Eine politische Selbstinszenierung: Seehofer spielt Gott

Auch ein Innenminister sollte sich nicht anmassen, die absolute Sicherheit für Grenzen und Bahnhöfe zu versprechen.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) benutzte den traurigen Fall des Eritreers, der einen 8-jährigen Buben vor den Zug stiess, für eine politische Selbstinszenierung. Der Innenminister versprach das Blaue vom Himmel.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) benutzte den traurigen Fall des Eritreers, der einen 8-jährigen Buben vor den Zug stiess, für eine politische Selbstinszenierung. Der Innenminister versprach das Blaue vom Himmel.

(Bild: Keystone)

Helmut Hubacher

Der Fall ist bekannt. Ein Eritreer stösst am 29. Juli im Hauptbahnhof Frankfurt eine Mutter und ihren 8-jährigen Sohn unter einen Zug. Sie überlebt, der Bub ist tot.

Inzwischen wissen wir mehr. Der Täter lebt mit seiner Frau und den Kindern in der Schweiz. Er arbeitet in fester Anstellung und gilt als vorbildlich integriert. In letzter Zeit plage ihn der Verfolgungswahn. Die Polizei musste wegen Gewalt zu Hause intervenieren. Das ist inzwischen Routine-Alltag. Jedesmal an das Schlimmste denken zu müssen, geht einfach nicht. Das Motiv für die Tat ist näheren Bekannten ein ungläubiges Rätsel.

Ein Teil der Öffentlichkeit reagierte auf die Tat sofort fremdenfeindlich. Nach dem Muster: «Bub von Eritreer vor den Zug gestossen. Danke, ­Merkel.» Die Bundeskanzlerin sei schuld am Mord. Wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Unzählige haben ihre Hass­tiraden auf Twitter und Facebook sinngemäss bösartig formuliert.

Das Blaue vom Himmel

Innenminister Horst Seehofer (CSU) brach seine Ferien überraschend ab. Er benutzte den traurigen Fall für eine politische Selbstinszenierung. Der Innenminister versprach das Blaue vom Himmel. Die Kontrolle an der Schweizer Grenze werde massiv verstärkt. In den Bahnhöfen soll die Sicherheit optimiert werden. ­Nötigenfalls mit Investitionen in Milliardenhöhe.

Seehofer tut, als ob es die absolute Sicherheit gäbe. Damit nie mehr ein Täter aus der Schweiz einreisen und im Bahnhof keinen Menschen mehr vor den Zug stossen könne. Wie er das schafft, weiss er natürlich nicht. Er politisiert für den Moment. Nachher gilt das gebrochene Wort. Solches Scheingetue sorgt für den schlechten Ruf der Politik.

Am 12. 10. 1990 ist auf den CDU-Politiker Wolfgang Schäuble ein Attentat verübt worden. Ein Geistesgestörter hat dreimal auf ihn geschossen. Seither ist der heutige Präsident des Deutschen Bundestags querschnittsgelähmt im Rollstuhl.

Am 24. 3. 2015 hatte sich ein Pilot für das Unfassbare entschieden. Er steuerte sein Flugzeug über die ­französischen Alpen, um absichtlich abzustürzen. Er flog 150 Menschen in den Tod. Weder seine Vorgesetzten noch der Betriebsarzt hatten die psychische Krankheit des Piloten erkannt.

Solche Tragödien werden immer wieder passieren. Kein Politiker sollte sich anmassen, das Gegenteil zu versprechen. Es wird auch nicht aufhören, dass Menschen eine ­Tragödie für einen politischen oder persönlichen Zweck missbrauchen. Auch ein Innenminister sollte nicht die absolute Sicherheit für Grenzen und Bahnhöfe versprechen. Als ob er der liebe Gott wäre.

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