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Holzhammer gegen böse Buben

Die UNO hat den Umgang des Vatikans mit den Fällen von Kindesmissbrauch in der Kirche scharf kritisiert. Das hilft wenig.

«Den Ruf der Kirche immer wieder über die Interessen der betroffenen Kinder gestellt»: Blick auf den Petersdom in Vatikanstadt. (Archivbild)
«Den Ruf der Kirche immer wieder über die Interessen der betroffenen Kinder gestellt»: Blick auf den Petersdom in Vatikanstadt. (Archivbild)
Keystone

Mit dem Holzhammer zu argumentieren, das war sehr lange ein Privileg des Vatikans. Homosexualität, aussereheliche Liebe, Sex mit Verhütungsmitteln, Abtreibung oder Scheidung: alles schlecht, alles des Teufels. Abschaffung des Zölibats, Frauenordination: gar nicht dran zu denken.

Neuerdings muss der Kirchenstaat jedoch zusehen, wie seine Kritiker den Holzhammer schwingen. Papst Franziskus und seine Abkehr von Prunk, Protz und Privilegien: alles nur eine PR-Masche, Worte statt Taten. Ebenso wie die Aufklärung und Verfolgung der zahlreichen Missbrauchsfälle: alles nur Augenwischerei. Letzteres wirft nun auch die UNO dem Kirchenstaat vor, im soeben vorgestellten Prüfbericht der Kommission für Kinderrechte. Darin heisst es, der Vatikan habe die Verbrechen seiner Priester und anderer kirchlicher Mitarbeiter an Kindern und Jugendlichen bewusst vertuscht, die Täter mit einem «Schweigekodex» geschützt und anstelle der Rechte der Opfer stets nur die eigenen Interessen im Visier gehabt. Die UNO-Experten verlangen rückhaltlose Aufklärung und Bestrafung der Täter.

400 Geistliche entlassen

Überraschend an dem Bericht ist vor allem eines: Die UNO tut gerade so, als sei nach den Skandalen der letzten Jahre im Vatikan überhaupt nichts geschehen. Als seien zwischen 2011 und 2012 nicht fast 400 Geistliche wegen der Vergewaltigung ihrer Schützlinge aus dem Priesterstand entlassen worden. Vertuschen und verschweigen, das war früher die Strategie in Rom, heute ist das anders. Erst kürzlich hat Franziskus die sexuellen Übergriffe durch Priester als «Schande der Kirche» bezeichnet. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung des Berichts empfing der Papst eine Irin, die ihren von katholischen Nonnen verkauften unehelichen Sohn erst nach Jahrzehnten wiederfand – ihre Lebensgeschichte wurde mit Judi Dench in der Hauptrolle verfilmt und läuft gerade in den Kinos. Ist dieser Papst wirklich der Chef in einem Schurkenstaat?

Es ist schwer für den Kirchenstaat, jenes Misstrauen zu besiegen, das seine Verantwortlichen selbst über viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte genährt haben. Ein Misstrauen, das auch die UNO-Experten nicht ablegen können und wollen. Was die Päpste getan haben, genügt ihnen nicht. Mit vollem Recht, denn es kann auch den Opfern kaum genügen. Nur aufmerksame Beobachtung und unvoreingenommene Kritik können garantieren, dass Aufklärung und Bekämpfung von sexueller Gewalt in der Kirche fortschreiten, dass sich niemand hinter den dicken Mauern des Vatikans vorzeitig auf seinen Lorbeeren ausruht.

Der erhobene Zeigefinger

Aber ob es die richtige Strategie ist, den römischen Männer-Kleinstaat vorzuführen wie einen unbelehrbaren Geheimbund böser Buben, muss sich immer noch zeigen. Der erhobene Zeigefinger der norwegischen Ausschussvorsitzenden Kerstin Sandberg und ihres Expertenteams richtet sich nicht nur gegen Verbrechen an Kindern. Der Ausschuss fordert den Vatikan auch auf, seine Haltung bezüglich Homosexualität, Verhütungsmittel und Abtreibung zu revidieren. Der Kirchenstaat wird behandelt wie ein normaler, westlicher Rechtsstaat. Das ist er nicht. Und das kann er auch nicht über Nacht werden.

Auf den Holzhammerschlag hat der Vatikan mit dem Hochziehen der Zugbrücke reagiert. Über Abtreibung diskutiere man nicht, die UNO dürfe sich nicht in die Kirchendoktrin ein­mischen. Gleichzeitig verspricht der Vatikan, sich eingehend mit den Vorwürfen zu befassen. Man habe nicht von ungefähr die Kinderrechtskonvention 1990 unterzeichnet und wolle sie mit allen Mitteln schützen. Das klingt nun endlich nach Florett.

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