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Kleiner Mann: Ich bin du!

Martin Schulz schwört die SPD auf den Wahlkampf ein. Aber die Partei hat ein grundlegendes Problem: Merkel.

«Europa-Politik ist Innenpolitik.» Martin Schulz (61) bei seiner gestrigen Rede im Willy-Brandt-Haus.
«Europa-Politik ist Innenpolitik.» Martin Schulz (61) bei seiner gestrigen Rede im Willy-Brandt-Haus.
Keystone

Seit bekannt ist, dass die Sozialdemokraten mit Martin Schulz als Kanzlerkandidaten in den diesjährigen Bundestagswahlkampf ziehen, ist in der Partei und in den deutschen Medien eine Euphorie ausgebrochen. In der SPD sprechen alle von Aufbruchstimmung und die Medien beschwören einen spannenden Wahlkampf herauf. Gestern sagte Martin Schulz im Willy-Brandt-Haus erstmals gross und deutlich: «Ich trete mit dem Anspruch an, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden.»

Was in der SPD gefühlt wird, wird grosszügig auf die ganze Nation übertragen. «Überall ist es zu spüren, die Aufbruchstimmung und die neue Hoffnung, ist im ganzen Land», sagte Schulz. Als Beleg gelten insbesondere die 700 Neueintritte, die die SPD in den letzten Tagen verzeichnete. Schulz versprach: «Wir werden die Wahlen dieses Jahr richtig spannend machen.» Betrachtet man die Umfragewerte, so zeigt sich, dass sich die SPD an sich und an ihrem Kandidaten weitgehend selbst euphorisiert. Laut Bild am Sonntag liegt sie bei 23 Prozent, CDU/CSU bei 37 Prozent.

Ein Akt des Selbstschutzes

Sigmar Gabriels Verzicht auf die Kanzler-Kandiatur wird in der Partei als Akt der Selbstlosigkeit und Souveränität gefeiert. Schulz zollte ihm dafür «Respekt» und «Bewunderung». Dabei hatte Gabriel verzichtet, weil seine Umfrageergebnisse innerhalb der Partei dermassen schlecht waren. In Gabriels Bemerkung, dass es ihn «besonders» freue, dass sich Schulz beim Parteitag im März auch zum Vorsitzenden der SPD wählen lässt, durfte man fast Boshaftigkeit lesen. Franz Müntefering prägte das Bonmot, der SPD-Parteivorsitz sei «das schönste Amt neben Papst». Bei Gabriel klang das anders: «Ich hatte als SPD-Vorsitzender oft das Gefühl, an einem Hochseilakt teilzunehmen. Du stehst da oben, alle gucken zu, ob du fällst. Ein paar, die rütteln auch noch am Seil und wollen sehen, ob du dich halten kannst.»

Es war deshalb nicht ohne Ironie, dass Schulz seine Rede damit begann, seine Partei als «harten Gegenschnitt» gegen das «intrigante Stadl bei der CDU und die täglichen Demütigungen gegen die eigene Kanzlerin» zu profilieren. An dieser Stelle offenbarte sich zudem ein grundlegendes Problem der SPD: Sie wagt es nicht, die Stimme gegen Merkel zu erheben. Schulz beschwieg sie gestern (inszenierte sie allenfalls als Opfer einer intriganten Partei). Gabriel hatte ihre Arbeit wiederholt so gelobt, dass sich der Bürger fragen musste, wieso er ihr einen SPD-Kandidaten vorziehen soll. Die Sozialdemokraten haben ein Merkel-Problem. Sie wagen es nicht, die amtierende Kanzlerin anzugreifen. Gewissermassen liegt in dieser Verzagtheit schon die Kapitulation.

Die Zeichen der Zeit

Schulz’ Rede war ein Potpourri, über alle Felder der Politik. Aber vor allem zielte sie auf soziale Gerechtigkeit – Chancengleichheit, Steuergerechtigkeit, gleiche Infrastruktur in Stadt und Land. Ob Schulz die Zeichen der Zeit richtig deutet, ist fraglich. Die Vermutung liegt nahe, dass die Union mit Themen wie Sicherheit und Identität nach zwei unruhigen Jahren besser fahren wird. Auch das Thema Migration und Integration kann man wohl nicht so beiläufig abhandeln, wie das Schulz gestern tat: Kaum ein Thema beschäftigt ­­­­ in Deutschland mehr. Eine eigenständig Position war aber nicht erkennbar: Mit Fluchtursachenbekämpfung, Schutz der Aussengrenzen und einer fairen Lastenteilung innerhalb Europas wirbt auch die Union.

Schulz zeigte, dass er seine Biografie stark in den Wahlkampf einbringen will. Sie ist sein grösster Trumpf. Er wollte Fussballer werden, strauchelte, war Alkoholiker, machte eine Buchhändlerlehre und wurde mit 31 Jahren Bürgermeister von Würselen, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, ­be­vor er im EU-Parlament Karriere machte. In den Medien wurde gegen seine Herkunft und vergleichsweise einfache Bildung polemisiert – er wäre der erste Kanzler ohne Abitur.

Schulz kritisierte diese Angriffe als «arrogant» und «elitär». Den Einwand, dass er als Europapolitiker von Deutschland wenig Ahnung habe, versuchte er mit seinen Erfahrungen als Bürgermeister zu entkräften. Seine EU-Kenntnisse verkaufte er als grossen Vorteil, ja fast schon als Bedingung für eine Kanzlerschaft. Er sagte: «Europapolitik ist deutsche Innenpolitik.»

Schulz biederte sich bei den einfachen Bürgern als ein Mann an, der ihre Probleme kennt, der für die Sorgen «nicht nur Verständnis hat», sondern der sie «selbst spürt» – dies, als einer, der wisse, «wie es sich anfühlt, von dem Weg abzukommen». Er schäme sich auch nicht, aus Würselen zu kommen, sagte er trotzig.

Jeder spüre, dass «ein Ruck durch die SPD, durch das ganze Land», gehe, sagte Schulz zum Schluss. Dieser Ruck ist ausserhalb der SPD eine Fantasie. Immerhin darf sich die Partei damit Mut machen, dass am Anfang eines Erfolgs schon öfter der Glaube an eine Realität stand, die es noch nicht gab.

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