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Die grosse Illusion

100 Jahre Oktoberrevolution: Die Macht lag nach der Abdankung des Zaren buchstäblich auf der Strasse.

Staub der Geschichte: Die Lenin-Statue in St. Petersburg wird kurz vor den Feierlichkeiten gründlich gereinigt.
Staub der Geschichte: Die Lenin-Statue in St. Petersburg wird kurz vor den Feierlichkeiten gründlich gereinigt.
Keystone

Für die «zehn Tage, die die Welt erschütterten», wie US-Journalist John Reed sie nannte, brauchte es nur zwei Dinge: die theoretischen Werke von Karl Marx und das praktische Genie eines Waldimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Niemals hätte Marx damit gerechnet, dass die «Lokomotive der Geschichte», die Revolution, im unterentwickelten, geradezu mittelalterlichen Russland losdampfen würde.

Marx hatte prognostiziert, dass die sich verschärfenden Klassengegensätze in den industrialisierten Staaten, begleitet vom tendenziellen Fall der Mehrwertrate, also des kapitalistischen Profits, zu einem Aufstand des Proletariats führen müssten. Im Gegensatz zu früheren Klassenkämpfen, wo eine Herrschaftsform von einer anderen abgelöst wurde, hätten die Benützer von Sichel und Hammer aber die Möglichkeit, eine klassenlose Gesellschaft zu errichten, in der der Staat als Herrschaftsinstrument abstirbt. So viel zur Theorie, die Lenin in seinem Werk «Staat und Revolution» auf den Schultern von Marx stehend entwickelte.

«Morgen wäre es zu spät, gestern war es zu früh», erkannte Lenin. In den Wirren, die der Erste Weltkrieg in Russland ausgelöst hatte, lag die Macht buchstäblich auf der Strasse, der letzte Zar hatte Anfang 1917 abgedankt. Es brauchte nur eine Handvoll entschlossener Berufsrevolutionäre, um sie zu ergreifen.

Als in der Nacht zum 25. Oktober 1917 (nach unserem Kalender am 7. November) bolschewistische Aufständische strategische Punkte in der Hauptstadt St. Petersburg einnahmen und symbolisch den Winterpalast stürmten, die ehemalige Residenz der Zaren, und die dort residierende Kerenski-Regierung nach Hause schickten, war die leninistische Kaderpartei urplötzlich der Herrscher über Russland.

Wenige Tausend Soldaten des Militärisch-Revolutionären Komitees unter Führung Trotzkis hatten dazu ausgereicht. Die Machtergreifung fand in aller Stille statt, selbst die Bevölkerung von St. Petersburg erfuhr davon erst durch die Zeitungen des nächsten Tages.

Flackernde Flamme der Revolution

Perfekt auf den Tag der Machtergreifung abgestimmt, begann am 7. November 1917 der zweite Allrussische Sowjetkongress, in dem Lenins Bolschewiken über eine komfortable Mehrheit verfügten. Mit der Proklamation «An die Arbeiter, Soldaten und Bauern» informierte Lenin seine russischen Mitbürger, dass sie nun in einer Sozialistischen Sowjetrepublik lebten.

Moskau wurde 1918 zur Hauptstadt, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wurde Ende 1922 gegründet. Theoretisch waren Lenin und die damals 20 weiteren Mitglieder des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei die Herrscher über den grössten Flächenstaat der Welt, der zu seinen besten Zeiten ein Siebtel des Festlands der Erde umfasste und 1926 rund 150 Millionen Einwohner hatte.

In Wirklichkeit herrschten die Bolschewiki im anschliessenden Bürgerkrieg zeitweise nur in einigen wenigen Grossstädten, darunter St. Petersburg (damals Petrograd, von 1924 bis 1991 Leningrad) und Moskau. Der Ausstieg aus dem immer noch andauernden Ersten Weltkrieg kostete die revolutionäre Regierung im Friedensvertrag von Brest-Litowsk die Kontrolle über die Ukraine, die Krim und Teile von Weiss- sowie Südrussland. Die neu geschaffene Rote Armee, nach den Vorstellungen Stalins als revolutionäre Milizarmee ohne militärische Ränge und mit gewählten Offizieren, versagte kläglich in allen Auseinandersetzungen.

Erst die Übernahme des Oberbefehls durch Lew Bronstein, Kampfname Trotzki, brachte die Wende. Er griff auf zaristische Offiziere zurück und stellte ihnen Politkommissare zur Seite, die für politische Zuverlässigkeit sorgen mussten. Gegen diese Rote Armee stürmten Kosaken an, die konterrevolutionäre Weisse Armee unter Kornilow und später Denikin, abweichende politische Bewegungen wie die Sozialrevolutionäre, nationale Minderheiten wie die Ukrainer.

Dazu das militärische Eingreifen der Entente mit deutschen, englischen, französischen Truppen und Söldnern, der Aufstand des Militärdiktators Koltschak von Sibirien aus: Ende 1918 kontrollierte die Oktoberrevolution nur einen winzigen Teil Russlands, der sich von St. Petersburg bis Rostov und von Vitebsk bis Kazan erstreckte. Im Mai 1919 deklarierte Lenin: «Wenn wir vor dem Winter nicht den Ural einnehmen, so wird die Niederlage der Revolution unvermeidlich sein.»

Der Bürgerkrieg endete erst 1922 mit der Einnahme von Wladiwostok ganz im Osten durch die Rote Armee. Er kostete schätzungsweise zehn Millionen Menschen das Leben. Vom Aufbau einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft konnte natürlich in dieser Zeit keine Rede sein. Es herrschte Kriegskommunismus, die vergesellschafteten Produktionsmittel und die von Grossgrundbesitzern enteigneten Latifundien wurden in den Dienst des Abwehrkampfs gestellt. Auch Diskussionen oder gar Fraktionsbildungen im Machtzentrum der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) wurden untersagt, alles hatte sich dem Überleben der flackernden Flamme der Revolution unterzuordnen.

Vom Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft kann keine Rede sein.

1922 hatten die Bolschewiken zwar militärisch gesiegt, aber zu welchem Preis. Ihr Führer Lenin war zu dieser Zeit durch die Folgen eines Attentats und mehrerer Schlaganfälle kaum mehr handlungsfähig, bis er 1924 starb. Sein letzter Versuch, mit der Neuen Ökonomischen Politik die katastrophalen Auswirkungen der ersten Umsetzung von rein theoretischen marxistischen Überlegungen, wie eine sozialistische Wirtschaft funktionieren solle, zu korrigieren, zeigte zwar positive Auswirkungen.

Sie löste den Kriegskommunismus ab, legalisierte gewinnorientierte Produktion, erlaubte Eigeninitiative der Bauern und durchaus auch Bereicherung von Produzenten und Händlern, führte teilweise den freien Markt wieder ein. Gleichzeitig wurde die Macht des Kontrollapparats und von Apparatschiks gestärkt, um dennoch die «Kommandohöhen der Wirtschaft», wie Lenin sie nannte, weiter zu beherrschen. Und im Hintergrund bereitete Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili, ein intellektuell kleines Licht aus Georgien, seine Machtübernahme vor. Er wurde unter dem Namen Stalin zur Nemesis aller Hoffnungen und Träume, in der Fortführung der Französischen Revolution eine neue, humane, gerechte, solidarische Gesellschaft von glücklichen Menschen aufzubauen, in der Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit das Einzige ist, was herrscht.

Leuchtendes Beispiel Sowjetunion

Sobald Stalin, der Stählerne, 1928 zum unangefochtenen Alleinherrscher wurde, setzte er wieder ausschliesslich auf Kollektivierung, Verstaatlichung und rücksichtslose Industrialisierung. Schlimmer als die Umsetzung marxistischer Theorien in der Praxis war wohl nur die Umsetzung durch einen Diktator, der sie zwar anwenden wollte, aber nicht verstanden hatte.

Die Oktoberrevolution in Russland begann bereits mit einem Grundlagenirrtum. Ihre intellektuellen Führer, Lenin, Trotzki, Sinowjew und Bucharin, begründeten den Sieg des Sozialismus im rückständigsten Land, das nur zum Teil in Europa liegt, damit – völlig konträr zu der ihr Denken beherrschenden marxistischen Ideologie –, dass so das schwächste Glied der kapitalistischen Kette zerstört worden sei. Unvermeidlich sei das der Start der Weltrevolution, bei der die Bourgeoisien der entwickelten imperialistisch-kapitalistischen Staaten eine nach der anderen hinweggefegt würden – befeuert durch das leuchtende Beispiel der Sowjetunion, dem ersten Arbeiter- und Bauernparadies der Welt.

Alle Unzulänglichkeiten, bürokratischen Absurditäten, Hungersnöte, das Fehlen jeglicher Mitbestimmungsmöglichkeit der Massen über ihr Schicksal wurden mit sehr viel Gehirnschmalz wegbegründet. Das seien die Auswirkungen des Belagerungszustands, denen sich die Sowjetunion als erster und einziger sozialistischer Staat durch seine imperialistischen Todfeinde von Anfang an ausgesetzt sah. Die Rückständigkeit Russlands erlaube es nicht, in zu schnellen Schritten ins kommunistische Paradies zu stürmen.

Oder ganz einfach: «Which side are you on?», auf welcher Seite stehst du, wie es im grossartigen Lied von Florence Reece aus dem Jahr 1931 heisst. Bist du für den menschenverachtenden und ausbeuterischen Kapitalismus, der sich selbst zerstört und vielleicht auch den Planeten, wie er es gerade im Ersten Weltkrieg bewiesen hat? Bist du für den Faschisten Franco im Spanischen Bürgerkrieg oder für den Jahrhundertverbrecher Hitler in Deutschland? Oder bist du, bei allen Defekten, für die Sowjetunion als Keimzelle der Hoffnung der Menschheit? Einen dritten Weg gibt es nicht, entscheide dich.

An dieser Frage zerbrachen viele Menschen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. An dieser Entscheidung zerbrachen viele Menschen, während Stalin den Aufbau des Sozialismus in einem Land dekretierte, die überstürzte Industrialisierung der Sowjetunion vorantrieb, mit Schauprozessen die gesamte leninsche alte Garde der Bolschewiken auslöschte, den militärischen Kopf der Roten Armee ins Exil trieb und Trotzki 1940 in Mexiko ermorden liess, den letzten Überlebende des leninschen Politbüros, abgesehen von Stalin. Während es in der UdSSR zu Hungersnöten kam, die Kulakenklasse als Konterrevolutionäre ausgelöscht und ganze Völker umgesiedelt wurden, die Gulags sich füllten. Während Stalin mit seinem Führungsanspruch über die kommunistische Weltbewegung alle anderen kommunistischen Parteien in einen verhängnisvollen Kampf gegen die «Verräter» der sozialdemokratischen Bewegungen trieb. Während Stalin zwar die Gefährlichkeit Hitlers erkannte, aber meinte, mit einem Pakt dessen Angriff auf die UdSSR einige Jahre hinauszögern zu können. Auch daran zerbrachen viele Menschen. Und weil ein militärischer Kopf wie Trotzki fehlte, weil Stalin auch die alte Garde der roten Heeresführer liquidiert hatte, bezahlte das die Sowjetunion mit Millionen von Toten, Zerstörung und schrecklichen Niederlagen, bis dann ausgerechnet Stalingrad die Wende brachte.

Im Keim erstickte Hoffnung

Für die Nachgeborenen, die weder die Existenz der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten in Osteuropa noch ihren Zusammenbruch im Jahre 1991 erlebt haben, ist die Oktoberrevolution von 1917 der staubige Stoff, aus dem Geschichtsbücher gemacht sind. Diese Nachgeborenen leben in einer Welt, in der noch ein paar afrikanische und lateinamerikanische Staaten behaupten, sozialistisch zu sein. In der lupenreinen marxistisch-leninistisch-stalinistischen Tradition sieht sich nur noch Nordkorea, wobei sie auch dort durch die sogenannte Juche-Ideologie ergänzt wird, die wohl nicht mal ihr Erfinder, Kim der Erste, wirklich verstanden hat.

Und dann gibt es die Weltmacht China, die sich als sozialistische Volksrepublik bezeichnet und in der die Kommunistische Partei den Alleinherrschaftsanspruch verteidigt. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion waren sich aber das grösste und das bevölkerungsreichste Land der Welt nicht grün, da sich China niemals dem Führungsanspruch der UdSSR unterordnete. Was das heutige China allerdings mit den Ideen von Marx, Lenin und selbst Mao zu tun hat, ist völlig unerfindlich.

Die Oktoberrevolution war ein Fanal, der Kristallisationspunkt für die Hoffnungen von Millionen, dass aus den Verheerungen des Ersten Weltkriegs, des Zweiten Weltkriegs die Menschheit einen zivilisatorischen Schritt hin zu einer besseren Gesellschaft macht. Stattdessen begann nach 1945 der Kalte Krieg zwischen dem kommunistischen Lager, angeführt von der Sowjetunion, und dem westlichen Lager, angeführt von den USA. Beide Supermächte strebten nach der Weltherrschaft, teilten den ganzen Planeten in Einflusssphären auf, führten unzählige Stellvertreterkriege. Obwohl sie wussten, dass keiner den endgültigen Sieg erringen kann, weil beide über die Möglichkeit der vollständigen atomaren Zerstörung der Welt verfügten.

Was das heutige China mit den Ideen von Marx, Lenin und selbst Mao zu tun hat, ist unerfindlich.

Aber immerhin gab diese bipolare Welt ein Koordinatensystem vor, mit dem die Erde vermessen wurde. Which side are you on? Im Zweifelsfall konnte man diese Frage für jeden Flecken des Planeten ohne zu zögern beantworten, je nach ideologischer Präferenz. Der einbalsamierte Leichnam Lenins, einige Jahre Seite an Seite mit dem Kadaver Stalins, liegt bis heute in seinem erstaunlich modern wirkenden Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. In seiner «Kantate zu Lenins Todestag» dichtete der grosse Bertolt Brecht, wie ein Soldat der Totenwache nicht glauben wollte, dass der Führer der Oktoberrevolution wirklich tot sei. Er ging ins Mausoleum und schrie Lenin ins Ohr: «Die Ausbeuter kommen!» Er rührte sich nicht. «Jetzt weiss ich, dass er gestorben ist.»

War Lenin ein unermüdlicher Kämpfer für das Gute, ein Feind des Schlechten, der Ausbeutung, eines menschenverachtenden wirtschaftlichen Systems? Oder ein machtgieriger Verbrecher, dessen Taten ganze Generationen ins Unglück stürzten, dessen System die Menschheit an den Rand der Vernichtung trieb? Oder war es wieder einmal gut gemeint, aber schlecht gekonnt? Hatte er hehre Ziele, allein die Umstände verhinderten ihre Umsetzung? Da muss sich bis heute jeder selber entscheiden: Which side are you on?

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