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Exodus

Zermürbt von antisemitischen Vorfällen kehren immer mehr Juden der britischen Labour-Partei den Rücken. Einige wollen bleiben und kämpfen. Die Parteiführung um Jeremy Corbyn tut so, als hätte all das nichts mit ihr zu tun.

Hitler als Verbündeter der Zionisten? Der Labour-Politiker Ken Livingstone (links aussen) bei einer Pressekonferenz zur Ankündigung einer anti-israelischen Kundgebung im Januar 2009, unter anderem mit Bianca Jagger (Zweite von rechts) und Tariq Ali (rechts aussen).
Hitler als Verbündeter der Zionisten? Der Labour-Politiker Ken Livingstone (links aussen) bei einer Pressekonferenz zur Ankündigung einer anti-israelischen Kundgebung im Januar 2009, unter anderem mit Bianca Jagger (Zweite von rechts) und Tariq Ali (rechts aussen).
Keystone

Kalt ist es, die Dämmerung bricht früh herein, und Mike Katz wirkt auch nicht gerade, als sei er in Aufbruchstimmung. «Wir befinden uns in einer schwierigen Situation», murmelt er. Katz, ein Mittvierziger mit schmalem Gesicht, arbeitet für ein Transportunternehmen und war Gemeinderat im Londoner Bezirk Camden; letztes Jahr bewarb er sich für einen Sitz im Unterhaus, als Kandidat der Labour-Partei für den Nord-Londoner Wahlkreis Hendon.

Nun sitzt er in einer Filiale der ­Café-Kette Nero in West Hampstead im Nordwesten Londons. «Wenn ich an den Türen des Wahlkreises läutete, fragten mich manche Leute, wie ich nur für Labour antreten könne», erinnert sich Katz an den Wahlkampf vom letzten Frühsommer. Katz ist Jude, und kaum irgendwo im Land ist der Anteil jüdischer Wähler höher als in Hendon.

Labour, Katz’ Partei, gilt seit dem Amtsantritt des prononciert linken Parteichefs Jeremy Corbyn im Herbst 2015 vielen als Nest von Antisemiten.

Bizarre Behauptungen

Die Vorfälle, die diese Lesart stützen, sind mittlerweile Legion. Da gibt es etwa den früheren Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, 72, der behauptet, Adolf Hitler sei ein Verbündeter der Zionisten gewesen. Livingstones Mitgliedschaft suspendierte die Partei eher halbherzig; im April, so glauben Insider, werde er in den Schoss der Labour-Familie zurückkehren.

Dann ist da Naz Shah, eine 44-jährige Abgeordnete, die 2014 forderte, Israel aufzulösen und seine Einwohner nach Amerika umzusiedeln. Im April 2016 wurde sie aus der Fraktion ausgeschlossen, doch zwei Monate später schon wieder aufgenommen.

Ihr Kollege Afzal Khan fand 2002, Israels angeblicher «Völkermord an den Palästinensern» sei schlimmer als das, was Saddam Hussein Kurden und ­Schiiten angetan habe; 15 Jahre später wurde er ins Unterhaus gewählt, nach einer halbherzigen Entschuldigung und ohne dass sich die Parteiführung an seinen Ansichten weiter störte.

Parteichef Jeremy Corbyn schweigt zu all dem. Letzten September, auf dem Parteitag in Brighton, hielt er eine Abschlussrede, in der kaum eine Minderheit von seiner Solidarität verschont blieb: Muslime, Schwarze, Asiaten, Lesben, Schwule und Transsexuelle – sie alle hätten bei Labour eine politische Heimat, erklärte er. Nur die Juden erwähnte er mit keinem Wort.

Corbyn legt nicht einmal Wert auf die Behauptung, er habe doch jüdische Freunde.

Dass Corbyn kein Freund Israels ist, ist ein offenes Geheimnis, doch anders als viele linke Gegner des jüdischen Staats legt er offenbar nicht einmal Wert auf die Behauptung, er habe doch jüdische Freunde.

Fragt man jüdische Labour-Mitglieder, warum Corbyn schweige, erhält man meist zur Antwort, man versuche, auf den Parteichef einzuwirken, ihm zu erklären, dass Antisemitismus eine Form von Rassismus sei. Doch Corbyn redet nicht über Juden und nicht über Antisemitismus. «Wir haben ihn wieder und wieder für ein Interview angefragt», berichtet Marcus Dysch, der politische Redaktor des Jewish Chronicle, am Telefon. «Wir erhielten nie eine Antwort.»

Bleiben oder gehen?, lautet nun die Frage, die sich viele jüdische Labour-Mitglieder stellen. Katz’ Antwort ist eindeutig: «Ich kann doch nicht weglaufen», erklärt er, und: «Man darf Labour nicht nur anhand von Twitter beurteilen.» Im Wahlkampf sei er vor allem im Internet angegriffen worden. Ob er Abgeordneter für Tel Aviv sein wolle, habe es etwa geheissen.

«Wir müssen jeden Tag kämpfen»

Katz ist stellvertretender Chef des Jewish Labour Movement (JLM). Viele verliessen nun die Partei, aber blieben im JLM, erklärt er. Dessen Mitgliederzahlen steigen: Die Angriffe schweissen die jüdischen Labour-Mitglieder offenbar zusammen. «Wir müssen jeden Tag kämpfen, um Juden klarzumachen, dass Labour für sie wählbar ist», sagt Katz. Wer sich über Islamophobie beklage, werde innerhalb der Partei ernst genommen; wer antisemitische Vorfälle anzeige, bekomme zu hören, er wolle doch nur die Parteiführung schwächen.

Kann man überhaupt Antizionist sein, ohne Antisemit zu sein, wie manche seiner Parteikollegen behaupten, frage ich Katz. «Erstens», antwortet er nach einer längeren Pause, «bin ich ein britischer Jude, kein Israeli. Zweitens würde ich, wenn ich Israeli wäre, die Arbeiterpartei wählen, wäre gegen Benjamin Netanyahu und gegen die Besatzung.» Aber das mache ihn noch lange nicht zu einem Antizionisten. Zionismus heisse, das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestim­mung zu bejahen. «Dieses Recht», fügt Katz umgehend hinzu, «sollten wir aber auch den Palästinensern nicht vorenthalten.» Ein wenig wirkt seine Feststellung, als meine er, sich rechtfertigen zu müssen.

Jüdisch zu sein, das hiess in Grossbritannien einmal, Labour zu wählen. Natürlich gab es immer auch jüdische Tories, doch die meisten Juden hielten zur Arbeiterpartei. In den Achtzigerjahren änderte sich dies langsam. Bereits 1967 hatte Israel den Sechstagekrieg gewon­nen, womit der jüdische Staat in den Augen mancher Linker vom David zum Goliath geworden war, doch den eigentlichen Umschwung brachte erst der Libanonkrieg von 1982: Von nun an wurde Israel von der britischen Linken zunehmend als Aggressor wahrgenommen, der Ton gegenüber den Juden wurde schärfer, und viele von ihnen begannen, sich Margaret Thatchers Tories zuzuwenden.

Ende der Neunzigerjahre, unter Tony Blair, schwang das Pendel mit Macht zurück, doch mit Corbyn laufen die jüdischen Wähler der Partei in Scharen davon. Vor der letzten Unterhauswahl veröffentlichte der Jewish Chronicle eine Umfrage: Nur 13 Prozent der britischen Juden sprachen sich darin für Labour aus, mehr als 70 Prozent für die regierenden Konservativen.

«Die meisten sind gegangen»

Wie viele Juden in den letzten Jahren bereits aus der Partei ausgetreten sind, weiss niemand, denn Labour fragt seine Mitglieder nicht nach ihrer Ethnie oder Religionszugehörigkeit. «Die meisten sind gegangen», sagt John Mann, ein 58-jähriger Abgeordneter. Mann sitzt mir in seinem Büro in Westminster gegenüber, einem kleinen Raum mit schäbigen Möbeln und Leeds-United-Devotionalien. Meine Fragen beantwortet er mit Anthony-Hopkins-hafter Grummeligkeit. In seiner Partei ist Mann einer der schärfsten Kritiker antisemitischer Umtriebe, vielleicht gerade, weil er kein Jude ist: Er habe keine Angst sich zu exponieren. Ob es einen Grund für sein Engagement gebe? «Ich bin gewählt worden», brummt er. In seinem Wahlkreis in Nottinghamshire lebten vier Juden, und die kenne er alle mit Namen. Sein Einsatz erfolge aus innerem Antrieb und nicht, weil irgendjemand ihn dazu dränge.

Letztes Jahr schrieb Mann einen Beitrag für den Jewish Chronicle: «Wenn wir Rassismus nicht bekämpfen – und Antisemitismus als einen Teil davon – haben wir als Partei kein Recht zu existieren.» Tut die Partei, was sie tun muss? Manns Antwort fällt brutal ehrlich aus. «Nein, kein bisschen», sagt er ohne die Stimme zu heben. «Livingstone und andere sollten hinausgeworfen werden, aber das geschieht nicht.»

Antisemitisch sei es, wenn Juden oder jüdische Gemeinschaften individuell für etwas verantwortlich gemacht würden, mit dem sie nichts zu tun hätten, etwa die Politik der israelischen Regierung. Man verlange dann von ihnen, sich zu distanzieren. «Aber warum sollten sie?»

Das Muster sei immer dasselbe: Als der jüdische Komiker David Badiell letztes Jahr auf Twitter angegriffen worden sei, weil er als Jude für Israel einstehe, habe dieser geantwortet, er interessiere sich nicht für Israel, erzählt Mann. Wenn das so sei, dann sei er ein guter Jude, habe daraufhin Jon Lansman gesagt, der Vorsitzende von Momentum, der linken Kampagnenorganisation, der Corbyn seinen Aufstieg zum Parteichef zu verdanken hat.

Ein Druck, sich zu verleugnen

Vor allem junge jüdische Männer in der Partei meinten, sie müssten beweisen, dass sie nicht zu den Unterdrückern gehörten, berichtet Mann. «Also werden sie Antizionisten. Da ist ein grosser Druck, die eigene Identität zu verleugnen.» Dieser komme vor allem von alten Linken, weniger von Muslimen. Pakistanis und Bengalen interessierten sich kaum für Palästina. «Wenn Sie einen jungen britischen Muslim nach Israel fragen, gibt er vielleicht einen negativen Kommentar ab, aber die meisten haben bis dahin gar nie ­darüber nachgedacht.» Vor allem ältere Corbyn-Anhänger seien anfällig für antisemitisches Gedankengut: «Das sind Leute in ihren Siebzigern und Achtzigern, die nostalgisch an ihre Studienzeit in den Sechzigern zurückdenken.»

Auch Jon Lansman ist Jude. «Er kennt das Problem, und es bekümmert ihn», erklärt Mann. Lansman versuche, hinter den Kulissen auf Corbyn einzuwirken, doch nach aussen schweige er. «Jon ist ein Feigling», sagt Mann. Als ich ihn um ein Interview bitte, sagt Lansman ab: Er habe leider keine Zeit, und danach sei er für acht Tage verreist.

David Hirsh, 50, ist Soziologe an der University of London und Labour-Mitglied. Das Problem des linken Antisemitismus beschäftigt ihn seit vielen Jahren beruflich wie privat. Für junge Aktivisten sei es wichtig, sich gegen Israel auszusprechen, erklärt Hirsh am Telefon. «Es bedeutet, radikal zu sein und ist damit Teil ihrer Identität.» ­Corbyn selbst sei ein militanter Israel-Feind. «Er bezeichnete Hamas und Hizbollah nicht nur als seine Freunde, sondern behauptete auch, sie seien gut für die Palästinenser und für den Frieden im Nahen Osten.» Parteimitgliedern, die sich wegen des Antisemitismus sorgten, werde gesagt, sie wollten doch nur Kritik an Israel unterdrücken.

Für Hirsh ist das eine Variante der alten Verschwörungstheorie, wonach die Juden alles kontrollierten. «Über Antisemitismus zu reden, wird als schlimmer betrachtet als der Antisemitismus selbst», klagt er. «Und dann gilt es als mutig, gegen die angebliche jüdische Macht aufzustehen.» Wie die Stimmung unter seinen jüdischen Freunden bei Labour sei? Alle seien nun wütend aufeinander, antwortet Hirsh: «Die, die gehen, auf die, die bleiben, und umgekehrt. Sie sehen sich gegenseitig als Feiglinge oder Verräter.» Auch er denke darüber nach, die Partei zu verlassen. «Aber möchte ich mich wirklich von denen vertreiben lassen?»

Einer von denen, die bereits gegangen sind, ist Lord Parry Mitchell. Vor anderthalb Jahren hat er seinen Parteiausweis abgegeben. Ich treffe Mitchell in Fischer’s Café, einem österreichischen Restaurant im Zentrum Londons. «Lieber nicht in Westminster», hat er mir per E-Mail geschrieben.

Von der Partei entfremdet

Meine Vermutung, er habe sich mit seinen früheren Parteikollegen derart verkracht, dass er das Parlament meide, weist Mitchell lachend zurück. «Ich wollte nur keine Krawatte anziehen», erklärt er. Mit seinen Kollegen im Oberhaus verstehe er sich bestens: «Mit der Partei haben wir alle nicht mehr viel zu tun, seit Corbyn dort regiert.»

Der Anlass, der Mitchell und viele andere zum Austritt bewegte, war die Publikation des Chakrabarti-Reports. Im Sommer 2016 hatte die Parteiführung um Jeremy Corbyn die Bürgerrechtsanwältin Shami Chakrabarti beauftragt, zu untersuchen, ob die Partei ein Problem mit Antisemitismus habe. Labour sei nicht «von Antisemitismus, Islamophobie oder anderen Formen des Rassismus geprägt», nur «gelegentlich» herrsche «eine giftige Atmosphäre» vor, schrieb Chakrabarti.

«Sie tat, als seien all das Einzelfälle ohne jede Verbindung zur Parteiführung», empört sich Mitchell. Dass Chakrabarti nur zwei Monate später auf Vorschlag Corbyns zur Baroness ernannt wurde und ins Oberhaus einzog, zeige, dass dem Parteichef die ­Kritik an ihrem Report egal sei. «Eine Beleidigung für jüdische Labour-Mitglieder» sei das gewesen, sagt Mitchell.

Lord Mitchell, ein IT-Unternehmer, wurde vor 18 Jahren vom damaligen Premierminister Tony Blair ins Oberhaus entsandt, einem Mann, den Jeremy Corbyn und seine Anhänger für einen Kriegstreiber halten. «Corbyn gab sich bestürzt darüber, dass ich ging», erinnert sich Mitchell. «Aber zum Grund meines Austritts äusserte er sich nicht. Kein Wort über Antisemitismus. Er ist ein schwacher Mann.»

Dass seine jüdischen Freunde noch immer in der Partei seien, könne er nicht verstehen, sagt Mitchell. Erklären könne er es sich schon: «Die sagen mir, Labour sei wie ein Stamm: ‹Mein Vater war dabei und mein Grossvater auch.›» Die meisten von ihnen meinten, von innen heraus mehr ändern zu können. Mitchell glaubt nicht daran: «Da sind 600.000 neue Mitglieder, und keiner von denen wird zu einer Partei zurückkehren wollen, wie sie einmal war.»

Jüdisch zu sein, das hiess für die meisten britischen Juden einmal, Labour zu wählen.

Howard Jacobson, 75, ist Schriftsteller. 2010 erhielt er den Booker-Preis, der als wichtigster Literaturpreis des Landes gilt. Kritiker nannten ihn «den englischen Philip Roth», worauf er sich selbst als «jüdische Jane Austen» bezeichnete. Jacobson wirft Labours jüdischen Mitgliedern vor, viel zu defensiv zu agieren. «Einige von denen sagen, Antisemitismus können wir nicht tolerieren, aber antizionistisch dürft ihr schon sein», erklärt er am Telefon. Doch wer den Juden das Recht auf einen ­eigenen Staat abspreche, verwehre ihnen etwas, das er keinem anderen Volk verwehren würde. «Nächstes Jahr in Jerusalem», sagten sich die Juden seit zweitausend Jahren überall auf der Welt am Pessach-Fest. «Wer Zionismus mit Imperialismus oder Kolonialismus gleichsetzt, versteht ihn absichtlich falsch», erklärt Jacobson. «Zionismus ist eine Befreiungsbewegung.»

Antisemitismus als Ersatzhandlung?

Wäre Jacobson Labour-Mitglied, er würde die Partei verlassen. «Schon beim Fall der Berliner Mauer fragte ich mich, was die Linke jetzt wohl tun wird», sagt er. «Die hatten ja nun kein Thema mehr: Ein Proletariat, das sie vertreten konnten, gab es nicht mehr. Arbeiter hat es bei Labour ja keine mehr, nur noch Studenten und Akademiker.» Mittlerweile sei der Antisemitismus von rechts nach links gewandert.

Halbbildung sieht Howard Jacobson als eigentliches Problem: «Die Universitäten sind eine Brutstätte des Antisemitismus. Und das Internet macht die Jugend nicht klüger, sondern dümmer.» Wenn man heute jungen Leuten erkläre, Corbyn sei ein Freund von Hamas, Hizbollah und IRA, wüssten diese oft gar nicht mehr, was das überhaupt bedeute.

Auch die Geschichte der eigenen Partei dürften nur die wenigsten jungen Labour-Aktivisten kennen: Wie die meisten sozialdemokratischen Parteien Europas war auch Labour immer eine jüdische Partei: Die Emanzipation von Juden, Arbeitern und Frauen ging seit dem 19. Jahrhundert Hand in Hand. Diese Tradition stirbt nun, und die meisten Labour-Mitglieder kümmert es kaum. Wenn sie es denn überhaupt bemerken.

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