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Die WG der Kriegsverbrecher

Im Gefängnis, in dem Ratko Mladic sitzt, leben einstige Todfeinde Tür an Tür. Trotzdem kommt es selten zu Konflikten. Einmal trug sogar ein Pullover dazu bei, dass zwei Widersacher das Kriegsbeil begruben.

Das Gefängnis im Den Haager Vorort Scheveningen: Hier kommt es zum Wiedersehen von Freunden – und einstigen Todfeinden.
Das Gefängnis im Den Haager Vorort Scheveningen: Hier kommt es zum Wiedersehen von Freunden – und einstigen Todfeinden.
AFP
Auf dem Weg nach Den Haag: Mladic wird mit einem Helikopter ins Gefängnis gebracht.
Auf dem Weg nach Den Haag: Mladic wird mit einem Helikopter ins Gefängnis gebracht.
AFP
... soll dem kroatischen Ex-General Ante Gotovina einen Pullover geliehen haben, als dieser frierend von den Kanarischen Inseln im Gefängnis von Den Haag eintraf.
... soll dem kroatischen Ex-General Ante Gotovina einen Pullover geliehen haben, als dieser frierend von den Kanarischen Inseln im Gefängnis von Den Haag eintraf.
Keystone
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Gleich drei Flügel sind für sie reserviert: Die mutmasslichen Kriegsverbrecher aus Serbien, Bosnien und Kroatien, die während des Balkankriegs angeblich Tausende Menschen ermorden liessen, leben im Gefängnis im niederländischen Scheveningen Tür an Tür. Der neuste prominente Insasse ist der Serbe Ratko Mladic, der das Massaker von Srebrenica angeordnet haben soll. «The Hague Hilton» nennt der britische «Telegraph» das Gefängnis spöttisch. Und die Zeitung mokiert sich darüber, dass im Vorort von Den Haag plötzlich das möglich ist, was in den 90er-Jahren auf dem Balkan offenbar undenkbar war: die Koexistenz verschiedener Nationalitäten und Ethnien.

Freiwillig haben sich die vom UN-Tribunal gesuchten Männer natürlich nicht in Den Haag einquartiert. Trotzdem funktioniert das Zusammenleben offenbar ganz gut. «Wir trennen die Gefangenen nicht nach Herkunft, Religion oder Nationalität», sagt ein Sprecher der UNO gegenüber der britischen Zeitung. Trotzdem habe es nie Spannungen unter den Inhaftierten gegeben. Die Gefangenen könnten durchaus beantragen, von anderen Insassen getrennt zu werden. Aber diese Massnahme habe man bisher nur ergriffen, wenn die Gefahr bestanden habe, dass sich die Angeklagten vor einem Prozess absprechen würden.

Geschenke an den Kriegsfeind

So wird vermutlich auch Ratko Mladic nicht in Isolationshaft sitzen, sondern sich mit den übrigen 36 Gefangenen austauschen können, die während des Kriegs auf dem Balkan zwischen 1992 und 1995 erbitterte Feinde waren. Glaubt man Berichten früherer Häftlinge, wird es wohl auch dieses Mal nicht zu Konflikten kommen. Im Gegenteil: Sefer Halilovic, ein bosnischer Muslim und Armeechef, der vier Jahre lang in Den Haag im Gefängnis sass, zeichnet das Bild eines munteren WG-Lebens in Scheveningen. 2005 löste er in der Öffentlichkeit mit einem Bericht, wie die mutmasslichen Kriegsverbrecher in Haft zusammenleben, Überraschung aus. An religiösen Feiertagen hätten sie untereinander Geschenke ausgetauscht, schrieb er. «Der Krieg trennte uns und Den Haag führte uns wieder zusammen.»

Einen Teil des Tags verbringen die Gefangenen in Einzelhaft, einen Teil können sie mit den übrigen Häftlingen verkehren. Die Männer würden die gleichen Bücher lesen, zusammen diskutieren und kochen, berichtet Halilovic. Der frühere mazedonische Innenminister Ljube Boskovski, der ebenfalls vier Jahre in Scheveningen verbrachte, erinnert sich an eine besonders herzliche Geste, die sich zwischen dem kroatischen General Ante Gotovina und dem Serben Slobodan Milosevic zugetragen haben soll. Die beiden waren während des Kriegs Todfeinde. Doch als Milosevic seinen einstigen Widersacher sah, wie er nach seiner Festnahme auf den Kanarischen Inseln schlotternd im kalten Den Haag sass, soll er ihm seinen Pullover ausgeliehen haben. «Dann war das Problem zwischen ihnen gelöst», behauptet Boskovski.

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