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Gnadengesuch von NS-Verbrecher Eichmann veröffentlicht

Im Schreiben hatte SS-Mann Adolf Eichmann erfolglos versucht, sein Todesurteil abzuwenden. Vor einem Jahr veröffentlichte Redaktion Tamedia historische Tondokumente, die sein wahres Gesicht zeigten.

«Jerusalem, den 29.5.1962»: Fein säuberlich unterschriebenes Schreiben von Adolf Eichmann, in dem er um Gnade bittet.
«Jerusalem, den 29.5.1962»: Fein säuberlich unterschriebenes Schreiben von Adolf Eichmann, in dem er um Gnade bittet.
AFP
Der Inhalt dieses Schreibens war zwar bisher bekannt, aber erst 55 Jahre nach dem Prozess in Jerusalem wurde das Originaldokument veröffentlicht.
Der Inhalt dieses Schreibens war zwar bisher bekannt, aber erst 55 Jahre nach dem Prozess in Jerusalem wurde das Originaldokument veröffentlicht.
AFP
Aus dem Archiv: Ein Bild von Adolf Eichmann vom ersten Tag seines Prozesses (11. April 1961) in seiner kugelsicheren Box vor Gericht in Jerusalem.
Aus dem Archiv: Ein Bild von Adolf Eichmann vom ersten Tag seines Prozesses (11. April 1961) in seiner kugelsicheren Box vor Gericht in Jerusalem.
AFP
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Israels Präsident Reuven Rivlin hat ein bislang unter Verschluss gehaltenes Gnadengesuch des Nazi-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann veröffentlicht. Anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages wurden der in Schönschrift verfasste Brief Eichmanns und ähnliche bislang als geheim eingestufte Dokumente bei einer Zeremonie in der Jerusalemer Residenz des Staatschefs für die Öffentlichkeit freigegeben. In digitaler Form veröffentlicht und im Original den Medien vorgestellt wurden auch Gnadengesuche von Eichmanns Frau Vera und seiner fünf Brüder.

Der einstige SS-Obersturmbannführer Eichmann hatte ab 1939 im Reichssicherheitshauptamt als Leiter der zuständigen Gestapo-Abteilung die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager koordiniert. Er wurde 1960 von israelischen Agenten in Argentinien aufgespürt und nach Israel entführt. Dort wurde er zum Tode verurteilt.

«Ein Irrtum»

Der Inhalt des Gnadengesuchs war nach Angaben eines Sprechers Rivlins bereits bekannt, das Dokument selbst aber wurde nie veröffentlicht. Wie nun im Wortlaut nachzulesen ist, schrieb Eichmann in seinem auf Deutsch verfassten Gnadengesuch an den damaligen Staatschef Jizchak Ben-Zvi, «den Richtern ist in der Beurteilung meiner Person ein entscheidender Irrtum unterlaufen».

Diese hätten sich nicht «in die Lage versetzen können, in der ich mich während der Kriegsjahre befunden habe». Auch seien die im Verfahren vorgelegten Beweismittel nicht im «Zusammenhang mit dem gesamten Befehlsmaterial» beurteilt worden. Der Protokollführer der Wannseekonferenz, bei der die sogenannte «Endlösung der Judenfrage», die zur Ermordung von sechs Millionen Menschen führte, beschlossen wurde, schrieb weiter, er sei kein «verantwortlicher Führer» gewesen, was schon sein Dienstrang beweise. Er habe unter Zwang als «Instrument» gedient und fühle sich «daher nicht schuldig».

Keine Gnade

Er bat Ben-Zvi in dem Schreiben vom 29. Mai 1962, «anzuordnen, dass das Todesurteil nicht vollstreckt wird». Zwei Tage später wurde Eichmann mit dem Strang hingerichtet. Eichmanns Leiche wurde verbrannt, die Asche ins Meer gestreut.

Original-Tondokumente, die der «Tages-Anzeiger» vor einem Jahr exklusiv veröffentlichte, zeigten das wahre Gesicht Eichmanns (siehe Tondatei unten). 1957 hatte Eichmann in Argentinien als freier Mann Interviews gegeben, in denen er ohne Schuldgefühl seine Taten preiste – und sogar bedauerte, dass nicht noch mehr Juden getötet wurden. «Mich reut gar nichts!», sagte er damals. Die Aufnahmen entlarven Eichmann, der sich vor Gericht als harmloser Befehlsempfänger darzustellen versucht hatte. (thu/AFP/sda)

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Tondokument: Adolf Eichmann im Gespräch mit W. Sassen, 1957. (Quelle: Bundesarchiv Koblenz)

TranskriptionAdolf Eichmann im Gespräch mit W. Sassen, 1957

EICHMANN: Und jetzt will ich Ihnen sagen, zum Abschluss dieser ganzen Platten, wir sind ja bald zu Ende, muss ich Ihnen erstens sagen: Mich reut gar nichts! Ich krieche in keinster Weise zu Kreuze! Die vier Monate, in denen wir jetzt nun hier die Sache aufgenommen haben, in den vier Monaten, in denen Sie sich bemühten, mein Gedächtnis aufzufrischen, sehr vieles davon wurde aufgefrischt, es wäre zu leicht, und ich könnte ja es billig machen der heutigen Meinung nach. Dass ich es zutiefst bedaure, dass ich gewissermassen etwas spiele, dass aus einem Saulus ein Paulus würde.

Ich sage Ihnen, Kamerad Sassen: Das kann ich nicht. Das kann ich nicht, weil ich nicht bereit bin. Weil sich mir das Innere sträubt, etwa zu sagen, wir hätten etwas falsch gemacht. Nein. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden, die Korherr*, wie wir jetzt nun wissen, ausgewiesen hat, 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen: Gut, wir haben einen Feind vernichtet. Nun durch des Schicksals Tücke der Grossteil dieser 10,3 Millionen Juden am Leben erhalten geblieben sind, sage ich mir: Das Schicksal wollte es so. Ich habe mich dem Schicksal und der Vorsehung unterzuordnen. Ich bin nur ein kleiner Mensch und habe dagegen nicht anzustinken, ich kann's auch nicht, will es auch gar nicht. Unsere Aufgabe für unser Blut und unser Volk und für die Freiheit der Völker hätten wir erfüllt, hätten wir den schlauesten Geist der heute lebenden menschlichen Geister vernichtet. Denn das ist's, was ich Streicher** sagte, was ich immer gepredigt habe: Wir kämpfen gegen einen Gegner, der durch vielvieltausendjährige Schulung uns geistig überlegen ist. War's gestern oder vorgestern oder vor einem Jahr, ich weiss es nicht, hörte oder las ich: Noch bevor die Römer ihren Staat errichteten, noch bevor Rom überhaupt gegründet wurde, konnten hier die Juden schreiben. Das ist bescheiden im Ausdruck. Sie hätten sagen müssen, noch bevor Äonen vor der Rom-Gründung, noch Äonen vor der Rom-Gründung konnten sie schreiben. Siehe die Gesetzestafeln. Sehen Sie, ein Volk, das heute über eine geschriebene, möchte ich mal sagen, sechstausendjährige Geschichte zurückgreifen kann, ein Volk, das vor sagen wir einmal fünftausend Jahren oder sechstausend Jahren — ich gehe nicht fehl, wenn ich glaub ich sogar das siebte Jahrtausend anschlage, gesetzgeberisch tätig gewesen ist. Dass die heutigen christlichen Kirchen sich dieser Gesetzgebung bedienen, ist für mich sehr deprimierend. Aber es besagt mir, dass es sich um ein Volk erster Grössenordnung handeln muss, denn Gesetzgeber sind immer gross gewesen. Und aus diesen Erkenntnissen kämpfte ich ja gegen diesen Gegner. Und aus diesen Motivierungen heraus müssen Sie verstehen, wenn ich sage, wenn 10,3 Millionen dieser Gegner getötet worden wären, dann hätten wir unsere Aufgabe erfüllt. Nun es nicht so ist, werde ich Ihnen sagen, dass das Leid und das Ungemach unsere noch nicht Geborenen zu bestehen haben. Vielleicht werden sie uns verfluchen. Allein, wir konnten als wenige Leute gegen den Zeitgeist nicht anstinken. Wir haben getan, was wir konnten.

Selbstverständlich, muss ich Ihnen sagen, kommt dazu menschliche Regung. Auch ich bin nicht frei gewesen davon, auch ich unterlag derselben Schwäche. Das weiss ich. Auch ich bin schuld mit daran, dass die vielleicht von irgendeiner Stelle vorgesehene oder mir vorgeschwebte Konzeption der wirklichen, umfassenden Eliminierung nicht durchgeführt hat werden können. Ich erzählte Ihnen das in kleinen Beispielen. Ich war ein unzulänglicher Geist und wurde an eine Stelle gesetzt, wo ich in Wahrheit mehr hätte machen können und mehr hätte machen müssen.

Als Entschuldigung mag dienen, was ich Ihnen sagte: Einmal, dass es mir an umfassendem Geist fehlte. Als zweites mag dienen, dass es mir an der nötigen physischen Härte fehlte. Und als drittes mag gelten, dass sich selbst gegen mein Wollen eine Legion von Leuten einfand, die selbst gegen dieses Wollen wiederum anstanken, so dass ich, der ich selbst schon mich gehandikapt fühlte, auch den Rest, dem ich etwa zum Durchbruch verholfen hätte, wiederum nur mit Abstrichen durchführen konnte, weil ich mich verzetteln musste in einem jahrelangen Kampf gegen die sogenannten Interventionisten. Das will ich Ihnen abschliessend sagen.

Ob Sie das in das Buch hineingeben, weiss ich nicht, vielleicht ist es gar nicht opportun. Vielleicht soll man es auch gar nicht. Ich will damit nur Ihnen das Fazit sagen, was ich aus all diesen Monaten nunmehr gedächtnisauffrischend übernommen habe und zu dem es mich drängt, Ihnen es auch zu sagen.

SASSEN: Ja. (Schweigen.)

EICHMANN: Sin mer jetzt fertig mit der ganzen Aufnahme, ja?

SASSEN: Bitte?

EICHMANN: Jetzt sind wir fertig, nicht wahr, nicht?

SASSEN: Eigentlich nicht. Ich habe noch einige Seiten zu fragen. Aber das können wir sicher schaffen.

EICHMANN: Ach, wir sind gar nicht fertig mit dem Buch? (Sassen lacht.)

EICHMANN: Ich denke, wir sind fertig mit ... deshalb habe ich ... ich eine kleine Schluss ... äh ... ansprache an ... an ... äh die Tischrunde gehalten.

SASSEN: Spielt keine Rolle.

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Abschrift im Bundesarchiv Koblenz. Hier zitiert nach: Stangneth (2011), S. 391 ff.

*Der Korherr-Bericht enthält statistische Angaben über die «Endlösung der Judenfrage». Der Bericht wurde 1943 im Auftrag Heinrich Himmlers von Richard Korherr, Leiter der Statistischen Abteilung im SS-Hauptamt, zusammengestellt.

**Julius Streicher (1885-1946), Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes «Der Stürmer». Im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

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