Die ’Ndrangheta AG

Demnächst dürfte es in der Schweiz zum ersten grossen Prozess gegen die kalabresische Mafia kommen. Als mächtigste kriminelle Organisation der Welt beherrscht sie den globalen Kokainhandel.

Deutsche Polizisten neben einer abgedeckten Leiche: Die ’Ndrangetha ermordete im Sommer 07 in Duisburg sechs Italiener.

Deutsche Polizisten neben einer abgedeckten Leiche: Die ’Ndrangetha ermordete im Sommer 07 in Duisburg sechs Italiener.

(Bild: Keystone)

René Lenzin

Zwei aktuelle Meldungen aus der «Cronaca», der Rubrik der italienischen Zeitungen für Vermischtes, Unfälle und Verbrechen: In Busto Arsizio, nördlich von Mailand, stehen 14 mutmassliche Mitglieder eines ’Ndrangheta-Clans vor Gericht. Sie sind der Schutzgelderpressung in den Provinzen Mailand und Varese angeklagt. 50 Opfer, meist Kleinunternehmen oder Einzelfirmen, haben die Anti-Mafia-Staatsanwälte ausgemacht. Nur eines davon ist bereit, vor Gericht auszusagen. Und nur drei haben sich als Zivilkläger zum Prozess angemeldet.

In Kalabrien hat die Polizei 52 mutmassliche Mitglieder der ’Ndrangheta festgenommen. Sie sollen bei der Sanierung der Autobahn Salerno–Reggio Calabria für jede Auftragsvergabe drei Prozent der veranschlagten Kosten kassiert haben. Unter den Verhafteten befinden sich vier Frauen, die – stellvertretend für ihre verurteilten Männer – als Clan­chefinnen agiert haben sollen.

Kriminelles Netzwerk in der ganzen Welt

Diesen beiden Meldungen lassen sich bereits recht viele Informationen über die ’Ndrangheta entnehmen: Ihr Stammgebiet ist die süditalienische Region Kalabrien, wo sie immer noch aktiv ist. Längst hat sie aber ihr Unwesen nach Norditalien und in die ganze Welt ausgedehnt. Gross geworden ist sie mit Entführungen und Schutzgelderpressung. Noch heute sind dies lukrative Geschäftszweige, auch wenn der Drogenhandel inzwischen ihre wichtigste Umsatzquelle darstellt.

Die Clanstruktur der ’Ndrangheta beruht fast ausschliesslich auf familiären Banden. Immer häufiger übernehmen auch Frauen eine aktive Rolle. Ermittlungen gegen die ’Ndrangheta sind schwierig. Einerseits weil viele Opfer aus Angst schweigen, anderseits weil grosse Teile von Wirtschaft und Gesellschaft die Mafia als Teil der Realität akzeptiert haben.

Aktivitäten auch in der Schweiz

Die ’Ndrangheta ist zur weltumspannenden Firma geworden, die pro Jahr 44?Milliarden Euro umsetzt, davon mehr als die Hälfte im Drogenhandel. Das entspricht drei Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung im Inland. Die kalabrische Mafia dürfte auch in der Schweiz aktiv sein. Davon gehen jedenfalls die Bundesbehörden aus, wie der jüngste Bericht zur inneren Sicherheit zeigt: «Die ’Ndrangheta ist in der Schweiz eine der aktivsten kriminellen Organisationen. Sie konzentriert sich auf den Handel mit Kokain und Waffen, auf Geldwäscherei und Betrug. Sie investiert ins Baugewerbe, den Immobilienhandel und das Gastgewerbe. Die Grenzkantone wie etwa Tessin und Wallis sind besonders betroffen», heisst es im Bericht. Allerdings sind diese mutmasslichen Aktivitäten weder näher beschrieben noch quantifiziert.

Bisher gab es zudem kaum Gerichtsverfahren, deren Akten Hinweise auf das Ausmass mafiöser Geschäfte in der Schweiz liefern könnten. Zwar verurteilte das Bundesstrafgericht in Bellinzona im vergangenen Oktober eine im Tessin ansässige Kokainschmugglerbande, deren Kopf die Richter als Mitglied eines Mailänder ’Ndrangheta-Ablegers betrachteten. Doch handelte es sich um keine eigentliche Mafiazelle in der Schweiz. Demnächst könnte es allerdings erstmals zur Anklage gegen eine mutmasslich hierzulande aktive Gruppe der kalabrischen Mafia kommen.

Keine romantische Bettlermafia

Die ’Ndrangheta habe in den vergangenen Jahren «still und leise die Führung im organisierten Verbrechen in Italien übernommen», sagte Nicola Gratteri, Anti-Mafia-Staatsanwalt in Reggio Calabria, kürzlich in einem Interview. Was macht ihre Stärke aus? Laut Gratteri haben viele Leute ein falsches, romantisierendes Bild der ’Ndrangheta. Sie werde immer noch als eine Art «Bettlermafia bezeichnet, von der man nur im Zusammenhang mit Entführungen in Kalabrien spricht». Doch sei sie längst modern und weltweit tätig.

Gleichzeitig habe die ’Ndrangheta aber ihre lokale Verankerung wahren können und halte auch an alten Ritualen fest. Das schaffe Identität. So pflege die ’Ndrangheta bewusst ihre Aufnahmeriten, die bis ins 16.??Jahrhundert zurückgingen. «Das», so Gratteri, «garantiert auch denen, die nur mit Skype telefonieren, um nicht abgehört zu werden, das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Organisation mit antiken Wurzeln.» Zum selben Befund kommt Nando Della Chiesa: «Die ’Ndrangheta ist zwar globalisiert, hat aber ihre Stärke in der ländlichen, kleinräumigen Struktur Kalabriens.» Als Professor für die Soziologie der organisierten Kriminalität gehört er zu den profundesten Mafiaexperten Italiens. Sein Vater war 1982 als Präfekt von Palermo von der sizilianischen Cosa Nostra erschossen worden.

Laut Della Chiesa konnte die ’Ndran­gheta im Schatten der Cosa Nostra wachsen. In den 90er-Jahren sei der Staat vor allem mit der sizilianischen Mafia beschäftigt gewesen, die ihm mit ihrem Bombenterror einen eigentlichen Krieg geliefert habe. Davon profitiert hätten andere kriminelle Organisationen wie Camorra und ’Ndrangheta, die viel unauffälliger agierten. Tatsächlich meidet die ’Ndrangheta offene Auseinandersetzungen mit dem Staat, weil dies bloss die Geschäfte stören würde. Gerät sie trotzdem einmal in die Schlagzeilen – wie etwa beim sechsfachen Mord in Duisburg im Sommer 2007 – handelt es sich meist um Abrechnungen innerhalb oder zwischen den einzelnen Clans.

Es gibt keinen Boss der Bosse

Laut Mafia-Ermittler Gratteri gibt es derzeit etwa 170 ’Ndrangheta-Clans mit je etwa 1500 Angehörigen. Im Gegensatz zur Cosa Nostra sei die ’Ndrangheta föderalistisch aufgebaut und kenne weder hierarchische Strukturen noch einen «Boss der Bosse». Zwar gebe es jährliche Treffen der Clanchefs im kalabrischen San Luca. Aber diese hätten vor allem «den Zweck, Konflikte zu vermeiden». Laut Berichten der italienischen Anti-Mafia-Behörden sind allein in der Region Kalabrien über 150 Clans tätig, davon mehr als die Hälfte in der Provinz Reggio Calabria. Zwischen 1991 und 2009 hat der italienische Zentralstaat in Kalabrien 34 Gemeindebehörden wegen mafiöser Infiltrierung aufgelöst. Allein dies zeigt, wie stark die ’Ndrangheta das süditalienische Armenhaus durchdrungen hat.

Nando della Chiesa anerkennt, dass der Staat bei der Verfolgung der Mafia «wirklich Fortschritte gemacht hat». Allerdings beschränkten sich diese weitgehend auf die Cosa Nostra. Bei der ’Ndrangheta seien nachhaltige Erfolge viel schwieriger, weil diese dank der familiären Struktur über eine effizientere Nachfolgeregelung verfüge. Dazu zählten auch die «Frauen, die eine aktivere Rolle übernommen haben und häufig ihre Männer ersetzen, wenn diese im Gefängnis sind». Nicola Gratteri spricht von einem «Mafiasystem, das auf Blutsbanden basiert». Mit Hochzeiten würden kriminelle Dynastien gegründet – oder auch Clans versöhnt. So haben etwa die beiden Familien De Stefano und Tripodo aus San Luca in den 90er-Jahren eine langjährige Fehde mit einer Hochzeit beigelegt. Hochzeitsbankette von ’Ndrangheta-Angehörigen dienen oftmals auch als eigentliche Gipfeltreffen der jeweiligen Clans.

Die familiären Strukturen erleichtern nicht nur die Nachfolgeregelungen innerhalb der Clans. Sie sorgen auch dafür, dass es kaum ’Ndranghetisti gibt, die als sogenannte Pentiti mit den Behörden kollaborieren. «Ein Pentito müsste seine nächsten Verwandten verraten, was er niemals täte», sagt Gratteri. Deshalb sei die ’Ndrangheta zur «vertrauenswürdigsten kriminellen Organisation der Welt geworden». Und zum grössten Problem der Mafia-Ermittler, liesse sich anfügen. Denn nebst den Telefonabhörungen sind die Kronzeugen ihr wichtigstes Instrument im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.

«Wer kokst, hilft ’Ndrangheta»

Zusammen mit den lateinamerikanischen Drogenkartellen beherrscht die ’Ndrangheta den weltweiten Kokainhandel. Den andern bleibt nur noch der «Detailhandel» in ihren jeweiligen Einflussgebieten. Mit den enormen Gewinnen aus diesem und den anderen Geschäften dürfte sie die legale Wirtschaft immer mehr durchdringen und mit in den Strudel des organisierten Verbrechens ziehen. Ein Beispiel ist die Mehrwertsteuerbetrugsaffäre, in die auch die italienische Swisscom-Tochter Fastweb involviert ist. Laut der zuständigen Römer Staatsanwaltschaft steht der Bedarf der Mafia, ihre illegalen Gewinne in den legalen Wirtschaftskreis zu schleusen, am Anfang der ganzen Affäre.

Längst sei die ’Ndrangheta in Italiens Wirtschaftsmetropole Mailand ebenso präsent wie in Kalabrien, sagen die Anti-Mafia-Ermittler. Nando Della Chiesa spricht gar von der «grössten Gefahr für Mailand und die Lombardei». Das Problem sei, dass «alle so tun, als ob sie nichts sähen». Vielen Unternehmern fehle die zivile Verantwortung. Grosse Bedenken hat Della Chiesa im Hinblick auf die Weltausstellung von 2015, die in Mailand stattfinden wird. Die anstehenden Milliardeninvestitionen in Bauten seien ein gefundenes Fressen für die ’Ndrangheta.

Auch Nicola Gratteri warnt davor, die ’Ndrangheta als Problem Kalabriens abzutun. «Zu denken, dass die Mafia nur in Süditalien agiert, ist die erste Kapitulation vor ihr», sagt er. «Die zweite ist: Wer Kokain konsumiert, subventioniert die ’Ndrangheta.»

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt