«Ihre Leichen wurden ins Meer geworfen»

Offenbar sind hundert Flüchtlinge bei der Überfahrt auf Lampedusa verdurstet. Dies berichten Überlebende. Das Flüchtlingsdrama könnte diplomatische Folgen haben.

Jede Hilfe kam zu spät: Bereits am 1. August brachte die Küstenwache 25 Leichen eines Flüchtlingsbootes an Land. (1. August 2011)

Jede Hilfe kam zu spät: Bereits am 1. August brachte die Küstenwache 25 Leichen eines Flüchtlingsbootes an Land. (1. August 2011)

(Bild: Keystone)

Ein neues Flüchtlingsdrama erschüttert Italien. Rund 100 Flüchtlinge, die vor einer Woche von der libyschen Küste abgefahren waren, sind bei der Überfahrt in Richtung der italienischen Insel Lampedusa offenbar verhungert und verdurstet. Ihre Leichen wurden ins Meer geworfen. Das berichteten mehrere Zeugen an Bord eines Flüchtlingsbootes mit über 300 Menschen, das am Donnerstag von der italienischen Küstenwache auf Lampedusa gebracht wurde.

«Über 400 Personen befanden sich an Bord des Bootes. Nach einiger Zeit hat der Motor nicht mehr funktioniert, das Boot ist tagelang auf offener See herumgetrieben. Vor allem Frauen und Kinder sind unter der prallen Sonne verdurstet, ihre Leichen wurden ins Meer geworfen», berichtete eine unter Schock stehende Überlebende. Das Boot war am vergangenen Freitag östlich von Tripolis aufgebrochen, um den anhaltenden Kämpfen in Libyen entkommen zu können. Tagelang sollen die Flüchtlinge ohne Hilfe auf dem Boot auf offener See ausgeharrt haben.

40 dehydrierte und unter Schock stehende Flüchtlinge wurden im Spital von Lampedusa behandelt. «Ihr Zustand hat sich gebessert», erklärte der Leiter des Spitals Pietro Bartolo. Eine Frau mit Nierenproblemen wurde in ein Spital in Palermo eingeliefert.

Mögliche diplomatische Folgen

Das Flüchtlingsdrama könnte diplomatische Folgen haben, wie italienische Medien am Freitag berichteten. Denn italienische Behörden hätten ein NATO-Schiff in der Nähe erfolglos aufgefordert, dem Boot zu helfen. Das italienische Aussenministerium verlangte von der Nato eine Erklärung zu dem Vorfall. Ein NATO-Sprecher wies die Vorwürfe aus Rom zurück und erklärte, das Militärbündnis schreite in Notfallsituationen gemäss Völkerrecht immer ein.

Zudem forderte die italienische Regierung eine Ausweitung des Libyen-Mandats der Nato. Dieses soll sich auch auf die Rettung von Zivilisten erstrecken, die über das Meer vor den Kämpfen in ihrer Heimat fliehen wollten, erklärte das Aussenministerium. Die italienische Küstenwache hatte das Flüchtlingsboot etwa 90 Seemeilen (knapp 170 Kilometer) von Lampedusa entfernt auf See erreicht. Mit vier Schiffen wurden die Überlebenden dann in Sicherheit gebracht. Über die aussichtslose Lage des manövrierunfähigen Bootes hatte ein zyprischer Schlepper als erstes ein SOS-Signal gegeben.

Erst am vergangenen Montag hatte die italienische Küstenwache unter Deck eines in Lampedusa angekommenen Bootes aus Libyen 25 Leichen junger Männer gefunden, die dort erstickt waren. Gegen sechs Schlepper wird in der Sache ermittelt.

Pflicht zur Hilfe

Auf der Überfahrt mit oftmals kaum seetauglichen Booten von nordafrikanischen Küsten nach Europa ist es immer wieder zu Flüchtlingsdramen gekommen. Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) hatte wiederholt dazu aufgerufen, dass Kapitäne von Schiffen in der Nähe von Schiffbrüchigen ihrer Pflicht nachkommen und die Menschen retten.

Nach Angaben des UNHCR sind seit Beginn des Libyen-Konflikts Mitte März mindestens 1500 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen. In den vergangenen Monaten seien insgesamt rund 24'000 Flüchtlinge aus Libyen an den Küsten Europas eingetroffen, sagte eine UNHCR-Sprecherin am Freitag der Zeitung «Corriere della Sera».

jak/sda

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