Opfer von Chemnitz war Deutschkubaner – und links

Der Tod von Daniel H. wird für rechtsextreme Gewalt instrumentalisiert. Das wäre kaum in dessen Sinn gewesen.

Zieht nicht nur Angehörige und Betroffene an: Eine Menschenansammlung beim Tatort in Chemnitz, wo inzwischen Blumen liegen.

Zieht nicht nur Angehörige und Betroffene an: Eine Menschenansammlung beim Tatort in Chemnitz, wo inzwischen Blumen liegen.

(Bild: Keystone)

Sein Tod hat die gewaltsamen Krawalle in Chemnitz ausgelöst: Daniel H. wurde am frühen Sonntagmorgen gegen 3 Uhr in der Chemnitzer Innenstadt mit einem Messer angegriffen. Nach dem Stadtfest war es zu einem verhängnisvollen Streit zwischen zwei Männergruppen gekommen. Zwei seiner Kollegen wurden verletzt, Daniel H. starb im Spital an seinen schweren Verletzungen.

Alle drei seien Deutsche, liess die Polizei verlauten. Bei den Tätern handle es sich um Männer mehrerer Nationalitäten. Das war Anlass genug für Hunderte Menschen, darunter auch Rechtsextreme, am Sonntag in der sächsischen Stadt auf die Strasse zu gehen. Dabei soll es auch Jagdszenen auf Ausländer gegeben haben. Gestern kam es zu schweren Ausschreitungen zwischen rechts- und linksgerichteten Demonstranten.

Antifa «gefällt mir»

Nun tauchen Details zum Opfer auf. Nach Angaben verschiedener deutscher Medien war Daniel H.35 Jahre alt und Deutschkubaner. Er hatte eine deutsche Mutter und einen kubanischen Vater, war also nicht gerade das, was sich Rechtsextreme unter einem «echten Deutschen» vorstellen.

Zudem habe er seinem Facebook-Profil zufolge eher dem linken Spektrum nahegestanden, schreibt das Nachrichtenmagazin «Spiegel». Daniel H. hatte demnach Seiten der Partei Die Linke und verschiedener Antifa-Gruppierungen mit «gefällt mir» markiert. In einem Kommentar äusserte er sich positiv zur Anti-Nazi-Modemarke Storch Heinar, und zu einem Post über «Nazis einen Vogel zeigen»-Shirts schrieb er: «Ich hätte auch gern eins, in Chemnitz gibts noch zu viele von den Spinnern.»

«Daniel wäre entsetzt, wenn er wüsste, wer da alles versucht, seinen Tod zu instrumentalisieren.»Freund des Opfers

Das Opfer wuchs in Chemnitz auf, hinterlässt als junger Familienvater Frau und Kind. Sein Ausbildungsbetrieb schrieb auf Facebook: «Mit Bestürzung und Fassungslosigkeit haben wir vom gewaltsamen Tod unseres ehemaligen Tischlerlehrlings erfahren. Daniel war ein sehr hilfsbereiter, fleissiger und lebenslustiger Mensch.»

Ein Freund, der am Tatort Kerzen anzündete, sagte der «Freien Presse»: «Es wäre ihm nicht recht gewesen, wenn jetzt Rechte oder Linke hier etwas draus machen.» Laut einem Facebook-Freund wäre Daniel sogar «entsetzt, wenn er wüsste, wer da alles versucht, seinen Tod zu instrumentalisieren».

Auch Politiker reagierten empört auf den Missbrauch des tragischen Tötungsdelikts. «Es ist widerlich, wie Rechtsextreme im Netz Stimmung machen und zur Gewalt aufrufen», schrieb Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer auf Twitter. Sein Stellvertreter Martin Dulig forderte, die «anständigen Sachsen» müssten sich dagegen wehren, «dass rechte Populisten und Extremisten die Gunst der Stunde nutzen, um gegen Ausländer zu hetzen».

wig.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt