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Die SPD entsorgt ihre Geschichte

Aus der ehemals stolzen Partei ist eine Lachnummer geworden. Pleiten, Pech und Pannen prägen ihr tristes Dasein.

Nun entsorgt sie auch noch ihre Geschichte.
Nun entsorgt sie auch noch ihre Geschichte.
Ralph Peters

Seit Christian Constantin im Jahr 2003 zum zweiten Mal das Präsidium des FC Sion übernommen hat, wirkten 43 verschiedene Trainer im Stade de Tourbillon. Darunter findet man bekannte Namen: Admir Smajic, Gilbert Gress, Marco Schällibaum, Vladimir Petkovic, Raimondo Ponte, Uli Stielike, Umberto Barberis und ab August 2018 nun auch noch Murat Yakin. Da Constantin nicht nur Präsident, sondern auch Besitzer des Walliser Fussballklubs ist, gehen solche Wechsel jeweils kurz und schmerzlos über die Bühne. Ticken Parteien ähnlich?

Der Vergleich mag gewagt sein, die Parallelen aber sind nicht zu übersehen. Nach Kurt Schumacher (1946–1952) und Erich Ollenhauer (1952– 1963) wurde Willy Brandt Parteivorsitzender der SPD. Er blieb bis zu seinem Rücktritt 1987 volle 23 Jahre im Amt. Auf den Bundeskanzler, Friedensnobelpreisträger und Präsidenten der Sozialistischen Internationale folgten 12 Sukzessoren. Von unterschiedlicher Qualität und mehr oder weniger langer Ausdauer: Hans-Jochen Vogel, Björn Engholm, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Matthias Platzeck, Kurt Beck, nochmals Franz Müntefering, Sigmar Gabriel, Martin Schulz und schliesslich Andrea Nahles. Für wie lange wohl?

In dieser Zeit ist die Mitgliederzahl der SPD um mehrere Hunderttausend Genossinnen und Genossen geschmolzen, ihr Wähleranteil hat sich mehr als halbiert. In einigen Umfragen landet sie noch hinter der AfD auf dem dritten Platz. Aus der ehemals stolzen Partei ist eine Lachnummer geworden. Pleiten, Pech und Pannen prägen ihr tristes Dasein. Sie wird nicht geführt, sondern vorgeführt. Nun entsorgt sie auch noch ihre Geschichte. Von der Öffentlichkeit unbemerkt und den Parteimitgliedern achselzuckend zur Kenntnis genommen, hat die neue Vorsitzende die Historische Kommission der SPD aufgelöst und das notleidende Budget der Partei damit um 20'000 Euro jährlich entlastet.

Als die Kommission von Willy Brandt 1981 gegründet wurde, steckte die Partei wieder einmal in einer «Krise der Sozialdemokratie». Das Ende der Regierungsbeteiligung und eine lange Phase auf der harten Oppositionsbank kündigten sich an. Noch zu ihrem 150. Geburtstag formulierte die Partei, «sozialdemokratische Politik der Gegenwart und Zukunft sollte stets in Erinnerung an die Geschichte der Sozialdemokratie betrieben werden. Aus ihr lässt sich Orientierung und Selbstbewusstsein gewinnen, und aus ihren Fehlern und Irrtümern können politische Gestalter lernen.» Franz Walter, einer der besten Kenner der SPD, schreibt, es habe immer Zeiten gegeben, da «waren Geschichte und Erinnerung ein Kraftquell, bildeten einen Damm gegen Erosion und Entmutigung, lieferten Klebstoff für den Zusammenhalt, stützten das Dach über den streitenden Flügeln.» Aber, so der Parteienforscher: «Nimmt man die SPD heute, so ist sie sicher nicht mehr durch eine Überlast der Geschichte gefährdet.»

Insofern ist die Auflösung der Historischen Kommission ein verheerendes Symbol für die Geschichtslosigkeit und das fehlende Traditionsbewusstsein der Partei. Es geht nicht darum, ein Museum der Vergangenheitsverklärung zu errichten. Aber wer aus Spargründen den Parteikassier mit der Pflege des Geschichtsverständnisses beauftragt, hat die Zukunft bereits hinter sich.

Eine politische Partei funktioniert eben doch anders als ein Fussballklub. Würde man meinen.

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