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Frühe Abgänge und ein schnelles Ende

Bei einem Gala-Dinner in London belästigen reiche Männer junge Hostessen. Prominente Gäste wollen den Anlass frühzeitig verlassen haben. Der Herrenclub, der eingeladen hatte, hat sich wenige Tage später aufgelöst.

Treffpunkt für zahlungskräftige Herren: Ein Portier bewacht den Eingang des Londoner «Dorchester»-Hotels.
Treffpunkt für zahlungskräftige Herren: Ein Portier bewacht den Eingang des Londoner «Dorchester»-Hotels.
Keystone

Das «Dorchester» zählt zu den teuersten und renommiertesten Londoner Hotels. Verträge werden im «Savoy Grill» abgeschlossen und im «Dorchester» begossen, lautet ein Bonmot in der City. Die Bar des Hauses, das seit 1985 dem Sultan von Brunei gehört, gilt laut Zeitungsberichten seit Langem als Treffpunkt für zahlungskräftige Herren und sogenannte Escort-Ladies, Prostituierte der obersten Preisklasse. Tausend Pfund für drei Stunden, das ist laut Recherchen der Illustrierten Cosmopolitan in etwa der Betrag, den sich Kunden deren Gesellschaft kosten lassen.

Gerade einmal 150 Pfund erhielten demgegenüber die Hostessen, die am Donnerstag letzter Woche abends für einige Stunden ihre Arbeit im «Dorchester» aufnahmen. Der «Presidents Club» hatte 350 ausschliesslich männliche Gäste zu seinem jährlichen Gala-Dinner eingeladen (Dresscode: «Black Tie»).

Anleitung für Gentlemen

In welche Richtung sich der Abend entwickeln könnte, hatten die Gastgeber offenbar geahnt, zumindest legten sie einen sogenannten «Gentlemen’s Code» aus, einen Leitfaden, in dem es hiess, jeder habe «das Recht, mit Respekt behandelt zu werden», und Belästigungen des Personals würden nicht geduldet. Unter Belästigungen, so hiess es zur Sicherheit weiter, sei ein Verhalten zu verstehen, «aufgrund dessen sich eine Person beleidigt, eingeschüchtert oder gedemütigt fühlt».

Die Mahnung fruchtete nicht: Zwei Reporterinnen der Financial Times, die sich wallraffmässig als Hostessen eingeschlichen hatten, berichteten diese Woche über Grabschereien, anzügliche Kommentare und Aufforderungen, mit aufs Hotelzimmer zu kommen. Weitere Hostessen erklärten, es sei ihnen unters Hemd gegriffen worden, und einer der Anwesenden habe seinen Penis gezeigt.

Dass der Skandal die Londoner Presse seit Tagen exzessiv beschäftigt, kann niemanden verwundern: Es geht um Sex, reiche bis sehr reiche Männer und Verbindungen zur Politik. Gäste, die nun von den Medien befragt werden, wollen den Anlass frühzeitig verlassen und von den Übergriffen nichts bemerkt haben, so etwa der konservative Unterstaatssekretär im Erziehungsministerium Nadhim Zahawi. Er war bereits 2010 mit dabei gewesen, damals noch als einfacher Abgeordneter. Seinerzeit habe es noch keine Hostessen gegeben, erklärte er nun.

Mays Zorn stieg mit den Höhenmetern

Solange sich nicht als unwahr erweise, was Zahawi sage, könne er im Amt bleiben, heisst es aus 10 Downing Street. David Meller, ein Geschäftsmann und Mäzen der Konservativen Partei, der dem Vorstand des «Presidents Club» angehört hatte, trat unterdessen aus einem Beirat des Erziehungsministeriums zurück. «Es gibt einen Zusammenhang zwischen reichen Männern und dieser Art von Verhalten», hatte seine Parteikollegin Anne Milton zuvor im Parlament erklärt.

Auch Premierministerin Theresa May meldete sich mittlerweile zu Wort. Ihr Zorn stieg offenbar mit den Höhenmetern: Die Vorkommnisse lösten ein Gefühl des Unwohlseins bei ihr aus, sagte sie zunächst, und später, nach ihrer Ankunft beim Weltwirtschaftsforum in Davos, sie sei entsetzt.

Auch aufseiten der oppositionellen Labour-Partei gibt es einen Betroffenen: Lord Jonathan Mendelsohn, der von den skandalösen Vorgängen ebenfalls nichts bemerkt haben will. Er trat auf Geheiss von Parteichef Jeremy Corbyn als handelspolitischer Sprecher seiner Partei im Oberhaus zurück. Allzu schwer dürfte Corbyn die Trennung nicht gefallen sein: Mendelsohn war ein Unterstützer des früheren Premierministers Tony Blair; so gesehen gehört er ohnehin zu einem anderen Stamm als der prononciert linke Vorsitzende.

Offizieller Sinn und Zweck des Dinners war es, Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln. Dafür wurde unter anderem ein Abendessen mit Mark Carney versteigert, dem Gouverneur der Bank of England (BoE), sowie ein Lunch mit Aussenminister Boris Johnson. Beide sagen, sie hätten davon nichts gewusst.

Schmutziges Geld

Das Treffen mit Carney, so liess die BoE verlauten, sei bereits andernorts an den Mann gebracht und dann offenbar im «Dorchester» ein weiteres Mal versteigert worden. Die angedachten Empfänger der Einnahmen, darunter das bekannte Great-Ormond-Street-Kinderspital, haben bereits angekündigt, auf die Spenden verzichten zu wollen.

Am Mittwoch, nicht einmal eine Woche nach dem Skandal-Dinner, gab der «Presidents Club» seine Auflösung bekannt. Was an Vermögen übrig bleibe, werde «auf effiziente Weise an Organisationen verteilt, die sich um Kinder kümmern», hiess es in einer Erklärung.

Ein wenig erinnert das überstürzte Ende an die Schliessung des Revolverblatts News of the World wegen eines Abhörskandals im Juli 2011. Hier wie dort hinterlässt der abrupte Schlussstrich ein ungutes Gefühl: Lösten die Vorstandsmitglieder des «Presidents Club» den Verein so schnell auf, um sich weitere unangenehme Fragen zu ersparen? Und ging es in den Jahren und Jahrzehnten vor dem Skandal so viel anders zu als letzte Woche? Eine der Reporterinnen der Financial Times erklärte jedenfalls, sie habe überhaupt erst recherchiert, weil Zeuginnen ihr von ähnlichen Zuständen in den Vorjahren erzählt hätten. Weitere Enthüllungen sind zu erwarten.

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