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Merkel verärgert «faule Südeuropäer»

Die deutsche Kanzlerin will den europäischen Schuldenstaaten nur helfen, wenn sich diese mehr anstrengen. Ihre Worte sind in Griechenland, Spanien und Portugal gar nicht gut angekommen.

Fakten und Vorurteile vermischt: Kanzlerin Angela Merkel.
Fakten und Vorurteile vermischt: Kanzlerin Angela Merkel.
Keystone

Politiker sollten eigentlich wissen, dass ihre Aussagen kritisch aufgenommen werden und unbeabsichtigte Reaktionen auslösen können. Dessen war sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel offenbar nicht bewusst, als sie diese Woche an einem CDU-Fest in Meschede in Nordrhein-Westfalen eine Rede hielt. In einem Vortrag über die Schuldenkrise in Europa kritisierte sie die Rentenpolitik und die Urlaubsregelungen in südeuropäischen Ländern, insbesondere in Griechenland, Spanien und Portugal.

Solidarität und Milliardenhilfen zugunsten der Schuldenstaaten müssten an Bedingungen geknüpft sein, erklärte die Bundeskanzlerin. Es gehe nicht nur darum, keine Schulden zu machen. «Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen», sagte Merkel gemäss der Nachrichtenagentur DPA. Und weiter meinte sie: «Wir können nicht eine Währung haben, und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen.»

«Politik unterhalb des Stammtischniveaus»

Die Medien in Griechenland, Spanien und Portugal haben die Äusserungen von Merkel aufgenommen. In den vielen Leserkommentaren auf den Webseiten von grossen Zeitungen wie «El Paîs» wird die deutsche Kanzlerin kritisiert und beschimpft. Auch in Deutschland löste Merkel eine Welle der Empörung aus. «Frau Merkel setzt wieder einmal auf Populismus und Stimmungen statt auf sachliche Argumente», sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel zu «Spiegel online». Damit schüre sie «antieuropäische Ressentiments, statt endlich Verantwortung für Europa als Ganzes zu übernehmen». Der Grünen-Fraktionschef im Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit, sagte, dass Merkels Äusserungen absurd seien. «Natürlich arbeiten die Menschen in Südeuropa viel», betonte Cohn-Bendit. Und Linken-Chef Klaus Ernst sprach von einer «Politik unterhalb des Stammtischniveaus».

Ist die Rede von den «faulen Südeuropäern» nur ein Mythos? Oder auch Wahrheit? Die Antwort einer «Spiegel»-Recherche lautet Jein! Es treffe zwar zu, dass Länder wie Griechenland, Spanien und Portugal zu lange auf Pump gelebt und den Niedergang ihrer Wettbewerbsfähigkeit hingenommen hätten. In diesen Staaten habe aber der Kampf gegen den Schlendrian längst begonnen. So seien drastische Sparmassnahmen beschlossen worden, insbesondere zulasten der Angestellten des öffentlichen Diensts. Zudem habe es in Griechenland, Spanien und Portugal Steuererhöhungen gegeben – bei der Einkommens- und der Mehrwertsteuer. Zudem stünden neue Steuern vor der Einführung, zum Beispiel die Reichensteuer in Spanien und die Luxussteuer in Griechenland.

Urlaubs-Europameister sind die Deutschen

Schliesslich zeigen die Statistiken, dass die Südeuropäer keinesfalls Urlaubs-Europameister sind. An der Spitze stehen die Deutschen mit durchschnittlich 30 Ferientagen. Spanier und Portugiesen haben im Durchschnitt jährlich Anspruch auf 22 Ferientage. In Griechenland sind es 23 Ferientage.

Auch Merkels Kritik am zu frühen Rentenalter in Südeuropa muss korrigiert werden, wie EU-Statistiken aus dem Jahr 2009 zeigen. Beim tatsächlichen Renteneintrittsalter liegt Deutschland zwar mit einem Durchschnittswert von 62,2 Jahren vor Griechenland mit 61,5 – aber hinter Portugal mit 62,6 und Spanien mit 62,3 Jahren.

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