Heimatland!

Markus Söder hängt ein Kreuz auf und halb Twitter-Deutschland zürnt. Doch die Zielgruppe des bayrischen Ministerpräsidenten dürfte ihre Freude an ihm haben.

Grüss Gott: Markus Söder setzt ein Zeichen.

Grüss Gott: Markus Söder setzt ein Zeichen.

(Bild: Keystone)

Der Kulturkampf, der derzeit in Deutschland tobt, wird von beiden ­Seiten auf bedenklich niedrigem Niveau geführt: Am Dienstag liess sich Markus Söder, 51, der Ministerpräsident des Freistaats Bayern, auf Twitter vernehmen: «Klares Bekenntnis zu unserer bayrischen Identität und christlichen Werten. Haben heute im Kabinett beschlossen, dass in jeder staatlichen Behörde ab dem 1. Juni ein Kreuz hängen soll. Habe direkt nach der Sitzung ein Kreuz im Eingangsbereich der Staatskanzlei aufgehängt.»

Natürlich wurde das Bild, das Söder beim Kreuzanbringen zeigte, umgehend veräppelt: Dass der Schatten, den der Ministerpräsident warf, mittels Fotomontage zur Teufelsfratze wurde, war dabei noch eine der feinsinnigeren Foppereien. Ein Twitter-Nutzer liess Söders Christen-Kreuz einen Hakenkreuz-Schatten werfen und wurde dafür von Jan Böhmermann, dem offiziösen Klassensprecher des progressiven Deutschland, mit einem Like belobigt. Verständigung zwischen den Milieus scheint zunehmend schwieriger zu werden.

Söder, der seit etwas mehr als einem Monat im Amt ist und sich in einem halben Jahr den bayrischen Wählern stellen wird, muss das nicht bekümmern: Entscheidend ist, was der Zielgruppe gefällt, und wer das auch nach der Wahl Donald Trumps noch nicht begriffen hat, der kann in Deutschland vielleicht noch Theaterdirektor werden, als Politiker hingegen dürfte er es nicht sehr weit bringen.

«Ist das noch das Land des Spiegels

Potenziellen Wählern zu zeigen, dass ihm egal ist, was Spiegel, Zeit, ARD und ZDF über ihn schreiben und ­senden, ist wohl ein Teil von Söders Kommunikationsstrategie. Wer die dahinterstehende Mentalität verstehen will, tut gut daran, Rainer Meyer zu lesen, einen Blogger, der auf der Homepage der Welt unter dem Pseudonym Don Alphonso auftritt. Meyer ist alles andere als ein Freund Söders und ­seiner CSU, doch hat er nicht nur eine Zweit- oder Drittwohnung am Tegernsee, sondern kennt auch die ­bayrische Seele. Neulich, da zeigte er auf seinem Blog die Reklame eines lokalen Trachtenhauses – Bilder von rosa Dirndln – und fragte dazu rhetorisch: «Ist das noch das Land des Spiegels

Ist es natürlich nicht, und eine der Frontlinien im deutschen Kulturkampf verläuft sicher auch zwischen Nord und Süd, am Weisswurstäquator, wie Witzbolde gerne sagen. Einer der Letzten, der dies ähnlich klar sah wie Meyer und Söder, war neben Franz Josef Strauss womöglich Winston Churchill, dem gegen Kriegsende ein süddeutscher Staat aus Württemberg, Baden, Bayern und Österreich vorschwebte. Die Idee einer deutschen Nation hätte sich damit wohl für immer erledigt gehabt.

Churchills Donau-Föderation kam bekanntlich nie zustande, Deutschland besteht noch, weswegen nun Kräfte wie die rechte AfD und Böhmermanns Progressisten-Armee die Chance haben, das Spaltungswerk zu vollenden. Markus Söder wird dann mildernde Umstände ­geltend machen können: Er wollte ja nur auf der Zeitgeist-Welle mitsurfen.

Basler Zeitung

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