Millionen Russen nach Bombendrohungen evakuiert

Schulen, Spitäler, Flughäfen, Bahnhöfe, Kirchen – nirgends scheint man mehr sicher. Doch Bomben wurden bisher keine gefunden.

Ein Einkaufszentrum musste aufgrund einer falschen Bombendrohungen evakuiert werden. Foto: Twitter

Ein Einkaufszentrum musste aufgrund einer falschen Bombendrohungen evakuiert werden. Foto: Twitter

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Am Freitag war es die Region Moskau, am Tag zuvor Birobidschan, ein Städtchen mit 75'000 Einwohnern an der Grenze zu China: Nach einer Bombendrohung wurden alle Kindergärten und Krippen der Stadt evakuiert. Letzten Monat wurden hier schon einmal acht Schulen geräumt, bei minus 26 Grad, eine ältere Lehrerin stürzte bei der Evakuierung unglücklich und starb.

Anfang Woche war es Moskau: über 100 Schulen, Bahnhöfe, Gerichte wurden nach Bombendrohungen geschlossen. Die Metro wurde zwar nicht abgeriegelt, aber offenbar durchsuchten Polizisten alle Stationen nach Bomben. Gefunden haben sie nichts. Mehr als 10'000 Menschen wurden evakuiert, Angst und Verunsicherung wachsen.

Wie schon einmal vor zwei Jahren wird Russland erneut von einer unheimlichen und immer weiter anwachsenden Welle von Bombendrohungen im ganzen Land heimgesucht: Schulen, Spitäler, Bahnhöfe, Flughäfen, U-Bahnen, Einkaufszentren, Fabriken, Gerichte, Verwaltungs- und Regierungsgebäude, Kirchen und Moscheen. Allein in Moskau wurden die letzten Wochen über 1,5 Millionen Menschen evakuiert, Bomben wurden bisher nirgends gefunden.

Drohungen per E-Mail

Begonnen haben die massenhaften Drohungen, die meist per E-Mail reinkommen, Ende November. Über die Neujahrsfeiertage war es ruhiger, doch seit Mitte Januar ist es schlimmer denn je. Heute Donnerstag hat der Inlandsgeheimdienst FSB erklärt, man habe eine Website in den Niederlanden blockiert, die über 1000 Bombendrohungen versendet habe. Das werde das Problem aber wohl nicht ganz lösen.

Das dürfte die aufkeimende Panik nicht dämpfen. «Ich habe es satt, in Angst zu leben!!!», schreibt eine Frau, die gerade eine Onlinepetition an den FSB unterzeichnet hat, endlich Ergebnisse zu präsentieren. Eine andere erzählt von ihren Kindern: Die Schule des älteren sei schon 15-mal evakuiert worden, das kleinere habe Glück, seine Krippe sei erst 2-mal geräumt worden. Allerdings sei das Kind noch nicht mal drei Jahre alt und die Kleinen müssten zwei Kilometer zu Fuss in den nächsten Kindergarten laufen.

Manche Eltern behielten inzwischen ihre Kinder ganz zu Hause, schreibt das unabhängige russische Newsportal «Medusa»: Weil sie Angst haben oder ihren Kleinen den Stress nicht zumuten wollen, plötzlich in die winterliche Kälte getrieben zu werden. In Chabarowsk, einer Grossstadt an der chinesischen Grenze, wurden vor gut einer Woche alle Schulen evakuiert – 49'000 Kinder waren laut russischen Medien betroffen. In manchen Schulen haben die Schüler inzwischen so viel Zeit verloren, dass sie zu Hause nachbüffeln müssen.

«Es geht nicht um Einzelfälle, es geht um Massenterrorismus.»Internetzeitung «Nowaja Wremja»

Und die Welle ebbt nicht ab. Die Polizei in Petersburg bekomme inzwischen so viele Bombendrohungen, dass sie gar nicht mehr dazu komme, alle zu lesen, schreibt «Medusa». Es könnten auch nicht mehr alle Gebäude geräumt werden, die bedroht würden. Das schürt die Angst weiter. In Archangelsk etwa wurden Züge, mehrere Spitäler und Bahnhöfe geschlossen, einmal wurden alle Schulen evakuiert. Vor einem Jahr hatte es hier einen Anschlag gegeben. Das Gleiche gilt für Städte wie Petersburg oder Moskau, wo Bombenanschläge in der Metro oder auf Flughäfen in der Vergangenheit Hunderte Menschen das Leben gekostet haben.

«Es geht nicht um Einzelfälle, es geht um Massenterrorismus», schreibt die Internetzeitung «Nowaja Wremja» in einem offenen Brief an den Inlandsgeheimdienst. «Es geht um Millionen von Menschen.» Die Bombendrohungen seien eine Gefahr für das ganze Land. «Die Menschen fragen sich, wer sie beschützt. Es gibt Schulen, die zweimal am Tag evakuiert werden. Der Kampf gegen solche Verbrechen – das ist der Sinn und Zweck ihrer Einrichtung.»

Eine solche Serie von Drohungen hatte das Land bereits 2017 überschwemmt, nach einem halben Jahr wurden es weniger, sie hörten aber nie ganz auf. Die Behörden haben zu der neuen Welle bisher weitgehend geschwiegen, das vom Kreml kontrollierte Fernsehen berichtete nicht mal über Massenevakuierungen in Moskau und Petersburg.

Nichts konnte die Welle stoppen

«Wir haben es mit Cyberterrorismus zu tun», sagt der Abgeordnete Alexander Chinschtein in einem der wenigen offiziellen Statements. Offenbar wurde das Parlament hinter verschlossenen Türen über das Problem informiert.

Russische Medien zitieren Beamte, die erklären, die IP-Adressen führten in die Ukraine, nach Syrien, in die Türkei, nach Ungarn oder nach Israel. Doch die Urheber könne man nicht ausmachen. In einigen Drohungen soll ein Oligarch aufgefordert worden sein, hohe Summen an «Lösegeld» zu bezahlen. Doch alle diese Versionen sind nicht bestätigt. Und alle Meldungen über Massnahmen oder Verhaftungen haben die Welle bisher nicht gestoppt.

Der Staat müsse endlich Antworten liefern, fordert eine Frau, welche die Petition an den FSB ebenfalls unterzeichnet hat. «Sogar dann, wenn die Antwort lautet: ‹Wir wissen es nicht und können nichts tun.› Wir haben ein Recht, das zu wissen.»

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