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Höchster Deutscher – für dreissig Tage

Nach dem Rücktritt von Horst Köhler ist Bremens Ministerpräsident Jens Böhrnsen neuer deutscher Interims-Präsident. So will es die Verfassung. Er gilt als fleissiger Schaffer und menschenscheuer Politiker.

Der höchste und die höchste im Lande: Interims-Bundespräsident Jens Böhrnsen und Kanzlerin Angela Merkel.
Der höchste und die höchste im Lande: Interims-Bundespräsident Jens Böhrnsen und Kanzlerin Angela Merkel.
Reuters

Als Bremens Ministerpräsident Jens Böhrnsen am 1. November vergangenen Jahres turnusmässig das Amt des Bundesratspräsidenten übernahm, hat er sicherlich nicht damit gerechnet, dass ihn dieser Akt sieben Monate später zum amtierenden Bundespräsidenten machen würde. Rund zwei Wochen vor seinem 61. Geburtstag am 12. Juni muss der bundesweit wenig bekannte SPD-Politiker nach Horst Köhlers überraschendem Rücktritt nun jedoch vorübergehend dessen Amt übernehmen. So will es das deutsche Grundgesetz.

Böhrnsen gilt unter Weggefährten als kompetenter, ruhiger und besonnener Stratege, selbst politische Gegner bescheinigen dem ehemaligen Verwaltungsrichter grosse Detailkenntnis. Mit Fleiss arbeite sich der gebürtige Bremer durch Berge von Akten, so heisst es. Zu seinem Profil gehört nach Meinung von Getreuen aber auch, dass es ihm bisweilen schwerfällt, auf Menschen zuzugehen. Als ein eher «menschenscheuer Politiker» wurde Böhrnsen schon bezeichnet - eine Eigenschaft, die in Bremen auch deshalb besonders auffiel, weil er dort als Bürgermeister und SPD-Ministerpräsident die Nachfolge des populären und lebhaften Henning Scherf antrat.

Gegen den Fussballmanager durchgesetzt

Scherf hatte im September 2005 aus persönlichen Gründen seinen Abschied aus der Politik angekündigt - und Böhrnsen setzte sich anschliessend parteiintern gegen den beliebten damaligen Bildungssenator und früheren Manager des Fussball-Bundesligisten SV Werder Bremen, Willi Lemke, durch. Im November desselben Jahres wählte die Bürgerschaft des kleinsten deutschen Bundeslandes Böhrnsen zu Scherfs Nachfolger. Eineinhalb Jahre später, im Mai 2007, gewann die Bremer SPD unter seiner Führung die Landtagswahl, beendete die bis dahin regierende Koalition mit der CDU und bildete zusammen mit den Grünen ein neues Bündnis. Die rot-grüne Koalition in der von Finanzsorgen geplagten Hansestadt ist derzeit die einzige auf Länderebene.

Böhrnsen ist in Bremen tief verwurzelt. Der zweifache Vater ist ein erklärter Werder-Bremen-Fan und hat seine Heimatstadt - abgesehen von einem Studienaufenthalt in Kiel - nie verlassen. Dort arbeitete er als Richter, dort trat er vor 43 Jahren in die SPD ein und arbeitete sich innerhalb der Partei nach oben. Von 1995 bis 2005 war er Abgeordneter in der Bürgerschaft, von 1999 bis zur seiner Übernahme des Scherf-Erbes war er Fraktionschef der SPD im Landesparlament. Der Witwer - seine zweite Frau Luise starb 2007 mitten im Wahlkampf an den Folgen einer Hirnblutung - wohnt heute in einem alten Bauerhof im Stadtteil Burglesum.

Vater war im Widerstand gegen die Nazis

Ebenso verbunden wie der traditionsbewussten Handels- und Seefahrerstadt an der Weser ist Böhrnsen der Sozialdemokratie und deren Werten. Sein Vater war im Widerstand gegen das NS-Regime engagiert, sass dafür vier Jahre im Zuchthaus und wurde später Betriebsrat einer grossen Werft. Unter seinen Verwandten finden sich zahlreiche Gewerkschafter und Genossen, auch der junge Böhrnsen fand schon früh Gefallen am politischer Betätigung.

Auf der bundespolitischen Bühne ist er ebenfalls kein Unbekannter, auch wenn der Bremer «Regierungschef der leisen Töne» bislang nur selten im Rampenlicht. So machte sich Böhrnsen auch einen Namen als Experte für die Finanzen von Bund und Ländern. Er gehörte zu der gemeinsamen Kommission von Bundestag und Bundesrat, die zwischen 2007 und 2009 Vorschläge zur Reform der föderalen Finanzbeziehungen entwickelte - darunter die inzwischen im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse. Zuletzt war Böhrnsen auch als Kritiker schwarz-gelben Steuersenkungspläne aufgetreten.

AFP/se

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