Die Spitze der ’Ndrangheta ist kaltgestellt

Italiens Polizei hat über 300 Mitglieder der kalabresischen Mafia verhaftet, auch die Nummer eins.

’Ndrangheta-Boss Domenico Oppedisano wird abgeführt.

’Ndrangheta-Boss Domenico Oppedisano wird abgeführt.

(Bild: Keystone)

René Lenzin

Sie heissen Domenico Oppedisano und Pino Neri. Der Erste, bereits 80-jährig, soll seit einem Jahr der oberste Boss der ’Ndrangheta im Stammgebiet Kalabrien sein, der Zweite ihr Verbindungsmann in der Lombardei. Diese beiden grossen Fische gingen der italienischen Polizei gestern ins Netz, als sie in einer landesweit koordinierten Aktion 304 mutmassliche Angehörige der kalabresischen Mafia festnahm. Die 3000 an der Razzia beteiligten Polizisten beschlagnahmten zudem Liegenschaften, Autos, Bargeld und weitere Wertsachen im Umfang von «mehreren zehn Millionen Euro», wie die Behörden mitteilten.

In den letzten Monaten haben Italiens Sicherheitskräfte immer wieder Grossaktionen gegen die organisierte Kriminalität durchgeführt und unter anderen wichtige Bosse der neapolitanischen Camorra dingfest gemacht. Der gestrige Schlag gegen die Mafia war aber der weitaus grösste der letzten Jahre. Er ist umso bedeutungsvoller, als der Kampf gegen die ’Ndrangheta wegen deren Clanstrukturen schwieriger ist als derjenige gegen die Camorra oder die sizilianische Cosa Nostra.

Riesig im kriminellen Geschäft

Die ’Ndrangheta ist in den 90er-Jahren zur mächtigsten kriminellen Organisation Europas mit einem geschätzten Jahresumsatz von 44 Milliarden Euro aufgestiegen im Schatten der Cosa Nostra, auf deren Verfolgung sich der italienische Staat damals konzentrierte. Mehr als die Hälfte ihres Umsatzes erwirtschaftet sie heute mit dem Kokainhandel, den sie zusammen mit den lateinamerikanischen Drogenkartellen beherrscht.

Seit den 70er-Jahren hat die ’Ndrangheta ihre Aktivitäten nach Norditalien und ins Ausland ausgedehnt. Mit ihrem ursprünglichen Kerngeschäft Entführungen und Schutzgelderpressungen – hat sie sich jenes Kapital beschafft, mit dem sie zunächst in den Drogenhandel und anschliessend in andere Wirtschaftszweige einsteigen konnte.

Lombardische Wirtschaftsmonopole

Heute gilt Mailand als Finanz- und Wirtschaftszentrum der ’Ndrangheta. Die Ermittlungen, die zu den gestrigen Razzien führten, waren ein Gemeinschaftswerk der Anti-Mafia-Staatsanwälte von Reggio Calabria und Mailand. Im Zentrum ihrer Ermittlungen stand die Eroberung und Durchdringung der lombardischen Wirtschaftsmetropole durch die kalabresischen Clans. Vor allem im Bauwesen hat die ’Ndrangheta den Staatsanwälten zufolge Fuss gefasst. Sie sei bereits daran gewesen, sich in die Auftragsvergabe für die Weltausstellung von 2015 einzuschleusen.

Aufgrund ihrer ausführlichen Untersuchungen konnten die Ermittler auch interne Vorgänge der ’Ndrangheta rekonstruieren. So vermögen sie auch eine neue Erklärung für die Ermordung des Clanchefs Carmelo Novello im Juli 2007 zu liefern. Ursprünglich waren die Behörden davon ausgegangen, dass Novello einer Abrechnung unter den Clans zum Opfer gefallen sei. Nun hat sich gezeigt, dass Novello versucht hatte, die ’Ndrangheta-Ableger im Norden zu verselbstständigen und von der Kontrolle aus Kalabrien zu befreien. Daher habe er sterben müssen und sei als Statthalter in der Lombardei durch den gestern verhafteten Pino Neri ersetzt worden, sagen die Ermittler.

Fruchtbarer Nährboden bleibt

Grosse Genugtuung über die Anti-Mafia-Aktion zeigte Italiens Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord. «Wir haben die ’Ndrangheta in ihrem Herzen getroffen», sagte er. Wie nachhaltig der Schlag das organisierte Verbrechen trifft, wird sich allerdings noch weisen müssen. Eher skeptisch äussert sich Luciano Violante, der frühere Präsident der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, gegenüber der Tessiner Tageszeitung «La Regione». Solange sich die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in den Stammgebieten der Mafia nicht änderten, werde diese in der Lage bleiben, ihre Strukturen zu erhalten und ihre verhafteten Chefs zu ersetzen, erklärte Violante.

Tages-Anzeiger

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