Jeremy Corbyn droht den Medien

Der britische Labour-Chef unterhielt in den Achtzigerjahren offenbar Kontakte zum Geheimdienst der damaligen Tschechoslowakei. Die Berichterstattung darüber stellt er als Schmierenkampagne konservativer Zeitungen dar.

«Zurückhaltend und höflich, manchmal aber auch aufbrausend»: Jeremy Corbyn aus der Sicht des tschechoslowakischen Geheimdienstes.

«Zurückhaltend und höflich, manchmal aber auch aufbrausend»: Jeremy Corbyn aus der Sicht des tschechoslowakischen Geheimdienstes.

(Bild: Keystone)

Es war ein Scoop, mit dem die Sun Mitte letzter Woche aufwartete: Jeremy Corbyn, so berichtete das Boulevardblatt, habe in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre mehrfach Agenten des damaligen tschechoslowakischen Geheimdienstes Statni Bezpecnost (StB) getroffen. Corbyn, der heutige Chef der britischen Labour-Partei, war damals ein Hinterbänkler im Parlament.

Wer mit seinen politischen Ansichten einigermassen vertraut ist, wird sich über die eher banalen Notizen der Agenten kaum wundern: «COB», wie die StB-Leute den Abgeordneten in ihren Akten nannten, habe eine «negative Einstellung gegenüber den USA sowie der derzeitigen konservativen Regierung» seines Heimatlandes. Den Ostblock sehe er dagegen «positiv»; zudem unterstütze er «die Friedensinitiative» der Sowjetunion. Darüber hinaus besitze der Politiker «Hunde und Fische». Im Gespräch agiere er «zurückhaltend und höflich, manchmal aber auch aufbrausend, wenn es um die Verteidigung von Menschenrechten geht».

Dass es die Menschenrechtslage in Osteuropa war, die Jeremy Corbyn damals auffahren liess, ist eher unwahrscheinlich: Schon damals war er dafür bekannt, sich mit allen gemein zu machen, die als Gegner Grossbritanniens und des Westens auftraten. Seinerzeit waren dies unter anderem die irisch-republikanische IRA und eben die Regime Osteuropas, heute sind es militante Islamisten oder die Regierung Venezuelas.

Drei Treffen in London

Hauptsächlicher Informant der Sun und anderer britischer Zeitungen, die mittlerweile auf das Thema aufgesprungen sind, ist der Slowake Jan Sarkocy, ein früherer StB-Agent. In den Jahren 1986 und 1987 soll Sarkocy, der sich damals Jan Dymic nannte, Corbyn zweimal im Parlament und einmal in dessen Wahlkreisbüro im Londoner Bezirk Islington aufgesucht haben.

Östliche Agenten hätten damals gezielt linke Abgeordnete kontaktiert, um von diesen etwas über die britischen Geheimdienste MI5 und MI6 zu erfahren, erklärte Svetlana Ptacknikova, die Chefin des Archivs der tschechischen Sicherheitsdienste, der Times.

Dabei lagen, wie manches Mal im Kalten Krieg, das Dramatische und das Groteske nahe beieinander: So soll die Kontaktaufnahme mit dem Edinburger Abgeordneten Ron Brown an dessen schottischem Akzent gescheitert sein. «Red Rons» Sprache habe sich für osteuropäische Ohren schlicht als unverständlich herausgestellt. Derartige Schwierigkeiten gab es im Fall Corbyns offenbar nicht: Dieser erwies sich laut Ptacknikova als «aktiver Lieferant».

Was wusste er überhaupt?

Was genau sich die Tschechen von ihm versprachen, bleibt freilich rätselhaft. Dass er als Angehöriger des linken Labour-Flügels im Grossbritannien der Tory-Premierministerin Margaret Thatcher über brisante Informationen verfügte, ist äusserst unwahrscheinlich.

In den StB-Akten ist laut Sun die Rede davon, die Tschechen hätten sich bei Corbyn über britische Schikanen gegenüber ihren eigenen sowie gegenüber ostdeutschen Spionen beklagt. Dieser soll daraufhin vor einem noch schärferen Vorgehen seiner Landsleute gewarnt haben. Dass seine Gesprächspartner mit solch wenig konkreten Aussagen allzu viel anfangen konnten, ist kaum anzunehmen.

Ob Corbyns Kontakte ihn heute als Parteichef und potenziellen Premierminister disqualifizieren, hängt allerdings nicht davon ab, welchen Nutzen beziehungsweise Schaden er damals anrichtete, sondern von seinen Motiven und Überlegungen. Die damalige Tschechoslowakei zählte selbst innerhalb des Ostblocks zu den ungemütlicheren Staaten. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 hatte dort eine Art sozialistische Gegenreformation eingesetzt. Corbyn hätte wissen müssen, mit wem er sich einliess. Zu befürchten ist, dass ihm die Zustände im Ostblock schlicht egal waren. Der Historiker Anthony Glees, von der Sun als Experte herangezogen, bescheinigt ihm zumindest «atemberaubende Naivität».

Er dürfte es überleben

Dass die derzeitige Debatte dem Labour-Chef schadet, ist kaum zu erwarten. Zwar berichtet die Presse ausführlich über die Angelegenheit, doch scheint eben dies dazu zu führen, dass Corbyns Anhänger die Reihen schliessen: Die Kadenz der Berichterstattung macht es ihnen leicht, von einer Kampagne zu reden und damit vom eigentlichen Thema abzulenken.

Am Dienstag wandte sich der Labour-Vorsitzende in einem Videoauftritt an seine Anhänger. Es war eine Wutrede, die vor allem deswegen bizarr wirkte, weil Form und Inhalt krass auseinanderklafften: Corbyn sprach in seinem üblichen, monotonen Tonfall, ohne ein einziges Mal die Stimme zu heben. Die Berichterstattung, so führte er aus, zeige, wie sich «die Medien-Bosse» vor einer Labour-Regierung fürchteten – und dies «zu Recht». Die Presse in Grossbritannien sei nicht frei, sondern werde von einigen Milliardären kontrolliert. Komme Labour an die Macht, werde sich daran etwas ändern, sagte Corbyn: Man werde die Presse dann «öffnen». Was er darunter versteht, führte er nicht näher aus.

Wer dem Labour-Chef lauschte, konnte kaum anders, als seine Worte als Drohung an die Medien zu interpretieren. Im deutschsprachigen Raum kennt man solches eher unter umgekehrten ideologischen Vorzeichen, etwa von der rechten AfD: Journalisten, die Kritik an der Partei üben, werden als Lügner und Knechte der Mächtigen verunglimpft; ganz selbstverständlich wird ihnen unterstellt, ihrerseits eine politische Agenda zu verfolgen.

In der Opferrolle

Dadurch, dass es vor allem konservative Blätter wie die Sun, die Daily Mail und der Daily Telegraph sind, die sich des Themas angenommen haben, dürften sich Corbyns Anhänger zusätzlich bestätigt fühlen. Leichtfertige Äusserungen wie jene des konservativen Abgeordneten Ben Bradley, Corbyn sei «ein kommunistischer Spion» gewesen, machen es dem Labour-Chef noch leichter, nun die Opferrolle einzunehmen.

Allerdings wurde Corbyn auch von links kritisiert, wenn auch nur vereinzelt: Vielleicht habe er ja ernsthaft daran geglaubt, im Kontext des Kalten Krieges zu einer Entspannung beitragen zu können, schreibt Matthew d’Ancona, ein Kolumnist des Guardian. Doch um der Wahrheit näher zu kommen, müsse man über die Angelegenheit diskutieren, anstatt zu versuchen, die Debatte abzuwürgen. Die Vorwürfe mit einem Schulterzucken abzutun, sei jedenfalls die schlimmstmögliche Antwort, so d’Ancona sinngemäss.

Basler Zeitung

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