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Keltische Kopfschmerzen

In Schottland und Nordirland verstärkt der Brexit ohnehin vorhandene Fliehkräfte.

Fragen von existenzieller Bedeutung. Theresa May (l.) und Nicola Sturgeon im Juli 2016 in Edinburgh.
Fragen von existenzieller Bedeutung. Theresa May (l.) und Nicola Sturgeon im Juli 2016 in Edinburgh.
Keystone

Die Londoner Presse nahm kaum Notiz davon: Am letzten Donnerstag wurde in Nordirland ein neues Abgeordnetenhaus gewählt und erstmals verloren die Parteien, die an der Union der Provinz mit Grossbritannien festhalten wollen, die Mehrheit. Direkte Folgen muss das noch nicht haben, denn noch immer ist die unionistische DUP stärkste Partei und wird somit wohl auch weiterhin die Regierungschefin stellen. Historisch ist das Ergebnis aber in jedem Fall. Es zeigt einmal mehr, dass das Vereinigte Königreich ein fragiles Staatswesen ist.

Das Ja der Briten, vorab der Eng­länder, zum Brexit, verstärkt ohnehin vorhandene Fliehkäfte an den keltischen Rändern des Königreichs. Für Premierministerin Theresa May eine äusserst ungemütliche Aussicht: Sie muss nun ihr Land gleichzeitig aus der EU führen und zusammenhalten – eine Multitasking-Aufgabe, so komplex, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg keinem britischen Regierungschef mehr gestellt wurde. Damals wie heute geht es um Fragen von existenzieller Bedeutung.

Battle of Britain

Dabei ist Nordirland, wo seit dem Referendum Ungewissheit über die künftige Natur der Grenze zur irischen Republik herrscht, allenfalls ein Nebenschauplatz. Die eigentliche Battle of Britain könnte auf der anderen Seite der Irischen See stattfinden, in Schottland. Nordirland, dessen nationalistische Politiker sich durch den Brexit zusätzlich legitimiert fühlen, eine Vereinigung mit der Republik zu fordern, ist ein Landstrich, dessen Verlust viele Engländer kaum bemerken dürften. Ohne Schottland hingegen wäre Grossbritannien nicht mehr Grossbritannien.

Nicola Sturgeon, Schottlands nationalistische Regierungschefin, hält ein Referendum über die Zukunft ihres Landes gemäss eigener Aussage für unausweichlich. 2014 haben die Schotten bereits einmal abgestimmt und sich für einen Verbleib in der Union entschieden; Sturgeons Vorgänger Alex Salmond sagte damals, eine solche Entscheidung treffe man nur einmal in einer Generation. Doch der Brexit, so sieht es zumindest Sturgeons Scottish National Party (SNP), wirkt nun als Beschleuniger: Schottlands Verbleib in der EU, den die meisten Nationalisten wollen, ist nur noch ausserhalb des Vereinigten Königreichs möglich.

Fordert die Edinburgher Regierung ein zweites Referendum, wird Theresa May es ihr kaum verweigern können. Bleibt die Frage, wann eine solche Abstimmung stattfinden würde. Vor 2019, so glauben in London die meisten, wird May ein Referendum nicht zulassen. Bis dahin sollte die Premierministerin mit dem Brexit ausgelastet sein; einen Zwei-Fronten-Krieg wird sie sich kaum aufbürden wollen.

Für Sturgeon und die SNP dagegen kann es kaum schnell genug gehen: Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Schotten könnten sich mit dem Brexit doch noch abfinden. Für die Nationalisten ist der geplante Austritt aus der EU eine Chance, auf die sie kaum mehr zu hoffen gewagt hatten: Knapp zwei Monate vor dem Brexit-Referendum vom Juni hatte die SNP bei den Regionalwahlen empfindliche Verluste erlitten; die Idee der Unabhängigkeit schien so gut wie tot zu sein. Seit dem 23. Juni 2016 aber ist in der britischen Politik nichts mehr wie zuvor – das gilt auch für Schottland.

Freilich bleibt aus Sicht der SNP ein Problem bestehen: Eine Mehrheit ist laut Umfragen noch immer gegen einen Bruch mit England. Ökonomische Fragen dürften entscheidend sein, und aus wirtschaftlicher Sicht spricht eigentlich alles gegen einen Alleingang: Im Vergleich zum Rest Grossbritanniens ist die schottische Wirtschaft notorisch wachstumsschwach.

Das Erdöl, auf das die SNP ihren Staat einmal zu bauen hoffte, bringt längst nicht mehr so viel ein wie auch schon: 60 Millionen Pfund waren es 2016; 2014, vor dem letzten Referendum, hatte Alex Salmond noch von acht Milliarden geredet. Abgesehen davon müsste ein un­abhängiges Schottland auch noch auf die sogenannte Unions-Dividende verzichten, neun Milliarden aus dem britischen Haushalt. Drastische Einsparungen wären kaum zu vermeiden, ansonsten, so meinen Experten, würde Schottland unter den entwickelten Länder zum höchstverschuldeten werden. Das Wort von Edinburgh als «Athen des Nordens», das der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane prägte, erhielte eine ganz neue Bedeutung, zumal das Land als Neumitglied der EU unter Umständen auch noch den Euro einführen müsste.

Ein Berg von offenen Fragen

Und dennoch: So ganz gelassen sollte man in Westminster einem mög­lichen schottischen Referendum nicht entgegenblicken: Wie attraktiv die Unabhängigkeit den Schotten schliesslich erscheinen wird, hängt auch davon ab, wie Grossbritanniens Verhandlungen mit der EU nun verlaufen.

Nordirland, Britanniens vergessene Provinz, könnte bald auch in der schottischen Diskussion eine Rolle spielen: In Irland, so heisst es aus Mays Regierung, strebe man eine pragmatische Lösung an, um eine «harte» Grenze zu vermeiden. Mit einer solchen aber wird Schottland im Fall einer Unabhängigkeit gedroht. Wie glaubwürdig ist dies nun noch? Dies ist nur eine von zahlreichen Fragen, an die jetzt noch kaum einer denkt, die Theresa May aber bald schon Kopfschmerzen bereiten könnten.

Unterstützung erhielt die Premierministerin dieser Tage von einem Mann, von dem dies kaum jemand erwartet hätte: Sollte ein unabhängiges Schottland eine Mitgliedschaft in der EU anstreben, werde er einer Abstimmung fernbleiben, sagte Jim Sillars, ein langjähriger Separatist und früherer Vizechef der SNP. Immerhin hätten im Juni mindestens 400'000 SNP-Wähler für den Brexit gestimmt.

Nicola Sturgeon kann nur hoffen, dass nicht noch mehr ihrer Parteikollegen das Wort «Unabhängigkeit» derart wörtlich nehmen.

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