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Erdogan will einen zweiten Bosporus

Der türkische Präsident will verwirklichen, was er selber als «verrückt» bezeichnet hat: einen künstlichen Seeweg quer durch Istanbul.

Eine Meerenge ist dem Präsidenten nicht genug: Luftaufnahme vom Bosporus in Istanbul. Foto: Muhammed Enes Yildirim (Getty)
Eine Meerenge ist dem Präsidenten nicht genug: Luftaufnahme vom Bosporus in Istanbul. Foto: Muhammed Enes Yildirim (Getty)

Der türkische Präsident spricht von einem «Traum», der Bürgermeister von Istanbul von «Mord» und «Verrat» an seiner Stadt. Früher nannte Recep Tayyip ­Erdogan die Idee, den Bosporus, einfach zu klonen, ein «verrücktes Projekt».

Das war vor fast einem Jahrzehnt. Dann hörte man länger nichts mehr von diesem «Kanal Istanbul», der eine zweite Verbindung zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer schaffen soll – 45 Kilometer lang, 150 Meter breit und 21 Meter tief. Zu teuer, zu gross der Eingriff in Natur und Geografie, hiess es, und: Das kommt nie.

Istanbul werde das Trinkwasser ausgehen, sagt Ekrem Imamoglu, der Oberbürgermeister der Stadt.

Aber jetzt ist alles wieder da, der Traum und der Albtraum: Erdogan kündigte an, die Ausschreibungen für die Arbeiten an der künstlichen Wasserstrasse würden 2020 beginnen. Am 23. März schloss das türkische Umwelt- und Städtebauminis­terium seine Umweltprüfung «positiv» ab. Zwei Tage danach wetterte Ekrem Imamoglu, erst seit Juni Oberbürgermeister der 16-Millionen-Stadt und Hoffnung der Opposition: Istanbul werde das Trinkwasser ausgehen, weil dort, wo der Kanal verlaufen solle, die Wasservorräte der Stadt gespeichert seien. Die Bevölkerung der ­Megametropole aber werde wegen der geplanten Siedlungen entlang der Wasserstrasse um 1,2 Millionen Menschen wachsen, und auch das Erdbebenrisiko werde steigen.

«Von jeder Wissenschaftlichkeit entfernt», nannte Umweltminister Murat Kurum die Erdbebenangst – schliesslich lägen die für Istanbul gefährlichen Bruchlinien kilometertief in der Erde. Und die Bevölkerung werde nur um eine halbe Million zunehmen. Der Kampf um den Kanal ist zu einem politischen Machtspiel geworden.

Luxuswohnungen am Kanal

Imamoglu verwies auch auf die Grundbücher entlang der geplanten Route. Rund 3000 Hektaren seien schon an arabische Investoren verkauft: aus Kuwait, Katar und Saudiarabien. Es gibt Videos, mit arabischem O-Ton – darin werden Luxuswohnungen am Kanal vermarktet. Man sieht Moscheen, Brücken, Wasser­spiele. «Sie gründen einen arabischen Kanton», schimpfte Nadir Ataman, ein Stadtrat aus Imamoglus säkularer Partei CHP. Auch die Mutter des Emirs von Katar soll bereits grosse Flächen erworben haben. «Ist das etwa verboten?», fragte Erdogan und ergänzte: «Wenn es Hans und George wären», hätte doch niemand was dagegen.

Einsprachen in Istanbul

Der Präsident wischt alle Einwände vom Tisch. Der Kanal werde gebaut, sagt er. Basta. Die türkische Umweltstiftung Tema aber hat die Bürger Istanbuls aufgerufen, ihre Rechte auf Einspruch gegen das offizielle Umweltgutachten wahrzunehmen. Seit Tagen stehen Menschen Schlange vor der Behörde. Am Ende werde diese Schlange länger sein als der geplante Kanal, schrieb die politische Website OdaTV. Bis Mitte der Woche sollen die Pläne vorliegen.

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Erdogan argumentiert, der Bosporus brauche dringend Entlastung, die Meerenge sei einfach zu voll. Minister Kurum spricht von 150 Handelsschiffen am Tag, darunter viele Öltanker und ­Container-Riesen. Das ist weniger Verkehr als vor ein paar Jahren, aber immer noch viel. Dazu kommen lokale Fähren, Barkassen, Wassertaxis. Es gab bereits schwere Unfälle, auch tödliche: Schiffe rammten Restaurant-Tische, landeten in Schlafzimmern und Swimmingpools. Erst am Freitag schrammte ein 191 Meter langes Containerschiff in eine Uferstrasse. Menschen wurden nicht verletzt.

Nach dem seit 1936 geltenden Vertrag von Montreux darf die Türkei die Durchfahrt von Handelsschiffen nicht behindern. Bei einem gebührenpflichtigen Kanal könnte sie eigene Regeln ­aufstellen, aber auch kein Schiff zwingen, den Kanal zu nutzen. Allerdings müssen Schiffe vor der Durchfahrt durch den Bosporus häufig warten, das kostet die Reeder auch Geld.

Gestank nach faulen Eiern

Zu den Kosten des Kanals gibt es stark schwankende Angaben von umgerechnet 11 Milliarden Franken aufwärts. Auch das Zehn­fache wurde schon genannt. Ob türkische oder internationale Banken ein solches Gigaprojekt derzeit finanzieren würden, ist offen. «Deshalb würde ich mir keine Sorgen machen: Der Kanal wird nicht gebaut», twitterte ein Kritiker. Im regierungsnahen Sender A Haber haben sie aber schon in die Schatzkiste gegriffen und dieses Gerücht in die Welt gesetzt: Dort, wo der Kanal gebaut werden soll, seien zehn Schiffe vergraben, voll mit Gold von den Kreuzrittern.

Weniger märchenhaft klingt, was besorgte Wissenschaftler sagen: Sie fürchten um ein jahrtausendealtes Gleichgewicht: Weil das Schwarze Meer höher liegt als das Marmarameer, fliesst die Oberströmung im Bosporus von Nord nach Süd, eine Unterströmung transportiert salzhaltigeres Wasser des Marmarameers in die Gegenrichtung. Das Schwarze Meer ist am Grund tot.

Was heisst das, wenn der Austausch im Kanal nicht funktioniert? «Istanbul wird nach faulen Eiern stinken», warnte der Meeresforscher Cemal Saydam schon vor Jahren. Saydam startete 2013 eine Internetkam­pagne gegen den Kanal. Nur 20'000 Unterschriften kamen damals zusammen. «Ich kam mir vor wie Don Quijote», sagte Saydam ­dieser Zeitung. Nun wird der Wissenschaftler mit Fragen nach möglichen Umweltschäden regelrecht bestürmt.

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