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Die Schande von Connewitz

An Silvester nahm die Gewalt gegen Rettungskräfte neue Ausmasse an. Politik und Presse haben Mühe mit der Aufarbeitung.

Enthemmte Gewalt: Polizisten im Einsatz an der Leipziger Silvesternacht. Foto: Sebastian Willnow (Keystone)
Enthemmte Gewalt: Polizisten im Einsatz an der Leipziger Silvesternacht. Foto: Sebastian Willnow (Keystone)

Silvester in Ostdeutschland: Linksextreme randalieren, zerstören, wenden Gewalt an. Die Polizei reagiert und muss Verletzte verzeichnen. Die Aufarbeitung der Geschehnisse in Leipzig fällt der deutschen Presse und Politik schwer.

Im Zusammenhang mit den Krawallen in der Silvesternacht im Stadtteil Connewitz machte die Polizei die Aussage, dass ein Beamter ­während der Ausschreitungen mit Linksextremen schwer verletzt ­worden sei. Er habe notfallmässig operiert werden müssen. Der Helm sei ihm abgenommen worden. Vermutlich vom Kopf gerissen.

Besuch im Krankenhaus

Prompt reagierte die deutsche Presse mit Relativierungsversuchen. Die TAZ stahl sich in das Krankenhaus, wo der verletzte Beamte behandelt wurde. Fazit: Alles halb so schlimm. Er sei «nur» unter lokaler Betäubung am Ohr operiert worden. Neo-SPD-Chefin Saskia Esken half auch gleich mit: «Sollte eine falsche Einsatztaktik Polizistinnen und Polizisten unnötig in Gefahr gebracht haben, liegt die Verantwortung dafür beim ­sächsischen Innenminister.» Die Partei Die Linke schloss sich Esken und der TAZ an. Doch dann kam die «Zeit», und die Aufarbeitung der Vorfälle nahm neue Ausmasse an.

Den Journalisten der Zeitung wurde ein Video der Silvesternacht zugespielt – und was darauf zu sehen ist, verschlägt einem die Sprache.

Die Schlacht von Connewitz

In Connewitz tobt eine Strassenschlacht. Der Zuschauer befindet sich an einer Strassenkreuzung. Von allen Seiten werden Feuerwerksraketen von vermummten Personen ganz in Schwarz abgeschossen. Überall stehen Menschen, die laut rufen un ­Polizisten als «Schweine» betiteln. Eine Gruppe von Extremisten zündet Raketen, während sie sich ­systematisch zurückzieht. «Feuer und ­Bewegung» nennt man das im Militär. Dann schwenkt die Kamera. Man sieht zwei Polizisten, die einen Kollegen auf die Strasse ziehen, der anscheinend nicht mehr gehen kann.

Doch sie kommen nicht weit. Aus der Masse löst sich ein Mann, der auf die Polizisten eintritt. Im Vordergrund wird ein Beamter zu Boden geworfen. Hinter ihm einer der Polizisten, die dem Kollegen helfen wollten, ebenfalls. Gleichzeitig geht ein Schauer an Feuerwerk auf den Beamten am Boden nieder. Gezielt wird Feuerwerk auf den Kopf des Mannes abgeschossen. Irgendwann bewegt er sich nicht mehr. Zwei Polizisten packen ihn unter den Armen und ziehen ihn geschwind aus der Gefahrenzone. Währenddessen geht ein weiterer Beamter zu Boden und krümmt sich. Dann endet das Video.

Das Fazit der «Zeit»-Journalisten

Bei der «Zeit» braucht es drei Journalisten, die dieses einminütige Video analysieren. Ihr Fazit: Die Polizei lügt! Weshalb? Der Beamte, der bewusstlos liegen geblieben sei, habe – anders, als es die Polizei Sachsen behauptete – seinen Helm aufgehabt. Zudem behaupten die Autoren, dass es keinen «orchestrierten Angriff» auf die ­Polizei gegeben habe.

Das Erste, was dem Zuschauer jedoch auffällt und auch bleibt, ist, wie masslos und komplett unverhältnismässig die Gewalt dieser Linksextremisten gegen die Beamten ist. Als wären sie von Sinnen, prügeln sie auf Polizisten ein. Schiessen Raketen auf einen zusammengebrochenen Mann, der verletzt auf der Strasse liegt, und greifen diejenigen an, die dem Mann zu Hilfe eilen. Das ist es, was empören sollte.

Wie am Laufband publizieren Autoren ­in Deutschland Relativierungen des Geschehens.

Dass die Polizei aufgrund des ­heil­losen Durcheinanders an dieser ­Strassenkreuzung unpräzise, falsche Meldungen macht und vielleicht vorschnell kommuniziert hat, ist unüberlegt und problematisch. Die Polizei zum Täter zu machen, nicht minder. Doch genau das wird ­momentan in Deutschland getan. Wie am Laufband publizieren Autoren ­Relativierungen des Geschehens. Bei der «Zeit» sind es gleich zwei. Eine Autorin nennt das Zusammenstossen der Polizei mit den Linksextremen eine «unfiligrane Begegnung». ­Blanker Hohn.

Freilich wird links von der politischen Mitte und in einigen führenden ­deutschen Medientiteln konsequent das Wort linksextrem vermieden. Etwa genauso konsequent, wie sie die Bezeichnung rechtsextrem für vermeintliche oder tatsächliche extremistische Aktivisten und Politiker der mit Braunfäule befallenen AfD verwenden.

«Wächter der Demokratie»

Es ist richtig, dass Presse und Politik den Behörden streng auf die Finger schauen. Die intensive Kontrolle staatlicher Instanzen ist eine Hauptaufgabe jeder demokratischen Nation. Genauso wichtig ist es, wenn die «Wächter der Demokratie», wie sich die deutsche Presse immer wieder selbst bezeichnet, diejenigen, die autoritären, menschenfeindlich-­kollektivistischen Weltbildern nacheifern, als das benennen, was sie sind: gewalttätige Extremisten. In diesem Fall Linksextremisten.

Zudem wird von einigen linken Politikern das Argument ins Feld geführt, die Polizei habe mit ihrer grossen Präsenz eben auch provoziert. Wer das Erscheinungsbild eines oder mehrerer Polizisten als «Provokation» definiert, gewährt tiefe Einblicke ins eigene politische Weltbild. Nur Menschen, die den demokratischen Rechtsstaat und seine Verfassung verachten, erkennen in der Gestalt eines Polizisten eine Provokation, die es anzugreifen gilt.

Aus Linksextremen werden «Linke»

Dass sich TAZ und «Zeit» um das Wort Linksextreme foutieren und simpel von Linken sprechen, nährt den Boden für die Akzeptanz von Gewalt ­gegenüber Rettungskräften und ist letztlich auch ein Versuch der ­Relativierung ebendieser. So wird suggeriert, dass ein «normaler» ­Linker auch gleichzeitig Gewalt legitimiert und dass Angriffe auf Rettungskräfte Teil von linkspolitischer ­Programmatik seien.

Wer zudem von Beamten in ihrer Kommunikation Ehrlichkeit und Präzision fordert, ihren Einsatz und ihre Verletzungen aber mit irgendwelchen Relativierungen im Tenor von «Mensch, wieso hat denn der Polizist seinen Helm nicht auf? Ist ja auch gefährlich hier draussen» verharmlost, hat in dem Glashaus, in das er sich selbst hineingesetzt hat, gleich alle Scheiben zerdeppert.

Was den Polizisten widerfahren ist, ist eine Schande. Wie einige deutsche Medienhäuser über diese Ausschreitungen berichteten, ist eine Schande. Die Schande von Connewitz.

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