MH-17-Abschuss: «Es war die 53. Flugabwehrbrigade Russlands»

Das Investigativkollektiv Bellingcat veröffentlichte einen Bericht zur Flugzeugkatastrophe in der Ostukraine. Die Recherche lässt nur einen Schluss zu.

Die Angehörigen der 298 Opfer fordern Aufklärung und Gerechtigkeit: Trümmer der abgeschossenen Maschine der Malaysia Airlines in der Ostukraine.

Die Angehörigen der 298 Opfer fordern Aufklärung und Gerechtigkeit: Trümmer der abgeschossenen Maschine der Malaysia Airlines in der Ostukraine.

(Bild: AFP)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Der Abschuss von Flug MH 17 der Malaysia Airlines im Osten der Ukraine treibt seit drei Jahren das investigative Recherchenetzwerk Bellingcat um. Regelmässig veröffentlicht es aufsehenerregende Ergebnisse seiner Open-Source-Recherchen im Internet. Zum dritten Jahrestag der Flugzeugkatastrophe mit 298 Toten präsentiert nun Bellingcat einen zusammenfassenden Bericht: «MH17 – The Open Source Investigation, Three Years Later».

Rakete des russischen Flugabwehrsystems Buk 332

Das Fazit der Recherchen ist eindeutig: Bellingcat macht Russland verantwortlich für den Abschuss von MH 17. Getroffen wurde das Passagierflugzeug der Malaysia Airlines von einer Rakete des Flak-Systems Buk 332 der 53. Flugabwehrbrigade der russischen Streitkräfte. Anhand von Fotos, Videoaufnahmen, Zeugenaussagen vor Ort und anderen frei zugänglichen Informationen im Internet rekonstruierte das Bellingcat-Team die Geschehnisse vor und nach dem Abschuss von MH 17.

Gemäss den detailliert dokumentierten Recherchen waren vom 23. bis 25. Juni 2014 russische Buk-Raketensysteme an der Grenze zur Ukraine stationiert worden. Am 17. Juli erfolgte der Transport von Buk 332 in das von Separatisten kontrollierte Gebiet in der Ostukraine: zunächst nach Donezk und danach nach Snizhne, einer Stadt rund 80 Kilometer östlich von Donezk. Auf einem Feld bei Perwomajske südlich von Snizhne erfolgte der fatale Abschuss einer Buk-Rakete. Am 18. Juli wurde Buk 332 in der Nähe der Stadt Luhansk gesichtet, bevor es zurück nach Russland ging. Dabei zeigen Fotos, dass bei der zurücktransportierten Buk-Flugabwehranlage eine Rakete fehlte.

Strafuntersuchung mit gleichen Erkenntnissen

Der 72 Seiten umfassende Bericht von Bellingcat deckt sich weitgehend mit den Erkenntnissen der internationalen Strafuntersuchung. MH 17 sei von prorussischen Rebellen in der Ostukraine mit einer russischen Buk-Rakete abgeschossen worden, heisst es in dem im vergangenen September veröffentlichten Bericht. Die mobile Abschussrampe sei anschliessend nach Russland zurückgebracht worden. Die Erkenntnisse stützten sich auf die Auswertung von Satellitenbildern und Informationen der Geheimdienste. Bei dieser Untersuchung arbeiten Malaysia, die Ukraine, Belgien und die Niederlande mit. Die niederländische Staatsanwaltschaft leitet die Ermittlungen, da aus diesem Land die meisten der 298 Opfer stammten.

Die niederländische Regierung hat kürzlich verlauten lassen, dass möglichen Verdächtigen im Zusammenhang mit dem MH-17-Abschuss in den Niederlanden der Prozess gemacht werden soll. Russland wird allerdings keine Staatsbürger ausliefern. Es könnte also ein Gerichtsverfahren ohne Angeklagte werden. In den Niederlanden ist bereits von einem «spookproces» die Rede, einem «Gespensterprozess». Russland hat die Errichtung eines internationalen UNO-Tribunals mit seinem Veto verhindert.

Die Erkenntnisse der niederländischen Behörden zur MH17-Katastrophe im Juli 2014. (Quelle: Youtube/CGTN America)

Ermittler suchen «Orion» und «Delfin»

Die internationalen Ermittler sagten im vergangenen Jahr, sie hätten 100 Personen ausgemacht, mit denen sie reden wollten, von denen vermutet wird, dass sie in den Transport oder die Verwendung des Buk-Raketenwerfers involviert waren. Gemäss den Ermittlern soll der bei Rostow am Don lebende russische Aufklärungsoberst a. D. Sergei Dubinski den Transport des Buk-Systems in die Ukraine organisiert haben. Namentlich genannt wurden zwei weitere Verdächtige: Andrei Iwanowitsch und Nikolai Fjodorowitsch, die die Pseudonyme «Orion» und «Delfin» tragen. Diese beiden Männer spielen auch gemäss Bellingcat eine zentrale Rolle beim Abschuss von MH 17.

Russland hat sämtliche Ermittlungsergebnisse und Vorwürfe stets als «politisch voreingenommen» zurückgewiesen. Und es macht die Ukraine verantwortlich für die MH-17-Katastrophe. Der russische Buk-Hersteller Almas-Antej behauptete aufgrund von Experimenten, dass das Flugzeug der Malaysia Airlines aus einem Gebiet abgeschossen wurde, das von der ukrainischen Armee kontrolliert wurde.

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