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Die provokative Show von Sarrazin

Der deutsche Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat heute sein umstrittenes Buch veröffentlicht. Der Zahlenmensch gilt als fachlich brilliant, persönlich jedoch schwierig. Sein Werk löst nicht nur Entrüstung aus.

reh
Thilo Sarrazin zieht Bilanz: Es war nach seinem Empfinden ein Jahr, in dem ihn die Elite ausstiess und die Bevölkerung auffing.
Thilo Sarrazin zieht Bilanz: Es war nach seinem Empfinden ein Jahr, in dem ihn die Elite ausstiess und die Bevölkerung auffing.
Keystone
Sarrazin setzte sich mit seinen Äusserungen zur mangelnden Integrationswilligkeit von Muslimen dem Verdacht des Rassismus aus. Demonstranten in Potsdam am 9. September.
Sarrazin setzte sich mit seinen Äusserungen zur mangelnden Integrationswilligkeit von Muslimen dem Verdacht des Rassismus aus. Demonstranten in Potsdam am 9. September.
Keystone
Am 6. September, ebenfalls in Berlin. Der Vorstand hatte bereits bekannt gegeben, dass er seinerseits sich von Sarrazin trennen möchte.
Am 6. September, ebenfalls in Berlin. Der Vorstand hatte bereits bekannt gegeben, dass er seinerseits sich von Sarrazin trennen möchte.
Keystone
Am 2. September hatte sich der Vorstand der Bundesbank zur Krisensitzung getroffen.
Am 2. September hatte sich der Vorstand der Bundesbank zur Krisensitzung getroffen.
Keystone
Am 31. August verteidigte sich Sarrazin bei «Beckmann» gegen den Vorwurf, er sei ein Rassist.
Am 31. August verteidigte sich Sarrazin bei «Beckmann» gegen den Vorwurf, er sei ein Rassist.
Keystone
Thilo Sarrazin bei seiner Buchvernissage in Berlin.
Thilo Sarrazin bei seiner Buchvernissage in Berlin.
Keystone
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«Die Kinder schrei’n, die Eltern flieh’n, da hinten kommt der Sarrazin.» Mit solchen Sprüchen protestierten Berliner Bürger 2004 angesichts des knallharten Sparkurses gegen Finanzsenator Thilo Sarrazin. Der 65-jährige, der derzeit wegen seines heute erschienenen, äusserst umstrittenen Buchs im Gespräch ist, war in den letzten Jahren immer wieder für eine Schlagzeile gut.

So liess er verlauten, bayrische Schüler ohne Abschluss seien kompetenter als Berliner Schüler mit Abschluss. 2008 stellte er ein Menü für Hartz-4-Empfänger zusammen, das für 4,25 Euro nicht nur satt machen sollte, sondern auch gesund ist. Er selbst, so gab er an, würde jederzeit für 5 Euro pro Stunde arbeiten gehen. Dies, während sich seine Partei, die SPD, für einen Mindestlohn von 7.5 Euro einsetzte. Die Rentenförderung bezeichnete er als «völlig unsinnige Massnahme» und Trainingshosen auf Berliner Strassen empfand er als einen bedauerlichen Ausdruck der «inneren Haltung». Auch über übergewichtige Arbeitslose und übel riechende Beamte liess er sich unverblümt aus.

Tatsachen könnten nicht wehtun

Zahlenmensch Sarrazin hat sich der Wahrheit verschrieben, die nicht selten etwas subjektiv geprägt ist und bei deren Äusserung er nicht immer sachlich bleibt. Seine provokativen Thesen begründet er mit seinem Anspruch, eben diese Wahrheit zu präsentieren: «Die Ansprache von Tatsachen als solche kann niemals verletzen», glaubt er.

Seine Rolle als leidenschaftlicher Provokateur scheint dabei eher ungewollt. Sarrazin sieht sich als Analyst, der die Politik nicht einmal als die «eigene Zunft» empfindet. «Ich sage meine Dinge», sagt Sarrazin im Interview mit der «Berliner Morgenpost». Und dies als «Verfechter eines modernen, nach vorne weisenden Sozialstaats, der für maximale Chancengleichheit und ein vernünftig zu verwirklichendes Mass an sozialer Gerechtigkeit ist».

«Für den Staat ein Schnäppchen»

Der Sohn einer Hugenottenfamilie aus dem Burgund, der sein Volkswirtschaftsstudium mit magna cum laude beendete, trat 1975 in den öffentlichen Dienst ein, diente fünf Bundesfinanzministern und machte sich schon dabei einen Namen als Mann fürs Harte, der sich selten diplomatisch gibt. Von 2002 bis 2009 war der verheiratete Vater zweier Töchter Finanzsenator in Berlin, wo sein Name zum Synonym für den Sparkurs wurde, danach Vorstand der Bundesbank. Er selbst sei «über weite Strecken» ein schwieriger Schüler gewesen, sagt er, weil er gern seinen eigenen Weg gehe und nicht einen vorgegebenen Pfad befolge.

Unter Kollegen gilt er als fachlich brillant, persönlich jedoch als schwierig. Dass er fast immer mit Zahlen argumentiert, beweist er in der «Berliner Morgenpost»: «Ich finde, ich habe bis heute ziemlich viel gearbeitet. Ich habe mal ausgerechnet: Dem Land Berlin habe ich über sieben Jahre als Finanzsenator 870’000 Euro Personalkosten verursacht und dafür den Haushalt saniert. Für den Betrag können Sie ein mittelstarkes McKinsey-Team, das die Verwaltung im Axel-Springer-Verlag untersucht, drei Monate bezahlen. Ich war für den Staat ein Schnäppchen.»

«Ich bin kein Rassist»

Obwohl Sarrazin mit seinem Buch und den Äusserungen im Vorfeld noch heftigere Kritik als früher ausgelöst hat, bleibt er auch in aktuellen Interviews kämpferisch: «Ein Buch, das kaum einer liest, hätte den damit verfolgten Zweck nicht erreicht.»

Dass er kein Rassist sei, musste er in den letzten Tagen mehrfach betonen. Den Verdacht hat er damit nur formell ausgeräumt. Denn er besteht weiterhin darauf, dass der islamische kulturelle Hintergrund der Zuwanderer dafür verantwortlich ist, dass diese sich so schlecht integrieren.

Das Buch enthalte Aussagen, die er schon immer öffentlich vertreten habe, aber auch Analysen und Feststellungen, die er im Amt des Berliner Finanzsenators nicht öffentlich ausgesprochen habe. «Ich habe nie den Anspruch erhoben, ein Tabu zu brechen.»

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