öffentlichen Auftritt eine gelbe Warnweste. Sie gehört zu den am meisten interviewten Menschen der «gilets jaunes». Nun will sie die Wut der Strasse ins Parlament tragen. Sie führt eine Liste von «gilets jaunes» an, die im Mai bei den Wahlen zum Europaparlament antreten wollen.

Die 31-Jährige mit dem roten Haarschopf steht exemplarisch für die Nöte und Überzeugungen vieler, die sich den Gelbwesten angeschlossen haben. Ihr Lohn reicht kaum aus für die Familie der Alleinerziehenden mit ihren beiden Töchtern.

Durch Wahlen könne man keine wirklichen Veränderungen erreichen.

Aktuell glauben Experten, dass 13 Prozent der Wähler für die «gilets jaunes» stimmen werden. Doch ein Erfolg ist für Levavasseur noch nicht sicher. In den sozialen Netzwerken, wo die «gilets jaunes» entstanden und sich organisieren, wurde sie umgehend dafür angegriffen, sich an den Kopf der Bewegung zu stellen. Maxime Nicolle, der unter dem Pseudonym «Fly Rider» Hunderttausende auf Facebook erreicht, nannte Levavasseurs Kandidatur einen «Verrat». Durch Wahlen könne man keine wirklichen Veränderungen erreichen.

Anfeindungen sind für Levavasseur nichts Neues. Sie war im Laufe der Proteste zum Liebling der Medien geworden, da sie sich besonders natürlich, direkt und klar ausdrückt. Der Fernsehsender BFM bot ihr an, eine politische Sendung zu moderieren. Sie lehnte ab – und wurde dennoch von Gelbwesten massiv beschimpft. Die Bewegung ist dem Sender in Hassliebe verbunden. Sie beschuldigt ihn, die gewalttätigen Ausschreitungen bei den Protesten zu dramatisieren. Gleichzeitig gehören die Videos von BFM zu den meistgeteilten Beiträgen in den Facebook-Foren der Gelbwesten.

Budget von 700'000 Euro fehlt noch

Levavasseurs Liste verzichtet im Namen auf eine Nennung der Gelbwesten. Sie tritt für das «Ralliement d’initiative citoyenne» (RIC) an, «Sammlung der Bürgerinitiative». Bisher stehen neben Levavasseur neun weitere Menschen auf der Liste, darunter ein Jurist, eine Hausfrau, ein Unternehmer, ein Beamter. Bis Februar soll die Liste auf 70 Kandidaten anwachsen. Wer mitmachen möchte, kann sich in einem internen Wahlverfahren bewerben. Um zur Wahl zugelassen zu werden, müssen Levavasseur und ihre Mitstreiter noch ein Budget von 700'000 Euro aufstellen, das durch Spenden zusammenkommen soll.

Es ist gut möglich, dass Ingrid Levavasseurs Liste nicht der einzige Versuch bleibt, die Bewegung in die Politik zu führen. Beim französischen Patentamt haben mehrere Personen Variationen der Marke «gilets jaunes» schützen lassen.

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