In Chemnitz hat sich ein Schuldiger gefunden

Ein syrischer Flüchtling wurde für den Tod von Daniel H. verurteilt. Was er zur Tat beigetragen hat, ist aber nicht klar.

Ein Döner-Verkäufer wollte als einziger Zeuge aus der Distanz ge­sehen haben, wie Alaa S. und ­Farhad A. auf das Opfer eingestochen hätten – er zog die Aussage bald wieder zurück. Foto: Keystone

Ein Döner-Verkäufer wollte als einziger Zeuge aus der Distanz ge­sehen haben, wie Alaa S. und ­Farhad A. auf das Opfer eingestochen hätten – er zog die Aussage bald wieder zurück. Foto: Keystone

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod des Schreiners Daniel H. im sächsischen Chemnitz bestimmte das zuständige Landgericht einen Schuldigen: Der 24-jährige syrische Flüchtling Alaa S. wurde zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er gemeinsam mit einem flüchtigen Iraker Daniel H. erstochen und einen zweiten Mann schwer verletzt habe. Die Verteidigung kündigte Berufung an. Die Gewalttat hatte im ­vergangenen Jahr wochenlange ­Unruhen ausgelöst.

Während Politiker der AfD über das «allzu milde Urteil» schimpften, zeigten sich viele Prozessbeobachter erstaunt über den Schuldspruch. Aus Sicht von Staatsanwaltschaft und Gericht hatten Alaa S. und der flüchtige Farhad A. den Totschlag «gemeinschaftlich» begangen. Was genau der persönliche Beitrag des Angeklagten zur Tat gewesen war, ging aus der Verhandlung aber nicht hervor.

Bis die ­Polizei endlich nach Farhad A. fahn­dete, vergingen fünf Tage – Zeit, die der Kurde nutzte, um in den Irak zu fliehen.

Die Ermittler hatten weder am Tatmesser noch an der Kleidung der Opfer Spuren von Alaa S. ­gefunden – hingegen diejenigen von Farhad A. Während der ­Iraker bereits als Gewalttäter aufge­fallen war, immer ein Messer bei sich trug und noch am ­Tatabend mehrere Menschen ­bedroht hatte, schilderten Bekannte den ­Syrer als netten Coiffeur, der ­keiner Fliege etwas ­zuleide tun konnte. Ein einziger Zeuge, ein Döner-Verkäufer, wollte aus ­einiger Distanz ge­sehen haben, wie Alaa S. und ­Farhad A. auf ­Daniel H. eingestochen hätten. Allerdings nahm er die Aussagen bald wieder zurück.

Alaa S. war kurz nach der Tat verhaftet worden, zusammen mit einem angeblichen irakischen Komplizen. Bald stellte sich ­heraus, dass dieser mit der Tat nichts zu tun hatte. Bis die ­Polizei endlich nach Farhad A. fahn­dete, vergingen fünf Tage – Zeit, die der Kurde nutzte, um in den Irak zu fliehen. Hatte die Polizei mit Alaa S. den Falschen erwischt? Hielt sie sich nur deswegen an ihn, weil der Haupt- oder vielleicht sogar alleinige Täter nicht zur Hand war?

Politischer Druck?

Die Verteidigerin von Alaa S. ­verlangte jedenfalls einen Freispruch. Die Tat habe ihrem ­Mandanten offensichtlich nicht nachgewiesen werden können. Sie bat das Gericht, sich nicht von äusseren Einflüssen leiten zu lassen. «Wir verlangen von ­Ihnen, dass Sie vergessen, was der marodierende Mob von ­Ihnen erwartet.» Der Staats­anwaltschaft warf sie vor, lediglich einen Schuldigen gesucht zu haben, damit Chemnitz zur Ruhe kommen könne.

Die vorsitzende Richterin ­bestritt diesen Vorwurf entschieden. Die Tat sei im Prozess vielmehr ganz klar geworden, an den Aussagen des Hauptzeugen gebe es keine Zweifel. Er habe diese nur deswegen zurückgenommen, weil er von Freunden des Täters bedroht worden sei.

Alaa S. hatte während des ­ganzen Prozesses geschwiegen. Diese Woche gab er dem ZDF ein Interview und beteuerte seine Unschuld. Dem Gericht sagte er vor dem Urteil, er hoffe, nach Daniel H. nun nicht zum zweiten Opfer des eigentlichen Täters zu werden: Er meinte Farhad A.

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