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Italien macht es vor: Das Handbuch für den Lockdown

Eine Woche ist Italien jetzt dicht. Darf man noch raus? Wie behält man seine Freunde? Aus einem Alltag, der bald überall in Europa herrschen wird.

Joggen geht, aber nur einzeln und mit Mass: Eine Frau joggt in Mailand. Fotos: Keystone
Joggen geht, aber nur einzeln und mit Mass: Eine Frau joggt in Mailand. Fotos: Keystone

Das neue europäische Schlagwort heisst «Lockdown», kommt aus dem Englischen, aber jeder versteht es: Sperre, Schliessung. In Italien sind seit einer Woche fast alle Bereiche des öffent­lichen Lebens «down», gesperrt und geschlossen, die Jalousien runtergezogen. Offen sind nur die absolut unabdingbaren Einrichtungen, also Lebensmittel­läden, Apotheken, Arztpraxen, Banken und Postämter sowie einige wenige mehr, über deren unverzichtbaren Nutzen man vielleicht verhandeln könnte, vor allem die Tabakläden. Ein Raucher würde da wahrscheinlich widersprechen.

Nach einer Woche hat sich eine neue Routine eingestellt, wobei: Italiens Innenministerium schiebt noch immer täglich nach, was mit den einzelnen Verordnungen ganz genau gemeint ist. Was ist mit Joggen, Velofahren, was mit Spazieren, den Hund ausführen?

Kurier ohne Kontakt

Die Grundregel lautet: Niemand verlässt das Haus, ausser er hat einen gewichtigen, unaufschiebbaren Grund: Essen einkaufen, Arztbesuch, Arbeit, die sich nicht im Homeoffice verrichten lässt. Ziel ist die Abflachung der Kurve mit den Neuinfektionen, und die lässt sich nur mit einer drastischen Einschränkung sozialer Kontakte erreichen.

Geht man raus, füllt man zuerst das Formular «Modulario Interno 314» des Innenministeriums aus, das kann man aus dem Netz herunterladen und ausdrucken – eine sogenannte Selbstzertifizierung mit allen persönlichen Daten und einer Unterschrift. Gerät man in eine Kontrolle, muss man der Patrouille glaubhaft machen können, dass der Eintrag auf dem Formular auch der Wahrheit entspricht. Es gibt Zehntausende solche Kontrollen im Land, jeden Tag. Und natürlich gibt es auch täglich Tausende Verstösse und Versehen. Doch auf die Gesamtbevölkerung berechnet, auf sechzig Millionen Italiener, die sich Bewegungsfreiheit gewohnt sind, ist die Zahl der Verzeigungen und Zurechtweisungen minimal.

«Forza ragazzi»: Italien spricht sich Mut zu.
«Forza ragazzi»: Italien spricht sich Mut zu.

Einkaufen zum Beispiel geht in Zeiten von «Lockdown» so: einzeln, nie in Begleitung, weder eines Freundes noch eines Mitglieds der Familie. Man wählt den nächstgelegenen Laden, das ausgefüllte «Modulario Interno 314» in der Tasche, eine Schutzmaske vor Mund und Nase. Vor dem Laden steht ein Bediensteter, der nur wenige Kunden gleichzeitig reinlässt. Alle anderen warten in der Schlange, zwei bis vier Meter voneinander entfernt. Geht normalerweise ganz rasch, die Läden sind auch immer gut versorgt, das Angebot wird jeden Tag neu aufgestockt. Hamstern ist nicht nötig. Am Eingang liegen Plastikhandschuhe, die braucht man jetzt nicht mehr nur am Stand für Gemüse und Früchte, sondern im ganzen Laden. Dann auf direktem Weg nach Hause, Hände waschen, Früchte und Gemüse waschen. Es gibt Schlaumeier, die gehen fünfmal am Tag einkaufen, um rauszukommen.

Auswärts essen ist nicht möglich: Alle Restaurants, Bars und Mensen sind geschlossen. Auf den Apps der Kurierdienste gibt es Angebote von Lokalen, die trotz Schliessung weiterkochen und ausliefern lassen, zumeist mit Rabatten: In Rom gibt es Pizzas und Pasta, Hamburger, Sushi vom Chinesen, Kebab, Tikka Masala. Manche Restaurants schreiben in den sozialen Netzwerken, sie würden ihre Küchen ständig desinfizieren, und ihr Kurier stelle das Paket auf Wunsch gerne einfach vor die Haustür und gehe dann wieder, ungegrüsst.

Mit dem Hund darf man immer raus, kurz auf die Piazza, dafür braucht es auch keine Zertifizierung.

Für einige Verunsicherung sorgt noch immer die Frage, ob man sich auch mal so, spazierend, die Beine vertreten darf im Freien. Das Innenministerium bat um Unterlassung. So man es drinnen aber wirklich nicht mehr aushalte: dann eben kurz raus, eine Runde ums Haus, allein oder mit gebührendem Abstand, wieder rein. Flanieren im Stadtpark? Geht nicht mehr, die Pärke werden nach und nach geschlossen. Mit dem Hund darf man hingegen immer raus, kurz auf die Piazza, dafür braucht es – mangels Nachweisbedarf – auch keine Selbstzertifizierung.

Joggen und Velofahren geht auch, aber ebenfalls einzeln und mit Mass. Man könne dem Menschen nicht untersagen, sich körperlich zu betätigen, hiess es aus dem Ministerium. Diese Grauzone lädt natürlich zu kreativer Auslegung ein. Manche Polizisten wussten am Wochenende noch nicht Bescheid und zeigten auch Velofahrer an. Auch für das Autofahren gilt: Es fährt nur, wer wirklich muss. Um die Mechanik muss man sich keine Sorge machen, in allen Gegenden gibt es offene Garagen. Im Notfall findet man auch Klempner und Elektriker.

Besonders schwierig ist die Lage für die, die kein Zuhause haben. Die Obdachlosen, etwa 50’000 im ganzen Land, sind die Einzigen, die sich auch ohne Formular draussen bewegen dürfen. Viele Gassen- und Armenküchen sind geschlossen, vor allem im Norden des Landes. Doch private und kirchliche Hilfsorgani­sationen füllen die Lücke und bringen das Essen direkt zu den Bedürftigen. Es gibt auch Ärzte im Pikettdienst, die nach den Obdachlosen schauen.

Aperitivo im Netz

Die lange Isolation im eigenen Zuhause, gefangen in Langeweile und Einsamkeit, bringt die Menschen auch auf originelle Ideen für etwas Zwischenmenschlichkeit. Das gemeinsame Klatschen und Musizieren auf den Balkonen ist die schönste von allen. Man singt mit den Nachbarn und verabredet sich für den nächsten Tag: «stessa ora», selbe Zeit. Es gibt aber auch virale Momente der Nähe. So trifft man sich nun zum Aperitivo im Netz, die Älteren eher auf Skype, die Jungen über die App «House Party». Man setzt sich also mit einem Glas Wein oder Spritz vor den Bildschirm, die Freunde sind zugeschaltet über ihre Webcams. Da kommen hübsche Runden zusammen, auch mal internationale.

Auch Geburtstagsfeste begeht man so. Gutes, schnelles Internet ist dafür natürlich wichtig. Erstaunlicherweise hat es bisher kaum Klagen gegeben, obschon das Netz so stark beansprucht wird wie nie zuvor, vor allem wegen der Streamingdienste. Ohne Unterhaltung aus dem Netz wäre die soziale Absonderung wohl auf Dauer schwer auszuhalten. Ein italienischer Fernsehsender munterte die Zuschauer am Wochenende mit alten Fussballspielen der Nationalmannschaft auf – alle aus dem Sommer 2006, von der WM in Deutschland. Man wurde damals: «Campioni del mondo», Weltmeister.

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