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Nato soll Schiffbrüchige im Stich gelassen haben – 61 sind ertrunken oder verhungert

Ein Flüchtlingsboot trieb während 16 Tagen manövrierunfähig im Mittelmeer. Europäische Küstenwachen und die Nato griffen nicht ein, obwohl sie über den Vorfall informiert gewesen sein sollen.

Von der Küstenwache ignoriert: Flüchtlingsboot vor Lampedusa (Archivbild).
Von der Küstenwache ignoriert: Flüchtlingsboot vor Lampedusa (Archivbild).
Keystone

Die Bilder sind bekannt: Hunderte Flüchtlinge aus Nordafrika zwängen sich auf Boote, auf denen eigentlich nicht halb so viel Platz wäre. Durch ihren Willen nach Europa zu gelangen und weil die Schleuser das grosse Geschäft wittern – jeder Passagier auf dem Boot bringt zusätzliches Geld - begeben sich diese Menschen in Todesgefahr.

Die noch unbestätigte Meldung, dass am letzten Wochenende wieder ein Schiff mit Hunderten Migranten auf Grund gelaufen ist, reiht sich in eine Serie ähnlicher tragischer Zwischenfälle. In einem Fall sehen sich nun die europäischen Behörden und die Nato schweren Vorwürfen ausgesetzt. Der «Guardian» berichtet, dass die Küstenwachen von Italien und Malta bewusst in Kauf genommen hätten, dass ein Flüchtlingsboot tagelang und ohne Kontrolle auf dem Meer trieb und dabei Dutzende Menschen starben. Die britische Zeitung bezieht sich auf Augenzeugenberichte.

61 der 72 Passagiere starben

Das Boot sei am 25. März von Tripolis aus mit dem Ziel Lampedusa gestartet. Auf dem Schiff hätten sich insgesamt 72 Passagiere befunden, 61 davon seien entweder ertrunken oder verhungert. Die Menschen sollen gemäss «Time Magazine» aus Eritrea, Sudan und Nigeria stammen. Darunter hätten sich auch zwei Kleinkinder und rund 20 Frauen befunden. Schon kurz nach dem Ablegen sei das Schiff in Seenot geraten. In der Folge trieb es ohne Öl, Lebensmittel und Wasser auf dem Meer. Der Kapitän habe per Satellitentelefon die Flüchtlingshilfe Habeshia alarmiert. Diese wiederum informierte die italienische Küstenwache über das sich in Seenot befindende Schiff.

Gegenüber ««Spiegel online»» bestätigt die Küstenwache ein entsprechendes Telefonat. Sie hätten jedoch den Anruf an die Küstenwache in Malta weitergeleitet, da sich das Boot ausserhalb ihres Teritoriums befunden habe. Offenbar fühlte sich aber auch die Küstenwache in Malta nicht zuständig: «Das Schiff hat sich ausserhalb der maltesischen Such- und Rettungszone (SAR) befunden», sagten die Behörden gegenüber «Spiegel online».

Eigener Urin als Rettung

Je länger das Boot auf dem Meer trieb, desto prekärer wurde die Situation. Grausige Szenen hätten sich abgespielt: Einer der Flüchtlinge berichtet gegenüber dem «Guardian», dass er seinen eigenen Urin getrunken und zwei Tuben Zahnpasta gegessen habe, um schliesslich als einer der zwölf Überlebenden nach 16 Tagen an der libyschen Küste zu stranden. In dieser Zeit sei das Schiff mehrmals von westlichen Streitkräften gesichtet worden, ohne dass den Flüchtlingen die lebensrettende Hilfe gewährleistet wurde. Ein Augenzeuge berichtet, dass zwei Flugzeuge der Nato über ihnen kreisten und danach wieder abgedreht seien. Am 29. und 30. März soll sich zudem der französische Flugzeugträger Charles de Gaulle dem Boot genähert haben. Doch auch dieses Mal sei den Migranten nicht geholfen worden.

Nur einmal zeichnete sich für die Flüchtlinge ein Hoffnungsschimmer ab. Als ein Militärhelikoter über dem Boot kreiste habe er Wasser und Kekse abgeworfen und Hilfe versprochen. Der Helikopter kehrte jedoch nicht wieder zurück. Die Herkunft des Flugobjekts ist bis dato unbekannt. Die Nato streitet indes ab, von dem treibenden Boot Kenntnis gehabt zu haben. Der italienische Flugzeugträger Garibaldi sei das einzige Schiff der Nato gewesen, das sich zu dieser Zeit im Gewässer befunden habe. Dies jedoch Hunderte Kilometer von dem manövrierunfähigen Boot entfernt.

Gegenüber «Spiegel online» weist die Nato-Sprecherin darauf hin, dass ihre Schiffe schon Hunderte Menschenleben gerettet hätten und sich die Organisation ihrer Verantwortung vollends bewusst sei.

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