Grossschlag gegen ’Ndrangheta – 170 Personen verhaftet

Von der Müllentsorgung bis zum Auffangzentrum für Flüchtlinge kontrollierte sie alles: Jetzt haben italienische Ermittler 170 verdächtigte Mitglieder der ’Ndrangheta verhaftet.

Überraschten mutmassliche Clan-Mitglieder im Schlaf: Reflexion eines Carabinieri.

Überraschten mutmassliche Clan-Mitglieder im Schlaf: Reflexion eines Carabinieri.

(Bild: Keystone Claudio Peri)

Wenn die Rede auf die Mafia kommt, fällt oft der Begriff der Infiltrierung. Man versteht darunter die Fähigkeit des organisierten Verbrechens, seine Leute auch in Büros zu platzieren, wo elegante Herrschaften mit weissen Hemdkragen sitzen, sogenannte «colletti bianchi», die öffentliche Aufträge vergeben und Geschäfte betreiben – etwa in den Rathäusern oder in Unternehmen mit vermeintlich sauberem Leumund.

In Italien aber gibt nun vor allem zu reden, dass zu den Festgenommenen viele «Weisskragen» zählen.

Im Fall des Clans der Familien Farao und Marincola, der jetzt aufgeflogen ist, war diese Einnistung jedoch dermassen massiv, dass ihm in seiner Stadt, in Cirò Marina im süditalienischen Kalabrien, 15'000 Einwohner, und in den Gemeinden rundherum kein Geschäft entging. Die Bande der ’Ndrangheta, wie die kalabrische Mafia heisst, herrschte monopolistisch über gar alles: über die Müllentsorgung genauso wie über die Hafendienste, die Strandbäder, den Fischmarkt, das Glücksspiel mit den Slotmaschinen, die Grosswäschereien, den Forstbetrieb in den Bergwäldern der nahen Sila, den Vertrieb von Backwaren und Wein. Sogar das Auffangzentrum für minderjährige Flüchtlinge von Cirò wurde offenbar vom Clan verwaltet. Und natürlich das Bestattungsunternehmen.

Netzwerk reicht bis nach Nordrhein-Westfahlen

Jahrelang hat die Staatsanwaltschaft von Catanzaro unter der Leitung des berühmten Mafiajägers Nicola Gratteri gegen die Familien und deren Komplizen ermittelt. Ein Rapport von 1300 Seiten ist dabei herausgekommen, und der führte nun zur «Operation Styx», benannt nach der Flussgöttin aus der griechischen Mythologie – eine Grossrazzia, die Italiens Polizei und deutsche Spezialeinheiten in einer koordinierten Aktion am frühen Dienstagmorgen durchführten. Denn ja, der Clan aus Cirò hatte sich nicht nur daheim eingenistet, in seiner Hochburg an der Stiefelsohle, sondern sein Netz auch in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen gespannt, wie das Bundeskriminalamt bestätigte. Die Italiener hatten die deutschen Behörden deshalb um Rechtshilfe gebeten.

Die ’Ndrangheta in der Schweiz

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Auch für italienische Verhältnisse ist das Ausmass der «Operazione Stige» beträchtlich: 170 Personen wurden verhaftet. 131 von ihnen wurden ins Gefängnis gebracht, 39 stehen unter Hausarrest. Sie werden unter anderem verdächtigt, ihre Opfer mit gewohnten Mafiamethoden erpresst und Geld gewaschen zu haben. Der Grossteil der mutmasslichen Mitglieder des Clans wurde in Kalabrien im Schlaf überrascht, einige aber auch weiter nördlich im Land: in Latium, der Emilia, dem Veneto, in der Lombardei, wo sie für die Familien aktiv waren. 11 Männer im Alter zwischen 36 und 61 Jahren wurden in München, Stuttgart, Frankfurt und Wiesbaden verhaftet, wo die Bande «operative Zellen» unterhielt, wie es hiess.

Grosseinsatz: Polizei verhaftet über 170 Verdächtige. Video: Tamedia/AFP

Zum Kauf kalabrischer Produkte genötigt

Die Faraos und Marincolas investierten ihre unlauter erwirtschafteten Einkünfte mit Vorliebe fernab von der Heimat. Offenbar gelang es dem Clan auch, Restaurantbesitzer in den betroffenen deutschen Bundesländern unter Gewaltandrohung zum Kauf von Produkten zu nötigen, die er aus Kalabrien importierte, etwa Wein aus Cirò und Zutaten für die Pizza. So garantierte man den Absatz der Ware, die man selber produzierte. Der Clan soll geplant haben, das Modell auch in der Schweiz anzuwenden, wo er auf Verbindungsleute zählen konnte. Die Polizei unterband das Ansinnen. Bei der Razzia wurden auch Güter und Immobilien für ungefähr 50 Millionen Euro beschlagnahmt, wohl ein Bruchteil des wahren Vermögens.

In Italien aber gibt nun vor allem zu reden, dass zu den Festgenommenen viele «Weisskragen» zählen. Nur neun Inhaftierte sind direkte Clanmitglieder, der Rest sind Beamte, Politiker und Unternehmer, die mit der Mafia zusammenarbeiteten oder sie zumindest gewähren liessen. Verhaftet wurde auch der Präsident der Provinz Crotone, Nicodemo Parrilla, der gleichzeitig Bürgermeister von Cirò Marina war. Die Ermittler sind überzeugt, dass Parrilla während seiner ganzen politischen Karriere, in allen seinen Ämtern und Funktionen, immer dafür gesorgt hat, dass dem Clan der Farao und der Marincola und dessen Strohfirmen alle fetten Aufträge zugeschanzt wurden. Die Bande musste sich nicht mühsam einnisten in der Gegend: Sie war ihr Nest.

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