Kontinent der Nostalgie

Die Europäer verzweifeln an der Gegenwart. Früher war alles besser.

67 Prozent der Europäer sehnen sich nach den alten Tagen zurück. Raquel Welch und Marcello Mastroianni im italienischen Kriminalfilm «Shoot Loud, Louder... I don’t unterstand» aus dem Jahr 1966.

67 Prozent der Europäer sehnen sich nach den alten Tagen zurück. Raquel Welch und Marcello Mastroianni im italienischen Kriminalfilm «Shoot Loud, Louder... I don’t unterstand» aus dem Jahr 1966.

(Bild: Keystone)

Markus Somm@sonntagszeitung

Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung hat vor Kurzem ergeben, dass eine grosse Mehrheit der Europäer mit einer gewissen Wehmut auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblickt; so wie es früher war, erachten 67 Prozent der Befragten insgesamt als «besser», wobei die gemessene Nostalgie je nach Land variiert. In Frankreich sind es 65 Prozent, die eine vermeintlich erfreulichere Vergangenheit vermissen, in Deutschland 61 Prozent und in Spanien 64 Prozent. Nur in Polen, einem Land, das jahrzehntelang von kommunistischen Diktatoren beherrscht worden war, gilt die Stimmung als etwas entspannter, wenn auch in derart unwesentlichem Masse, dass dieses Ergebnis genauso nachdenklich stimmt.

59 Prozent sehnen sich nach den alten Tagen zurück, was insofern ein bedrückender Befund ist, da unklar bleibt, ob die Polen damit gar den Kommunismus meinen. Nirgendwo scheinen die Menschen aber unglücklicher zu sein als in Italien, dem schönsten Land der Welt: Hier sind es sage und schreibe 77 Prozent, die an der Gegenwart verzweifeln. Dass die gleichen Italiener deshalb vor einem halben Jahr zwei ungeprüfte, zum Teil eher verhaltensauffällige Parteien in die Regierung gewählt haben, kann vor diesem Hintergrund nicht überraschen. Für die durchaus repräsentative Studie wurden im Juli 2018 mehr als zehntausend Europäer befragt, vorab in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen.

Was deprimiert die Menschen? Zwar haben die beiden Wissenschaftlerinnen, die diese Arbeit verfasst haben, die um sich greifende Verunsicherung nicht in aller Breite untersucht, sondern sie gingen offenbar davon aus, dass die Einwanderung und der Zustand der EU die Leute am meisten bewegten, jedenfalls erforschten sie allein diese beiden Fragen eingehend. Umso unmissverständlicher waren die Antworten, die sie erhielten. Sicher ist, Immigration, wie sie derzeit die Menschen in Europa wahrnehmen, ist überhaupt nicht populär. Selbst jene, die angeben, keine nostalgischen Gefühle zu pflegen, sind mit einer Mehrheit von 63 Prozent überzeugt, dass die «Einwanderer, die derzeit kommen, sich nicht in unsere Gesellschaft einfügen möchten».

Fragt man dann jene, die mit Heimweh die «gute, alte Zeit» betrachten, stimmen gar 78 Prozent dieser pessimistischen Aussage zu. Solche Leute sind es auch, die in allen weiteren Fragen zur Immigration am deutlichsten ihre Skepsis zum Ausdruck bringen: 53 Prozent befürchten, die Einwanderer nähmen ihnen die Arbeit weg, und bloss 45 Prozent glauben, dass Immigration der Wirtschaft etwas bringt. Will man wissen, inwiefern sich diese Ablehnungshaltung politisch auswirkt, zeigt sich, dass viele dieser sogenannten Nostalgiker den rechten Parteien zuneigen, wobei hier die nationalen Verhältnisse eine Rolle spielen. Wo es eine erfolgreiche populistische Linke gibt, wie etwa in Spanien, die eine harte Oppositionspolitik führt, schlagen sich die Nostalgiker auf deren Seite statt auf jene der Rechten.

Wer allerdings glaubt, in den Nostalgikern den Inbegriff der Intoleranz erkennen zu müssen, irrt. Denn gleichzeitig, und das ist bemerkenswert, sind selbst diese vermeintlich rückwärtsgewandten Fremdenfeinde relativ gelassen, wenn es um den praktischen Alltag geht: Bloss 27 Prozent behaupten, sie hätten ein Problem, wenn Immigranten als ihre Nachbarn im gleichen Haus wohnen; 13 Prozent möchten nicht neben Homosexuellen leben, 10 Prozent lehnen Leute mit einer unterschiedlichen Religion ab – wogegen viel unerwünschter als diese drei Minderheiten die Raucher sind: 18 Prozent der Nostalgiker geben an, sie möchten keinesfalls neben Nachbarn leben, die rauchen. Unter den Nicht-Nostalgikern sind es 21 Prozent.

Seismografisches Frühwarnsystem

Diese Daten sind aufschlussreich, weil sie gewissermassen die unterirdischen Magmaströme freilegen, die die jüngsten politischen Vulkanausbrüche in Europa ausgelöst haben. Wenn Menschen sich nach der Vergangenheit sehnen, dann drücken sie damit etwas ganz Triviales aus: Früher war es besser, was bedeutet, dass heute die Zustände schlechter sind. Sie reden von der Vergangenheit, meinen aber die Gegenwart, oder anders ausgedrückt: Nostalgie ist nicht Ausdruck der Weltflucht, sondern der Subversion. Es handelt sich um ein Verdikt des Status quo und somit um eine Warnung an jene, die in der Verantwortung stehen, also die sogenannten Eliten in Politik und Wirtschaft. In jeder Nostalgie steckt eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen – und dass dies zutrifft, merkt man in der Regel daran, wie die angesprochenen Eliten darauf reagieren.

Gewöhnlich sind zwei Phasen zu erkennen. Zuerst werden die Dinge, die den Bürgern nicht mehr zusagen, wie etwa die ausser Kontrolle geratene Einwanderungspolitik, bagatellisiert oder als Problem ganz in Abrede gestellt, bis sich dies nicht mehr glaubhaft vertreten lässt. Dann beginnen die Verantwortlichen sich ihrer Verantwortung zu entziehen, indem sie von gleichsam naturgesetzlichen Vorgängen sprechen, die über die Menschen hereinbrechen.

Von der «Globalisierung» etwa schwadronieren sie dann oder neuerdings noch lieber von der «Digitalisierung», von Prozessen also, die sich keinesfalls aufhalten lassen, selbst wenn sie, die Politiker und Wirtschaftsführer, dies wollten. Mit anderen Worten, das scheinen sie den Unzufriedenen, den Nostalgikern zuzurufen: «Niemand ist schuld an eurer Not. Vor allem wir nicht.» Dass die Einwanderungspolitik wenig mit wirtschaftlichen Prozessen, wie etwa der Globalisierung, zu tun hat, sondern Resultat politischer Fehlentscheide ist, wird dabei geflissentlich verschwiegen. Ebenso haben kein Naturgesetz und kein Gott die EU gezwungen, den Euro einzuführen, der jetzt die Italiener, Spanier und Griechen ruiniert, sondern auch hier haben Politiker politisch etwas beschlossen, was sich inzwischen als Irrtum herausgestellt hat. Dies indessen dürften sie erst dann zugeben, wenn sie ihr Amt verloren haben.

Wer ist verrückt?

Um diese eigenen Fehlleistungen zu verdecken, bietet sich den Politikern vermutlich keine bessere Methode an, als die Kritiker wie Patienten in der Gummizelle zu behandeln. Sind diese nicht an Nostalgie erkrankt? Stehen sie nicht unter dem Einfluss von Wahnvorstellungen, wonach früher alles besser war? Wir wünschen gute Besserung und warnen vor der vorzeitigen Entlassung aus der Psychiatrie. Auch die Autorinnen dieses Berichts der Bertelsmann-Stiftung strengen sich an, die schlechte Nachricht, die sie selber überbringen, schönzureden. Sie behandeln die Nostalgiker wie Kinder, die an Märchen glauben, die ihnen ein böser Onkel erzählt hat. Populisten gelinge es, so lautet ihr Argument, den Menschen vorzuspiegeln, früher sei die Welt noch in Ordnung gewesen, um sie auf diese Art und Weise für ihre finsteren Ziele zu gewinnen.

Dass man die Daten auch anders lesen könnte, indem man ernst nimmt, was die Menschen sagen, scheint den Forscherinnen nicht in den Sinn zu kommen. Vielleicht haben die 67 Prozent einfach recht und ihr Leben und der Zustand ihres Landes waren vor einigen Jahren tatsächlich besser. Wer seine Stelle verloren hat, wessen Fabrik geschlossen worden ist, wer seine Heimat nicht wiedererkennt, hat wohl Grund, den Status quo für suboptimal zu halten. Oder übersteigt es unsere Vorstellungskraft, dass erwachsene Menschen ihre Lage selber am besten einzuschätzen vermögen? Vielleicht war auch das früher besser.

Basler Zeitung

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