Diskret, aber vernichtend

Grossbritanniens Botschafter in Washington, Sir Kim Darroch, ist ins Kreuzfeuer der Brexit-Befürworter geraten.

Sollte Boris Johnson britischer Premierminister werden, könnte er abgesetzt werden: Kim Darroch, Botschafter in Washington. Foto: PD

Sollte Boris Johnson britischer Premierminister werden, könnte er abgesetzt werden: Kim Darroch, Botschafter in Washington. Foto: PD

Hans Brandt@tagesanzeiger

Diskretion, ausgesuchte Höflichkeit, exzellente Kontakte, politischer Durchblick: Sir Kim Darroch hat den Gipfel seiner Karriere erreicht. Bekannt ist er nur in Fachkreisen – als Botschafter des Vereinigten Königreiches in den USA, also als oberster Pfleger der «Special Relationship», der besonderen Beziehungen zwischen den USA und Grossbritannien. Umso entsetzter muss der 65-Jährige sein, dass er weltweit in die Schlagzeilen geraten ist, dass einige britische Zeitungen ihn beschimpfen, andere ihn verteidigen und die Regierung in London ihn in Schutz nehmen muss.

Am Sonntag veröffentlichte die «Mail on Sunday» Auszüge aus diplomatischen Depeschen, die Darroch nach London geschickt hatte. Es geht um die Regierungsführung von Donald Trump – und das Urteil fällt vernichtend aus. Als «unfähig», «unsicher» und «ungelenk» beschreibt Darroch den US-Präsidenten. Das Weisse Haus sei «einzigartig dysfunktional». Die Zeilen stammen von Juni 2017, als Trump ein halbes Jahr im Amt war. Aber die veröffentlichten Geheimberichte reichen bis in die jüngste Vergangenheit. Sie handeln auch vom Staatsbesuch der Trump-Entourage in London im Juni – den Trump auf Twitter selbstgefällig zelebrierte.

Ihm droht die Absetzung durch Boris Johnson

Woher hat die Zeitung diese Unterlagen? «Das ist unprofessionell, unethisch und unpatriotisch», schimpfte Handelsminister Liam Fox. Die Suche nach dem Verantwortlichen läuft. Über die Motive für die Indiskretion kann allerdings kaum ein Zweifel bestehen: «Mail on Sunday» und die tägliche «Daily Mail» sind erzkonservative Boulevardblätter, die Grossbritanniens Austritt aus der EU mit allen Mitteln vorantreiben, die Brexit-Partei von Nigel Farage loben und Donald Trump feiern. Farage forderte prompt die Absetzung des Botschafters. Und gleich noch den Umbau der gesamten Verwaltung. «Wir brauchen eine grundlegende Beamtenreform», sagte Farage. Denn selbst wenn der Brexit umgesetzt werden sollte, sei der öffentliche Dienst immer noch von Leuten durchsetzt, die in der EU hätten bleiben wollen.

Auch Darroch wird als Freund Europas beschimpft. Er war von 2007 bis 2011 britischer Botschafter in Brüssel, danach Sicherheitsberater von Premierminister David Cameron. Noch vor der Brexit-Abstimmung ging er nach Washington. Darroch stammt aus einfachen Verhältnissen im wenig eleganten Norden Englands. Als brillanter Schüler gewann er ein Stipendium für eine renommierte Privatschule, studierte dann Zoologie und ging in den diplomatischen Dienst, wo er steil Karriere machte. Schon seit 2008 ist er «Sir Kim».

Was Darroch über Trump schrieb, ist alltäglich, nachzulesen in vielen Zeitungen. Darroch habe seinem Land «nicht gut gedient», meinte Trump. Er sei «kein grosser Fan von diesem Mann». Der Historiker Timothy Garton Ash twitterte hingegen: «Darroch hat einfach seine Arbeit getan.» Ihn abzusetzen, wäre «feige und erbärmlich» und würde den «Faragisten» in die Hände spielen. Sollte allerdings Boris Johnson neuer Premierminister in London werden (und damit ist zu rechnen), wird Darroch wohl kaum bis zu seiner regulären Pensionierung im Januar in Washington bleiben. Und auch andere führende Beamte müssten um ihre Posten bangen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt