Hat Thilo Sarrazin seine Fakten erfunden?
Die Sarrazin-Debatte in Deutschland flammt erneut auf. Eine Politologin widerlegt Zahlen und Thesen des streitbaren Politikers. Doch auch sie wird bereits von prominenter Seite kritisiert.
Mit seinem Beststeller «Deutschland schafft sich ab» hat Thilo Sarrazin das wohl umstrittenste und meistdiskutierte Buch der letzten Jahre geschrieben. Seine Thesen über die angeblich mangelnde Integration von Muslimen kommen zwar an den Stammtischen und in vielen Teilen der schweigenden Bevölkerung gut an, und sie machten ihn zum Millionär. Ansonsten musste Sarrazin viel Kritik und Häme einstecken, nicht zuletzt Politiker reagierten heftig. In einem grossen Essay in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) entgegnete der SPD-Mann kürzlich seinen Kritikern, dass «die von mir genannten Statistiken und Fakten keiner bestritten hat».
Diese Aussage trifft allerdings nicht zu. Insbesondere die Politologin Naika Foroutan, die an der Berliner Humboldt-Universität forscht, stellte schon im letzten September, in einer frühen Phase der Diskussion, das Zahlenmaterial des früheren Finanzsenators von Berlin und Ex-Bundesbank-Vorstands infrage. Und jetzt legt sie nach - mit der Studie «Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand». Dabei unterzieht das Forscherteam um Foroutan vor allem das Kapitel über Zuwanderung und Integration einem Faktencheck. Aufgrund offizieller Statistiken und verschiedener Studien widerlegen die Berliner Forscher Sarrazin Punkt für Punkt.
Häufigkeit des Kopftuchtragens nimmt ab
Beispielsweise beobachtet Sarrazin eine Zunahme von muslimischen Parallelgesellschaften in Deutschland. Das sichtbare Zeichen von Parallelgesellschaften sei das Kopftuch, das immer häufiger getragen werde. Dagegen weisen die Forscher nach, dass in der zweiten Generation die Häufigkeit des Kopftuchtragens signifikant abnehme. 70 Prozent der muslimischen Frauen trügen kein Kopftuch, heisst es weiter.
Es treffe auch nicht zu, dass sich muslimische Bevölkerungsgruppen zunehmend abschotten würden. Gemäss einer Umfrage hätten mehr als drei Viertel der Befragten angegeben, häufig Freundschafts- und Nachbarschaftskontakte zu Nichtmuslimen zu haben. Im Weiteren widerlegen die Berliner Forscher die angeblich mangelnde Bereitschaft zum Spracherwerb. 70 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund verfügten über gute bis sehr gute Deutschkenntnisse.
Sozialer Aufstieg der zweiten Generation
Studien widersprechen auch der zentralen These von Sarrazin, dass Einwanderer keine Bildungserfolge erzielen. So behauptet er: «Besorgniserregend ist, dass die Probleme der muslimischen Migranten auch bei der zweiten und dritten Generation auftreten, sich also quasi vererben.» Dagegen betonen die Forscher: «Tatsächlich verliessen in sämtlichen Zuwanderungsgruppen mit muslimischem Hintergrund Angehörige der zweiten Generation deutlich häufiger als ihre Eltern die Schulen mit einem Abschluss.» Im Weiteren stieg der Anteil der Personen mit Abitur oder Fachabitur in der ersten und zweiten Generation von Gastarbeitern von drei auf 22,4 Prozent.
Auch beim Thema Gewalt sind die Zahlen von Sarrazin dramatischer als offizielle Statistiken. So behauptet Sarrazin, dass in Berlin 20 Prozent aller Gewalttaten von Jugendlichen arabischer oder türkischer Herkunft begangen würden. Unter Verweis auf die Angaben des Berliner Polizeipräsidiums kommen die Forscher auf 8,7 Prozent. Werden die nicht geklärten Fälle dazu gerechnet, sind es 13,3 Prozent - das sind immer noch deutlich weniger Straftaten, als dies von Sarrazin behauptet wurde.
Scheindebatte befeuert Fremden- und Islamfeindlichkeit
Die Politologin Foroutan, die das Forschungsprojekt «Hybride Identitäten in Deutschland» leitet, sagt gemäss einem Bericht der «Frankfurter Rundschau», dass in der Sarrazin-Debatte die Integrationserfolge von Muslimen systematisch verschwiegen würden. Es gehe ohnehin nicht um eine Integrations-, sondern um eine Scheindebatte, die die Fremden- und Islamfeindlichkeit in Deutschland befeuere.
Für die Studie «Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand» stützten sich die Berliner Forscher auf Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sowie des Statistischen Bundesamts. Zudem verwendeten sie Studien der Stiftung für Migration und Integration, der Universität Bielefeld sowie der Bertelsmann- und Ebert-Stiftung.
Kaum ist die Anti-Sarrazin-Studie veröffentlicht, gibt es schon kritische Reaktionen. So warf die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» den Berliner Forschern einen selektiven Umgang mit Statistiken vor - den selben Vorwurf hatten zuvor die Kritiker von Sarrazin geäussert. Klar ist, dass die Sarrazin-Debatte noch lange nicht zu Ende ist.
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