Migrantenfestung und Ferienparadies

Gleicher Zielort, anderes Motiv: Die Mittelmeerinsel Lampedusa wird im Sommer gleichermassen von Flüchtlingen und Touristen bevölkert.

Tourismus als einzige Einnahmequelle einer dürren Insel: Lampedusa. (Archivbild)

Tourismus als einzige Einnahmequelle einer dürren Insel: Lampedusa. (Archivbild)

(Bild: AFP)

Bis vor 20 Jahren war Lampedusa nur als Geheimtipp für sonnenhungrige Feriengäste bekannt. Seit einigen Jahren wird Europas südlichster Punkt jedoch auch von Menschen aufgesucht, die von einer viel banaleren Art des Hungers getrieben sind. Und sie flüchten vor Kriegen: am meisten Flüchtlinge kamen im August und September aus Syrien.

Auf der 20 Quadratkilometer grossen Insel tummeln sich im Sommer normalerweise wohlhabende Touristen, die das Meer, die Sonne und die Freundlichkeit der 5000 Bewohner des Eilands geniessen möchten.

Der Tourismus ist die einzige Einnahmequelle der dürren Insel, die ab 1872 für ein paar Jahre als Strafkolonie genutzt worden war. Doch das Image Lampedusas als Ferienparadies ist längst wegen der Masseneinwanderung afrikanischer Migranten dahin. Für diese bedeutet Lampedusa das Eingangstor zur Festung Europa.

Am meisten Flüchtlinge kamen aus Syrien

Von Lampedusa aus sind es nur 150 Kilometer nach Tunesien und 300 nach Libyen. Allein aus dem ehemaligen Reich des getöteten Machthabers Muammar al-Ghadafi sind seit Anfang Jahr 30'000 Flüchtlinge in Süditalien eingetroffen. 11'686 davon erreichten Lampedusa und die nahe liegende Insel Pantelleria, wie aus aus Berichten des italienischen Innenministeriums hervorgeht.

Der Flüchtlingsstrom hat vor allem in den vergangenen zwei Monaten rasant zugenommen. 16'000 Menschen kamen aufgrund der idealen Wetterbedingungen in diesen Wochen auf dem östlichen Sizilien sowie auf Lampedusa an.

Bei den Migranten, die in den vergangenen beiden Monaten Italien insgesamt vom Süden erreicht haben, zählte man 7557 Menschen aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Aus Eritrea kamen 7504, aus Somalia 2946. Jeder dritte Flüchtling auf Lampedusa hofft auf Asyl in Italien. Im vergangenen Jahr wurden in Italien 17'352 Asylanträge eingereicht.

2000 Dollar als Mindestpreis für die vermeintliche Fahrt ins Glück

Die Migrationswelle in Richtung Süditalien wird von libyschen Schlepperbanden mit guten Verbindungen zur sizilianischen Mafia organisiert. Die meisten afrikanischen Migranten, die auf der Flucht vor Hunger und Krieg nach Europa wollen, warten Wochen, oft sogar Monate in Flüchtlingslagern in Libyen, um nach Italien zu reisen.

2000 Dollar ist der Mindestpreis für die Überfahrt. Bei schlechten Wetterbedingungen, bei denen grössere Boote eingesetzt werden müssen, können sich die Preise verdoppeln, wie aus Berichten von Überlebenden hervorgeht. Organisiert werden die Überfahrten von ehemaligen Soldaten des Ghadhafi-Regimes, die jetzt nach dem Bürgerkrieg aus der Not der Verzweifelten Kapital schlagen.

Flüchtlingslager Dadaab in Kenia als tickende Zeitbombe

Italien blickt aber nicht nur nach Libyen mit Sorge. Berichte mehren sich über das von der UNO geführte kenianische Flüchtlingslager Dadaab nahe der somalischen Grenze, das als Zeitbombe gilt. Mit über einer halben Million Bewohner gilt das Lager als das weltweit grösste.

Experten sind der Ansicht, dass sich ganz Europa in den kommenden Monaten mit dem Flüchtlingslager Dadaab auseinandersetzen muss. Hier sind unter anderen auch rund 15'000 Syrer auf der Flucht vor dem Krieg in ihrem Land gestrandet. Und nun suchen sie nach Wegen, um Europa zu erreichen.

Verbindung von Libyen nach Italien oft einziger möglicher Weg

Der Seeweg über das Mittelmeer in Richtung Sizilien und Kalabrien ist dabei für die Flüchtlinge und die an ihnen verdienenden Menschenhändler oft der einzig offene Korridor. Dies nachdem die Route, die über die Grenze zwischen Türkei und Griechenland verläuft, gesperrt ist, und Spanien seinen Kampf gegen illegale Migrationsströme drastisch verschärft hat.

Vergebens macht Italien Druck auf die libyschen Behörden für eine effizientere Politik zur Bekämpfung der internationalen Schieberorganisationen. Weder das libysche Verteidigungs- noch das Innenministerium scheinen in der Lage, die Menschenhändler zu stoppen.

17'000 Todesopfer in den letzten zehn Jahren

Die Schlepper können sich auf dem libyschen Gebiet mehr oder weniger frei bewegen und verfügen über ein gut organisiertes Netz, um an der Küste Tunesiens grosse Fischerboote aufzutreiben.

Die oftmals notdürftig hergerichteten Boote werden dann zur Abfahrt in den nördlichen Teil Libyens gebracht. Die meisten Boote starten aus den libyschen Ortschaften Misurata, Zwara und Zliten. Hier werden die Migranten versammelt, die oft tagelang auf den Stränden auf die Abreise warten müssen.

Aus Zliten dürften auch jene Migranten abgefahren sein, die am Mittwoch vor Lampedusa den Tod fanden. Ein ähnliches Schicksal haben nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Fortress Europa auch rund 17'000 andere Flüchtlinge erlitten, die in den vergangenen zehn Jahren bei versuchten Überfahrten im Mittelmeerraum ums Leben gekommen sind.

mrs/sda

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