Ein Mann unter Beschuss

Der deutsche Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin sorgt mit Äusserungen zu Juden und Muslimen für Polemik. Nun hat Bundeskanzlerin Merkel reagiert.

Will nichts von einem Rücktritt wissen: SPD-Politiker und Bundesbank-Vorsteher Thilo Sarrazin.

Will nichts von einem Rücktritt wissen: SPD-Politiker und Bundesbank-Vorsteher Thilo Sarrazin.

(Bild: Keystone)

In Deutschland zieht der Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin mit immer neuen Aussagen zu Muslimen und nun auch Juden Empörung auf sich. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete Sarrazins Thesen am Sonntagabend als «vollkommen inakzeptabel» und forderte Konsequenzen.

Sarrazins Äusserungen seien «ausgrenzend» und machten «ganze Gruppen verächtlich», sagte Merkel in der ARD. Er erschwere dadurch die Auseinandersetzung mit dem Thema Integration. «Die Art und Weise, wie hier geredet wird, spaltet die Gesellschaft.»

Zugleich legte die Bundeskanzlerin der Bundesbank Konsequenzen nahe. Bei der Notenbank gehe es nicht nur um Geld. «Die Bundesbank ist für unser ganzes Land ein Aushängeschild», sagte Merkel. Die Bundesbank sei zwar unabhängig, betonte sie weiter. «Ich bin mir aber sicher, dass man auch in der Bundesbank darüber sprechen wird.» Laut «Spiegel online» wolle Bundesbank-Präsident Axel Weber nach seiner Rückkehr vom Notenbankertreffen in Jackson Hole am Montagnachmittag zu dem Fall Sarrazin Stellung nehmen.

Kritik von allen Seiten

FDP-Chef Guido Westerwelle und der Zentralrat der Juden warfen Sarrazin vor, Rassismus, Antisemitismus und Hass zu schüren. «Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen», kommentierte Westerwelle die Tiraden von Sarrazin.

Selbst von bisherigen Unterstützern schlug Sarrazin Ablehnung entgegen. SPD-Chef Sigmar Gabriel und Nahles hatten Sarrazin zuvor einen Parteiaustritt nahegelegt. Sarrazin selber will nichts von einem solchen Vorhaben wissen. Im Deutschlandfunk sagte er: «Ich bleibe in der SPD bis an mein Lebensende.»

«Ich teile Sarrazins Sorge um Deutschland»

Zuspruch bekam Sarrazin vom CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler. Die Kontroverse schade nichts. «Die Kritiker Sarrazins sollten nicht den Eindruck erwecken, dass sie einen Andersdenkenden am Aussprechen der Wahrheit hindern.»

Auch die in der Türkei geborene Autorin Necla Kelek nahm Sarrazin in Schutz: «Thilo Sarrazin leistet einen wichtigen Beitrag, indem er uns Muslime auffordert, über unsere Rolle in Deutschland zu reflektieren. Ihm Rassismus vorzuwerfen, ist absurd, denn der Islam ist keine Rasse, sondern Kultur und Religion. Ich teile Sarrazins Sorge um Deutschland.»

Sarrazins verwerfliche Aussagen

Sarrazin hatte mit Auszügen aus seinem Buch «Deutschland schafft sich ab», das heute erscheint, für heftige Reaktionen gesorgt. Am Sonntag legte er mit neuen Äusserungen zu Muslimen und Juden nach.

Muslime würden sich überall in Europa schlechter integrieren als andere Gruppen von Einwanderern, sagte er in einem Interview mit der «Welt am Sonntag» und der «Berliner Morgenpost». Die Zuwanderung wertete er indirekt als Bedrohung der genetischen Struktur der deutschen Bevölkerung und damit der deutschen Identität. Auf die Frage, ob es «auch eine genetische Identität» gibt, antwortete er: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.»

jak/sda/afp

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