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Eingerostet

Jeremy Corbyn zögert, Russland für den Anschlag auf den Agenten Sergej Skripal verantwortlich zu machen. Das Weltbild des Labour-Chefs dürfte auch diese Kollision mit der Realität überleben.

Hansjörg Müller, London
Die Denkerpose täuscht: Jeremy Corbyn ist noch nie als scharfsinniger Theoretiker aufgefallen.
Die Denkerpose täuscht: Jeremy Corbyn ist noch nie als scharfsinniger Theoretiker aufgefallen.
Keystone

Deutlicher sichtbar wurde der mentale Graben, der die britische Labour-Partei durchzieht, selten: Als Premierministerin Theresa May am vergangenen Mittwoch im Unterhaus den russischen Staat für den Anschlag auf den früheren Agenten Sergej Skripal verantwortlich machte und Sanktionen gegen Moskau ankündigte, erhoben sich Labour-Abgeordnete, um der konservativen Regierungschefin beizupflichten.

Vor ihnen, in der ersten Reihe der Oppositionsbänke, sass ihr Parteichef Jeremy Corbyn, 68, ziemlich alleine da. Die russische Mafia komme als mögliche Täterin nach wie vor in Betracht, erklärte er und wiederholte damit eine Theorie, der ausser ihm und seinem Sprecher Seumas Milne kaum noch einer anhängt.

Überrascht musste davon niemand sein. Wer ein Gegner Grossbritanniens oder des Westens ist, hat Corbyns Sympathie, egal ob er ein irischer Nationalist, ein militanter Islamist oder Herrscher im Kreml ist. Im Spectator zitierte der konservative Kolumnist Charles Moore George Canning, einen Premierminister des frühen 19. Jahrhunderts. Dieser hatte einen Spottvers über Engländer geschrieben, die seiner Meinung nach allzu viel Zuneigung für das revolutionäre Frankreich übrig hatten: «A steady patriot of the world alone, / The friend of every country but his own.» – «Ein Patriot nur, was die Welt angeht, / ein Freund aller Länder, nur seines eigenen nicht», das treffe auch auf den Labour-Chef zu, so Moore.

Eine Partei von Nostalgikern?

Bisher prallten derartige Vorwürfe an Corbyn ab, zuletzt Mitte Februar, als konservative Zeitungen berichteten, er habe in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre tschechoslowakische Spione getroffen. Corbyns junge Anhänger, so lautet eine immer wieder herumgebotene, ein wenig paternalistische Theorie, wüssten wenig bis nichts über den Kalten Krieg. Wladimir Putin hingegen, so hoffen Corbyns Gegner nun, dürfte der Jugend bekannt sein, und wenn auch nur von den Frontseiten der Gratiszeitungen.

John Mann, ein Labour-Abgeordneter und Kritiker seines Parteichefs, sieht es ganz anders: Das Bild von den jungen Corbyn-Fans sei ohnehin falsch, sagt er der Basler Zeitung. Tatsächlich sei das Durchschnittsalter der Labour-Mitglieder in den letzten Jahren gestiegen, ebenso deren Einkommen: Bei den meisten Neumitgliedern handle es sich nämlich um relativ gut situierte Altlinke, die sich ein Haus gekauft hätten, als das für Normalverdiener noch erschwinglich gewesen sei. Leute wie Corbyn selbst also, deren Weltbild in den Sechziger- und Siebzigerjahren geformt wurde und seither jede Kollision mit der Realität überlebt hat.

Damals war Sympathie für den Ostblock an britischen Universitäten weit verbreitet. Natürlich musste man, um den real existierenden Sozialismus gut zu finden, entweder ziemlich zynisch oder ein bisschen dämlich sein – oder vor vielem die Augen verschliessen. Doch zumindest waren die Regime Osteuropas nominell links, was man von Putins Amalgam aus Nationalismus, christlich-orthodoxer Frömmelei und Räuber-Kapitalismus kaum behaupten kann. Corbyn scheint dies nicht weiter zu stören. Als sonderlich scharfsinniger Theoretiker ist er ohnehin nie aufgefallen.

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