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«Pussy Riot ist nicht tot»

Heute vor einem Jahr lösten Pussy Riot mit ihrem «Punkgebet» einen Sturm der Entrüstung aus. Die Folge: Zwei Sängerinnen harren in Lagerhaft aus, eine ist in Freiheit – und bereut nichts.

Sie ist froh, dass ihr Auftritt den Russen die immer engeren Verbindungen zwischen der Regierung und der orthodoxen Kirche vor Augen geführt hat: Die inzwischen frei gelassene Jekaterina Samuzewitsch. (21. Februar 2013)
Sie ist froh, dass ihr Auftritt den Russen die immer engeren Verbindungen zwischen der Regierung und der orthodoxen Kirche vor Augen geführt hat: Die inzwischen frei gelassene Jekaterina Samuzewitsch. (21. Februar 2013)
Reuters

Pussy Riot. Dieser Name ist heute in Europa einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Genau heute vor einem Jahr gelang es der jungen russischen Punkband, länderübergreifende Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dass eine Kontroverse ausgelöst würde, das hatten die jungen Frauen beabsichtigt. Doch dass ein Justizskandal ausgelöst würde, damit hatten sie nicht gerechnet.

Die Pussy-Riot-Sängerinnen waren am 21. Februar 2012 in der Moskauer Kathedrale zum Altar gestürmt und hatten ein «Punkgebet» gerufen. Mit ihrem Auftritt kurz vor der Präsidentenwahl protestierten sie damals gegen Russlands heutigen Staatschef Wladimir Putin und kritisierten dessen Beziehungen zur mächtigen russisch-orthodoxen Kirche. Drei der regierungskritischen Aktivistinnen wurden schliesslich im August zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Ein Berufungsgericht wandelte die Haft gegen eine von ihnen – Jekaterina Samuzewitsch – später in eine Bewährungsstrafe um.

Sie bereut nichts

Samuzewitsch sagt heute, sie bereue trotz des aufreibenden Prozesses nichts. Sie sei froh, dass ihr Auftritt den Russen die immer engeren Verbindungen zwischen der Regierung und der orthodoxen Kirche vor Augen geführt hatte, sagte sie heute. Und weiter: «Pussy Riot ist nicht tot». Sie würde die Aktion in der Moskauer Kathedrale auch noch einmal so wiederholen. «Der Kampf geht jetzt weiter.»

Gleichzeitig wies sie Vorwürfe zurück, mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet zu haben. «Das ist vollkommener Blödsinn und eine Lüge», sagte sie in einem Interview. «Es ist absurd zu behaupten, dass ich irgendwelche Abmachungen getroffen habe oder im Auftrag von oben Pussy Riot schaden will.»

Demonstrantinnen festgenommen worden

Drei ehemalige Anwälte der Band werfen Samuzewitsch vor, mit der Justiz und dem Kreml eine Absprache getroffen zu haben, um eine Bewährungsstrafe zu bekommen. Zuvor hatte Samuzewitsch eine neue Anwältin eingesetzt, Irina Chrunowa. «Ehrlich gesagt, glaube ich, dass unsere ehemaligen Anwälte mit dem Ziel handeln, Pussy Riot kaputt zu machen», sagte Samuzewitsch. Nach dem Verbot mehrerer Internet-Videos fürchtet die Aktivistin nach eigenen Angaben eine neue Anklage. Es könne sein, «dass langfristig ein neuer Prozess wegen Extremismus gegen uns vorbereitet wird – und die als extremistisch eingestuften Videos als Grundlage der Anklage dienen sollen», sagte sie.

Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina wurden des Rowdytums und Hasses auf Gläubige für schuldig befunden. Der Prozess gegen sie führte zu internationalen Protesten gegen die wachsende Intoleranz der Regierung gegenüber Dissidenten. Doch in Russland scheint sich dennoch wenig geändert zu haben: Weil sie den Jahrestag des «Punkgebets» von Pussy Riot begehen wollten, sind heute zwei Frauen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale festgenommen worden.

Polizei: Heilung nur in der Psychiatrie

Sie hätten Strumpfmasken getragen und versucht, Blumen niederzulegen, sagte eine der betroffenen Frauen dem Online-Nachrichtenportal Gazeta.ru. Bei den beiden Verhafteten handelt es sich demnach um zwei Professorinnen der Universität Moskau, Irina Kazuba und Jelena Wolkowa. Nach Angaben Kazubas fragte die Polizei zunächst nach den Gründen für ihre Aktion. Daraufhin habe sie geantwortet: «Wir feiern den Jahrestag eines Ereignisses, das unser Land verändert hat.» Die Polizisten hätten geantwortet, dass sich das Land nur in ihrer Vorstellung verändert habe, was in der Psychiatrie «geheilt» werden könne. Die beiden Frauen wurden anschliessend auf ein Polizeirevier gebracht. Ein Polizeisprecher sagte der Nachrichtenagentur Interfax, dass sie nach einem Verhör wieder freigelassen würden.

Im letzten Jahren wurde viel berichtet über den Fall Pussy Riot. Das waren die wichtigsten Ereignisse des Skandals:

  • 21. Februar 2012:Mit Strumpfmasken protestieren die Frauen der Punkband Pussy Riot in der Erlöserkathedrale in Moskau gegen die Rückkehr von Wladimir Putin ins Präsidentenamt.
  • 3. März: Festnahme der Aktivistinnen. Die Staatsanwaltschaft wirft drei Frauen Rowdytum aus Hass auf Gläubige vor. Kirche und Politiker halten den Künstlerinnen «Gotteslästerung» vor.
  • 4. März: Putin wird nach vier Jahren als Regierungschef zum dritten Mal nach 2000 und 2004 zum Kremlchef gewählt. Kritiker werfen ihm nach seiner Rückkehr vor, die politischen Daumenschrauben anzuziehen.
  • 30. Juli: Begleitet von einem Grossaufgebot der Polizei, beginnt in Moskau der Prozess gegen die beiden jungen Mütter Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina sowie Jekaterina Samuzewitsch.
  • 17. August:Unter den Augen der Weltöffentlichkeit nehmen die Frauen in einem Kasten aus Glas ihr Hafturteil entgegen: jeweils zwei Jahre Straflagerhaft. Es gibt internationale Proteste.
  • 10. Oktober: Ein Berufungsgericht in Moskau wandelt die Haft gegen Samuzewitsch überraschend in eine Bewährungsstrafe um. Die Musikerin war demnach zwar in der Kirche anwesend, sang aber nicht mit.
  • 22. Oktober:Das Untersuchungsgefängnis bestätigt den Abtransport von Tolokonnikowa und Aljochina in weit entlegene Straflager. Die Frauen klagen dort über unmenschliche Verhältnisse.
  • 7. Februar 2013:Nach einem Wechsel der Verteidiger informieren die neuen Anwälte von Pussy Riot über ihre Klage gegen Russland am Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg.

sda/AFP/dapd/rbi

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